Mädchenbeschneider entgehen Strafe

Ärzte zeigen Genitalverstümmelungen nicht an – obwohl sie regelmässig Opfer behandeln.

Auch in der Schweiz zahlreiche Opfer dieser grausamen Praxis: Ausstellung zum Thema Beschneidung im Ethnografischen Museum in Genf, 2010.

Auch in der Schweiz zahlreiche Opfer dieser grausamen Praxis: Ausstellung zum Thema Beschneidung im Ethnografischen Museum in Genf, 2010. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

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Sie operieren mit unsterilen Messern, Scheren, Rasierklingen und Glasscherben. Ohne Anästhe­sie amputieren die Beschneider Schamlippen und Klitoris, verätzen die Genitalien, im schlimmsten Fall wird die Vagina der Mädchen und Frauen danach zugenäht. «Und das ist erst der Anfang des Leidens», sagt Gynäkologin Elisabeth Lebeda. «Genitalverstümmelungen werden meistens an Minderjährigen durchgeführt. Sie haben dann ein Leben lang höllische Schmerzen während der Menstruation oder beim Sex.»

Seit 2012 ist die Verstümmelung weiblicher Genitalien im Strafgesetzbuch explizit verboten. Der Artikel sieht bis zu zehn Jahre Gefängnis vor. Bis heute hat jedoch niemand diese Straftat angezeigt. Auch vergangenes Jahr nicht, wie die kürzlich veröffentlichte Kriminalstatistik zeigt – und das, obwohl es in der Schweiz zahlreiche Opfer dieser grausamen Praxis gibt.

Gemäss einer nationalen Studie der Unicef waren 2013 hierzulande 10 700 Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen oder davon bedroht. Aktuell sind es laut Bundesamt für Gesundheit bereits 15'000. Eine Folge der Zuwanderung aus Ländern wie ­Somalia, Eritrea und Äthiopien, wo bis zu 98 Prozent der Frauen und Mädchen beschnitten werden.

Vier von fünf Frauenärzten hatten bereits Kontakt mit beschnittenen Frauen.

Dass die Tat unentdeckt bleibt und deshalb nicht angezeigt werden kann, ist praktisch unmöglich, wie die Erhebung der Unicef bei über 1000 me­dizinischen Fachpersonen zeigt. Demnach hatten vier von fünf Frauenärzten bereits Kontakt mit beschnittenen Frauen. Bei den Hebammen waren es zwei von drei.

Hinzu kommen die Kinderärzte: 15 Prozent gaben an, dass sie schon Mädchen mit amputierten Genitalien in der Praxis hatten. Und: 2 Prozent der Befragten haben frisch beschnittene Patientinnen behandelt. Diese wurden also beschnitten, als sie in der Schweiz waren oder kurz bevor sie eingewandert sind.

Aktuelle Zahlen zeigen ebenfalls, dass Ärzte immer wieder mit Fällen von Genitalverstümmelung zu tun haben. In der Frauenklinik des Kantonsspitals St. Gallen werden jährlich rund fünf betroffene Frauen betreut. In einer speziellen Sprechstunde am Universitätsspital Zürich sind es 20 bis 30 pro Jahr. Auch am Universitätskinderspital beider Basel wurde «das ärztliche Personal mit Fällen von weiblicher Genitalverstümmelung konfrontiert», wie ein Sprecher sagt.

Dass trotzdem niemand An­zeige erstattet, begründen Ärzte und Fachstellen damit, dass die Tat oft schon weit zurückliege oder im Ausland begangen worden sei. Deshalb, heisst es unisono, sei eine Anzeige nicht sinnvoll.

Staatsanwaltschaften würden Anzeigen begrüssen

Fakt ist aber: Laut Schweizer Strafgesetz ist die Genitalverstümmelung auch dann strafbar, wenn der Eingriff im Ausland vorgenommen wurde. Die Verjährungsfrist beträgt 15 Jahre, ist also relativ lang. Werden minderjährige Mädchen beschnitten, verjährt die Straftat zudem erst, wenn sie das 25. Altersjahr vollendet haben.

Ohne Anzeigen sind den Strafverfolgungsbehörden die Hände gebunden. Ein Sprecher der Berner Generalstaatsanwaltschaft sagt: «Es wäre aus unserer Sicht begrüssenswert, wenn solche Sachver­halte gemeldet und geahndet würden.» Das gelte grundsätzlich für alle Straftaten. «Es entspräche auch dem Willen des Gesetzgebers.» Corinne Bouvard von der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft hält fest: «Wir begrüssen es sicherlich, wenn solche Fälle gemeldet und auch bestraft werden.»

Mit der Revision des Kinderschutzrechts hat das Parlament im Dezember beschlossen, die Melde­rechte und -pflichten bei Straftaten gegen Kinder auszuweiten. Auch Ärzte dürfen diese nun melden, ohne sich vom Berufsgeheimnis entbinden zu lassen. Dass dies dazu führt, dass Genitalverstümmelungen angezeigt werden, ist zweifelhaft. Grosse Kantone wie Bern und Zürich hatten das Melde­recht schon bisher so geregelt. Bei Straftaten gegen Minderjährige sieht das Strafgesetz für Ärzte längst ein Melderecht vor.

Die Meldepflicht wurde ebenfalls ausgeweitet – doch sie gilt nach wie vor nicht für Ärzte. «Es besteht die Befürchtung, dass bei einer Melde­pflicht die Betroffenen dann keinen Arzt mehr aufsuchen, auch bei einer medizinischen Notwendigkeit nicht», sagt Michael Jordi, Zentralsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz. Zudem könne sich eine Anzeige negativ auswirken: «Weil häufig die Eltern ­beteiligt sind, kann es soziale oder gar traumatische Folgen für das Kind haben, wenn es womöglich gegen die eigene Mutter oder den Vater aussagen müsste.»

Ohne Anzeigen werde sich indes nichts ändern, sagt SVP-Nationalrätin Natalie Rickli, Mitglied der Rechtskommission. Sie sei «schockiert», dass Ärzte beschnittene Kinder und Frauen untersuchten, ohne dass strafrechtlich etwas passiere. «Wenn es keine Verurteilungen gibt, werden diese schweren Verletzungen stillschweigend akzeptiert.» In der Sommersession will Rickli das Gespräch mit Justizministerin Simonetta Sommaruga suchen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.05.2018, 19:24 Uhr

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