Schweizer KZ-Opfer erzählen

Ein neues Sachbuch gibt den 400 Schweizerinnen und Schweizern ein Gesicht. Ihre Geschichte war bisher kaum erforscht worden.

Ein neues Buch erzählt eindrücklich die Schicksale von Schweizer KZ-Opfern.

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Wer ein Buch zur Hand nimmt, übersehe nicht die Widmungen. In diesem Fall überraschen sie ­besonders: Balz Spörri und René Staubli, zwei der drei Autoren, widmen ihr am Dienstag erscheinendes, historisches Sachbuch ihren Nachkommen. Nun ist eine Geschichte über Schweizer KZ-­Opfer, erst noch in Buchform, womöglich nicht die naheliegendste Lektüre einer jungen Generation. Umso auffälliger die Widmungen – man ist versucht, sie als Mahnung zu deuten, dass auch die nächste Generation der Nachgeborenen sich der Gräuel dieser Zeit bewusst bleiben soll. Erfahrungsgemäss verblasst die Erinnerung, wenn die letzten Zeitzeugen verstorben sind. Das wäre in diesem Fall besonders fatal, erleben wir es doch gerade wieder, dass am rechten Rand der politischen Parteien mit dem Thema Nationalsozialismus als «Vogelschiss» der deutschen Geschichte gezündelt wird.

Zusammen mit dem Journalistenkollegen Benno Tuchschmid legen die Autoren auf 300 Seiten in Text und Bild einen eindrücklichen Überblick über die Schicksale der Schweizer KZ-Opfer vor. Sie wissen deren Geschichten so zu erzählen, dass man 80 Jahre später noch davon erschüttert wird. Es ­genügte, einen vorbeimarschierenden Sturmtrupp der SA nicht mit dem Hitlergruss zu grüssen, um als Auslandschweizer zusammengeschlagen und abgeführt zu werden; es genügte, homosexuell zu sein; wer in einem kommunistischen Sportverein aktiv war, verlor den diplomatischen Schutz des Heimatlandes, weil man solch ­vaterlandslose Gesellen hier nicht zurückhaben wollte.

Die Schweizer Tanzlehrerin Marcelle Giudici-Foks am Strand in Royan an der französischen Atlantikküste vor der Deportation. Foto: Archiv Marie-Claire Giudici, Royan

Das Buch zeichnet das Spektrum der Opfer mit zehn Lebensgeschichten nach: Marcelle Giudici-Foks etwa, eine lebensfrohe junge Mutter und Tanzlehrerin, nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazis nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht; Fritz und Frieda Abegg, Sohn und Tochter einer ausgewanderten Obwaldner Bauernfamilie, deportiert ­wegen der Unterstützung österreichischer Partisanen und danach verschollen; Gino Pezzani, ein Tessiner Maler, deportiert aus Frankreich ins KZ Sachsenhausen unter dem Verdacht der Unterstützung der Résistance, entlassen 1945 als gebrochener Mann.

Kaum Schutz aus der Schweiz

Die Reaktionen von Politik, Medien und Institutionen hier­zulande auf die wachsenden nationalsozialistischen Gräuel im Nachbarstaat schaffen den Spannungsbogen durch das ganze Buch. Speziell deswegen, weil sie in den verschiedenen Phasen der Konzentrationslager so unterschiedlich ausfallen. Erst lassen Schweizer Funktionsträger Deutschland ge­genüber zeitweilig noch so etwas wie Mut erkennen, etwa der ­Gesandte Paul Dinichert, der in einzelnen Fällen inhaftierter Schweizer in Berlin furchtlos interveniert und auch die eine oder ­andere Freilassung bewirkt. Die Lager dienen in dieser Phase in ­erster Linie der Repression, Einschüchterung und Gehirnwäsche. Auch das Justizdepartement in Bern kommt mehrfach zum Schluss, dass die Verhängung der «Schutzhaft» gegen Schweizer ­Bürger, also die Inhaftierung nicht zulässig sei.

Und wiewohl die Repression für Auslandschweizer mit jüdischen Wurzeln jetzt lebensbedrohlich ist, erhöht die Schweiz den Schutz ihrer Bürger nicht.

Viele Schweizer Medien lassen allerdings die kritische Distanz zu dieser Schreckensherrschaft schon früh vermissen, noch bevor die Schweiz die Zensur einführte. Die Autoren dokumentieren eine Propagandareportage der «Schweizer Illustrierten» aus dem KZ Oranienburg, publiziert zum Frühlingsbeginn 1933 («Arbeit bietet Zerstreuung»). Auch das «Berner Tagblatt» veröffentlicht einen lobenden Bericht, in dem der Gefängnisdirektor in Witzwil seine Anstalt als Modell der deutschen Lager sieht. Und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz zeigt sich noch 1940 nach einer Besichtigung des KZ Buchenwald befriedigt über die Haftbedingungen – als das Programm der systematischen Vernichtung dessen, was die Nazis als «unwertes Leben» definierten, schon im Gange war.

Nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazis wird die Schweiz noch vorsichtiger gegenüber dem grossen Nachbar, die Zahl ihrer bedrohten Bürger im Ausland nimmt mit dem Vormarsch der deutschen Truppen zu. Und wiewohl die Repression für Auslandschweizer mit jüdischen Wurzeln jetzt lebensbedrohlich ist, erhöht die Schweiz den Schutz ihrer Bürger nicht. In Berlin hat inzwischen Hans Frölicher den unbequemen Dinichert als Schweizer Gesandten ersetzt. Er sympathisiert mit den totalitären europäischen Regimen und ist alles andere als ein guter Schutzpatron für deren Opfer.

Kontakte zur Politik waren äusserst hilfreich

Der Frage, was die Schweiz zu welcher Zeit über die Gräuel wissen konnte und wie viel sie für die ­Betroffenen tat, beschäftigt die ­Autoren über das gesamte Buch. Interessant vor allem, für welche Opfer sich die offizielle Schweiz einsetzte: Am wenigsten tat sie für Randständige und Linke, die sie auch als Feinde der Schweiz einstufte, und generell wenig für die Juden, vor deren systematischer Verfolgung und Vernichtung sie lange die Augen verschloss.

Am meisten setzte sich die Schweiz für jene ein, deren Angehörige mit einem Funktionsträger in Politik oder Fremdenpolizei persönlich bekannt waren. Im Nachhinein erscheint schon beinahe als Zufall, wer in den letzten Tagen der zerfallenden Naziherrschaft noch vor den Todesmärschen aufgespürt und gerettet werden konnte. Für die meisten war es zu spät.

Das Buch gibt in einer abschliessenden Memorialliste allen Opfern einen Namen, einigen auch ein Gesicht. Im Ausland gibt es ­solche Listen längst, für Schweiz ist diese ein Novum. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, was diese Opfer durchlitten haben – geschweige denn, dass jemals ­wieder eine Zeit kommen könnte, in der Menschen anderen unter den ­Fiktionen Rasse, Normalität und politische Gesinnung millionenfach Leid zufügen.


Balz Spörri, René Staubli,Benno Tuchschmid:«Die Schweizer KZ-Häftlinge. Vergessene Opfer des Dritten Reichs», NZZ Libro, 318 S., ca. 48 Franken Buchvernissage: 29. 10., 19.30 Uhr, Kosmos, Zürich



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Erstellt: 26.10.2019, 17:20 Uhr

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