«Man macht, wofür man sich die meisten Likes erhofft»

Der deutsche Autor Tobias Haberl entzaubert die urbane Coolness.

Tobias Haberl, 44, ist Journalist und Autor mehrerer Sachbücher. Foto: PD

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Sie sind ziemlich wütend, nicht?
Ich bin abwechselnd wütend und melancholisch. Über allem schwebt die Ahnung, dass etwas faul ist in der sogenannten freien westlichen Welt, auf die wir so stolz sind.

Nämlich?
Ständig reden wir von Freiheit, Individualität und Moral, aber in Wirklichkeit sind wir gar nicht so frei und individuell. Und moralisch meistens nur, wenn wir kein Opfer bringen müssen. Die Digitalisierung hat den Konformitätszwang verstärkt, ständig werden wir angehalten, zu konsumieren, von Sneakers über Meinungen bis zu Gefühlen. Der Druck ist riesig. Die Folge sind eine zunehmende Gereiztheit auf den Strassen und blanker Hass in den sozialen Netzwerken. Die Gesellschaft zerfällt in unzählige Teilgruppen, die sich gegenseitig bekriegen.

Ihr Buch heisst «Die grosse Entzauberung» – was gibt es denn zu entzaubern?
Wir können heute alles mit einem Mausklick bestellen, es gibt keine Sehnsüchte mehr, die sich nicht sofort erfüllen lassen. Kritisiert man das, heisst es schnell: Wenn es dir bei uns nicht passt, geh doch nach Nordkorea. Dabei möchte ich die Möglichkeiten, die das westliche Leben bietet, nicht verteufeln, im Gegenteil, aber mir scheint, wir haben einen Punkt erreicht, an dem sich der technologische Fortschritt gegen uns wendet.


Ob beim Yogatreff im Bryant Park in New York oder auf Instagram: Jede und jeder gibt sich einzigartig, tut aber bloss, was alle tun. Foto: Getty Images

Zum Beispiel?
Am meisten stört mich, dass scheinbar negative Aspekte des Lebens geleugnet oder geglättet werden. Aus dem Angst-Kongress für Mediziner wird der Angstfrei-Kongress, aus der Schweigeminute im Fussballstadion die Jubelminute. Es scheint, als dürfe das Dunkle, Traurige nicht mehr stattfinden. Heute wird alles schön verpackt und sympathisch gemacht, niemand soll vor den Kopf gestossen werden, die Wirklichkeit wird mit einer hellblauen Kaschmirdecke überzogen.

Wir werden sozusagen infantilisiert?
Ja, wir werden behandelt wie Kinder, für die man nachts das Licht anlässt, denen man nicht zutraut, das Leben in seiner Widersprüchlichkeit meistern zu können. Am Ende benehmen wir uns eben auch wie Kinder, fühlen uns ständig angegriffen und gekränkt. Das Resultat sind Shitstorms und die Spaltung des Gemeinwesens. Eine souveräne Gesellschaft würde sich zu derart infantilen Reaktionen nicht hinreissen lassen.

Das Erschreckende an den sozialen Medien ist nicht nur das Gekreische, sondern auch die Humorlosigkeit. War eine Gesellschaft je so humorlos?
Tatsächlich versuchen heute die meisten Comedians, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Der tausendste Gag über einen so dankbaren Gegner wie Donald Trump, mit dem man nur Bestätigung sucht, kann aber nie überraschend und deshalb auch nicht lustig sein. Harald Schmidt, der Held meiner Generation, schoss in alle Richtungen und liess sich von keiner Seite vereinnahmen, auch nicht von der scheinbar guten. Er war unverschämt, aber brillant, trotzdem war sein Wertegerüst immer spürbar, gerade weil er es nicht thematisierte. Heute würde seine Late-Night-Show wahrscheinlich nach wenigen Wochen abgesetzt werden.

Es war noch nie so oft von Toleranz die Rede wie heute, gleichzeitig werden andere Meinungen oft kaum noch ertragen. Wieso?
Wir halten uns für tolerant und meinen oft nur minimale Abweichungen des eigenen Lebensmodells. Ich kenne Menschen, die setzen sich leidenschaftlich für Transmenschen ein, schimpfen im gleichen Atemzug aber über katholische Pfarrer, weil die ja sowieso alle Kinderschänder seien. Es gibt Gruppen, die sind en vogue, während andere pauschal zum Abschuss freigegeben werden.

Diese Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen und sich das Recht herausnehmen zu dürfen, über andere zu urteilen – das ist schon eher ein urbanes Phänomen?
Ich glaube schon. Auf dem Land haben die Leute oft handfestere Sorgen, für die sind diese Identitätsdebatten Luxusprobleme. Ich bin im Bayerischen Wald aufgewachsen, eine der vergessensten Gegenden Deutschlands, am Rand des Eisernen Vorhangs. Als Jugendlicher habe ich mich nach Berlin oder London geträumt, heute aber empfinde ich diese Zeit im Abseits als grosses Geschenk. Ich war naiv und hatte keine Ahnung, aber ich war frei.

Der grösste Unterschied zwischen Stadt und Land?
In der Stadt werden vor allem Identitätsdebatten geführt. Es geht um Lebensweisen, Geschmack, Ästhetik, Stil, darüber, was man repräsentieren möchte. Auf dem Land geht es eher um konkrete Probleme, um den Regen, der nicht kommt, die Steuern, die Rente, die Baustelle am Ortseingang.

«Der Wunsch, wahrgenommen zu werden, ist mächtiger als alle moralischen Bedenken.»

Viele Städter halten sich nicht nur für toleranter, sondern auch für individuell. In Ihren Augen ein Irrtum. Warum?
Der Individualismus ist eine grossartige Idee, für die gerungen und gestorben wurde. Momentan aber erleben wir ihre Pervertierung. Die Menschen sind nicht mehr damit zufrieden, ihr Leben nach eigenem Gutdünken führen zu können, nein, sie wollen auch einzigartig sein, und das sollen bitte schön möglichst viele andere Menschen registrieren. Dieser Narzissmus wird von den sozialen Medien befeuert. Jeder macht sich zur Marke, notfalls mithilfe der eigenen Neurosen oder Krankheiten. Hauptsache, man ist anders.

Weshalb ist da so wenig echte Individualität?
Freiheit ist anstrengend. Sie erfordert Selbstbewusstsein, Mut, Risikobereitschaft. Ich befürchte, viele Menschen haben nicht das Talent, um frei zu sein. Sie sehnen sich nach Sicherheit und verhalten sich so wie die meisten anderen, um ein bisschen Anerkennung zu bekommen. Offenbar mündet die Überindividualisierung in Konformität. Deshalb sieht man auf Instagram die immer gleichen Fotos von bunten Drinks, liebevoll inszenierten Altbauwohnungen und Yogaposen. Man macht, wofür man sich die meisten Likes erhofft.

Der moderne Mensch ist aber ja nicht nur Opfer, er weiss um die Mechanismen des Marktes und der grossen Tech-Firmen. Trotzdem sind alle bei Facebook.
Der Wunsch, wahrgenommen zu werden, ist mächtiger als alle moralischen Bedenken. Wir ahnen, dass Google und Facebook gegen uns arbeiten, unsere Daten abschöpfen, uns süchtig machen, um ihren Profit zu erhöhen, aber der Wunsch, dabei zu sein, ist grösser als das Bedürfnis, moralisch und konsequent zu handeln.

Tobias Haberl: «Die grosse Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen», Blessing-Verlag 2019, 288 S., ca. 29 Fr.



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Erstellt: 24.11.2019, 11:26 Uhr

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