Max Frisch und die CIA

Der US-Geheimdienst unterhielt ein riesiges Kulturprogramm. Davon profitierte Max Frisch.

Hielt die Verfassung der USA «wohl für die beste der Welt, wenn sie realisiert würde»: Schriftsteller Max Frisch 1981 in New YorkFoto: Sigrid Estrada/Max-Frisch-Archiv Zürich

Hielt die Verfassung der USA «wohl für die beste der Welt, wenn sie realisiert würde»: Schriftsteller Max Frisch 1981 in New YorkFoto: Sigrid Estrada/Max-Frisch-Archiv Zürich

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Erst als er die Toilette suchte, entdeckte Max Frisch in einem Seitengang ein Foto, das Richard Nixon mit Soldaten in Vietnam zeigte. Sonst deutete nichts auf den Krieg in Südostasien hin, als Frisch am 2. Mai 1970 zusammen mit seinem Verleger Siegfried Unseld das Weisse Haus in Washington besuchte. Und dies, obwohl die US-Streitkräfte nur Stunden zuvor mit dem Einmarsch in Kambodscha begonnen hatten.

«Die Stimmung im Haus ist keineswegs nervös», heisst es in Frischs Tagebuch. Obwohl später beim Empfang, beim Essen und Nachtisch (es gab Frucht­salat) die Gespräche auf Kambodscha kamen, zeigte sich die Nixon-Administration unbeeindruckt von den neuen Kriegsereignissen. Nichts erinnere zudem «an die Computer im Pentagon, nichts an die CIA», schreibt Frisch.

Der Empfang im Weissen Haus muss für den Schweizer, ein erklärter Kriegsgegner, völlig absurd gewesen sein. «Wie komme ich überhaupt an diesen Ort?», fragt sich Frisch in seinen Notizen. Heute kennen wir die Antwort: Es war die CIA, der Frisch die Einladung ins Weisse Haus zu verdanken hatte. Und letztlich war es die amerikanische Auslandspolitik, die ihm den Durchbruch als Romanautor ermöglicht hat.

Die These klingt kühn, lässt sich aber belegen: Seit einigen Jahren wird in Büchern und in Ausstellungen aufgearbeitet, wie die CIA während des Kalten Kriegs ein umfassendes Kulturprogramm betrieb. Ziel war es, sich gegenüber den Sowjets in Stellung zu bringen, die bereits in den 1930er-Jahren – mit Propagandaschauen und Einladungen für Europäer – eine Kulturoffensive begonnen hatten. Dem wollten die Amerikaner entgegentreten, indem sie möglichst viele Geistesgrössen für sich gewannen und sie für die Errungenschaften der USA empfänglich machten, damit sie sich ganz entschieden vom Kommunismus abwandten. Gefördert wurde deshalb fast alles – von literarischen Zeitschriften über Kunstausstellungen bis zu den Europatourneen des Boston Symphony Orchestra.

Involviert in diese kulturellen Bemühungen der CIA waren gleich mehrere Schweizer: Denis de Rougemont, Schwager von Bundesrat Max Petitpierre, war Präsident des «Kongresses für kulturelle Freiheit», der so etwas wie die ­zentrale Organisationseinheit des Geheimdienstprogramms war. «Preuves», die französische Zeitschrift des Kongresses, wurde vom Schweizer Literaturkritiker François Bondy herausgegeben – und ebenfalls von der CIA finanziert.

Profitiert hat aber auch Max Frisch: 1951 erhielt er ein Stipendium der Rockefeller Foundation, die auf das Engste mit der CIA verbunden war. Frisch ermöglichte sie einen einjährigen Aufenthalt in Amerika. Während dieser Zeit entstanden die ersten Entwürfe zum «Stiller»-Roman, der den Schweizer weltberühmt machte: die Erzählung eines gescheiterten Versuchs, sich selbst in Amerika neu zu erfinden; am Ende wird Stiller vom Schweizer Staat zur Führung seines früheren Lebens verurteilt.

Die Rockefeller Foundation definierte den Zweck ihres Stipendiums als «Investment in a man». Wie die internen Dokumente der Stiftung zeigen, wurde der Erfolg dieser Investition wiederholt überprüft – in Gesprächen, in denen eher beiläufig die gemeinsamen Ziele der CIA und der Rockefeller-Stiftung zur Sprache kamen. Auch bei diesen Interviews konnte man auf das Know-how der US-Geheimdienste zurückgreifen: Eine von Frischs Kontaktpersonen bei der Stiftung war Charles B. Fahs, der im Zweiten Weltkrieg dem Office of Strategic Services angehörte, dem Vorläufer der CIA.

Kulturkrieg: Tröpfelbilder gegen Revolution

Frisch wird kaum geahnt, geschweige denn gewusst haben, dass Fahs über konkrete Erfahrungen in Sachen Geheimdienst verfügte. Wie eng die Verbindungen seines Sponsors mit der US-Regierung waren, hätte ihm aber spätestens im Weissen Haus aufgehen müssen: Als sich Frisch mit Henry Kissinger unterhielt, unterbrach sie ein Anruf von Nelson Rockefeller, Gouverneur von New York und zugleich Sohn eines der Stiftungsgründer.

In der Kunstwelt ist Nelson Rockefeller bekannt als Förderer und Präsident des Museum of ­Modern Art, das den amerikanischen Expressionismus durchsetzte – finanziert über Tarnorganisationen der CIA und als Gegen­entwurf zum sozialistischen Realismus, der auf Szenen aus dem proletarischen Alltag und der russischen Revolution setzte.

Die Amerikaner pushten die abstrakte Kunst, darunter die Tröpfelbilder eines Jackson Pollock, die politisch so unverdächtig sind, dass sie in einer Grossbank hängen können. Der abstrakte Expressionismus korrespondiert auch mit Max Frischs Lebensmotto: «Du sollst dir kein Bildnis machen.» Mit dieser Maxime versuchte sich Frisch allen Festschreibungen im Sinne einer fixen Identität zu entziehen und für neue Selbstentwürfe offenzuhalten.

«Wir kennen ihn aus Harvard», schreibt Frisch in seinem Tagebuch über Henry Kissinger. An der Universität von Harvard hatte Nixons Sicherheitsberater seine politische Karriere begonnen: mit der Leitung von Sommerseminaren, denen grosse Bedeutung attestiert wird, was den Export amerikanischer Werte betrifft.

Wie wichtig Harvard für Frisch und die deutschsprachige Literatur war, wird sofort deutlich, wenn man sich die personellen Verstrickungen anschaut: In Harvard hatte Siegfried Unseld im Sommer 1955 die Dichterin Ingeborg Bachmann kennen gelernt, mit der Frisch dann drei Jahre später zusammenkam. Bei ihrem Besuch in Harvard soll sich Henry Kissinger in Ingeborg Bachmann verknallt haben. Dies wird in einer kürzlich erschienenen Biografie behauptet. Ob das stimmt, lässt sich kaum nachprüfen. Nachweisen lässt sich aber, dass viele wichtige deutschsprachige Autoren in Harvard bei Kissinger waren – von Martin Walser über Uwe Johnson bis hin zum Schweizer Urs Widmer, der eine Zeit lang als Lektor beim Suhrkamp-Verlag gearbeitet hatte.

Letztlich war es dieses Netzwerk, das Max Frisch ins Weisse Haus gebracht hatte. Und ja, auch das Harvard-Seminar wurde von der CIA gefördert.

CIA-Zeitschriften als «literarisches Krematorium»

«Wir dachten, das Geld käme von der American Federation of Labor, der grossen Gewerkschaft», erklärte François Bondy, nachdem 1967 erstmals aufgeflogen war, dass die CIA Millionen von Dollars in den «Kongress für kulturelle Freiheit» investiert hatte. «Wieso wir das geglaubt haben, kann ich noch jetzt nicht verstehen.» Denn eigentlich sei mit «blossem Auge» erkennbar gewesen, dass «Preuves» Geld verschlang, das von einer Gewerkschaft kaum hätte aufgebracht werden können.

«Ich weiss nicht, wie die Wirkungen von ‹Preuves› sind», schreibt Max Frisch in einem Brief, worin er 1955 die Frage zu beantworten versuchte, wie die Rockefeller Foundation eingreifen kann, um das europäische Selbstvertrauen zu fördern. Von Charles B. Fahs Vorschlag, eine weitere Zeitschrift als europäisches Forum zu gründen, war Frisch nicht überzeugt. Eine Zeitschrift sei kein geeignetes Mittel mehr, um eine Bewegung auszulösen, meinte Frisch. Für ihn waren solche Gazetten daher nichts anderes als ein «literarisches Krematorium».

Auch sonst schätzte Frisch die Wirkungsmöglichkeiten der Rockefeller Foundation als begrenzt ein. Wer mit der Regierung von Konrad Adenauer einverstanden war, «ob Künstler oder Gelehrter, wird nicht verhungern müssen», schreibt Frisch. Das Radio zahle gut, «wenn wir artig sind»; die deutsche Industrie «schmeichelt sich als Mäzen allenthalben ein». Unterstützung – Geld und Anerkennung – brauche nur die Opposition. Vor allem jene, die sich «gegen gewisse Entwicklungen» in den USA richte.

Wie ein Pionier: Max Frisch reist durch die USA

Bei der Rockefeller Foundation nahm man solche Kritik durchaus zur Kenntnis. Aber man freute sich auch an den Erfolgen, die das eigene Förderprogramm zeigte – und die nur zu deutlich waren: Während seiner ersten USA-Reise fühlte sich Frisch wie ein Pionier. So begeistert war er von der Möglichkeit, der Enge der Schweiz zu entkommen – und der Freiheit, sich selbst zu erfinden, die von vielen Amerikanern gelebt wurde. Ohne den Schulterschluss der Rockefeller Foundation und der CIA hätte Frisch diese Erfahrung wohl nie gemacht.

Als der Schweizer Autor von seiner ersten USA-Reise zurückkehrte, veröffentlichte er einen ­Artikel, der ganz entschieden dem Antiamerikanismus seiner Zeit entgegentrat; Frisch lobt die ­Bibliotheken, die Museen, die ­Literatur und – nicht zuletzt – die Verfassung der USA, «wohl die beste der Welt, wenn sie realisiert würde».

Von der politischen Realität zeigte sich Frisch hingegen wiederholt enttäuscht. Als er 1987 den Neustadt-Preis erhielt, trug er eine Collage mit eigenen USA-Texten vor. Darin finden sich harte Passagen zur US-Politik in Südostasien und Lateinamerika. «Walter Neustadt aus der Stifter-Familie schüttelte dazu mehrmals heftig den Kopf und mochte die Lesung am Schluss nicht beklatschen», berichtete die «SonntagsZeitung». Das Preisgeld stiftete Frisch einem Schulprojekt in Nicaragua.

Bei der CIA war man überzeugt, dass ein Buch das Handeln eines Einzelnen weitaus stärker verändern kann als jede andere Massnahme. Max Frisch hat mit seinem «Stiller»-Roman wie auch mit seinem «Fragebogen»-Buch Generationen von Lesern geprägt. Spitz gesagt: Wer sich, inspiriert von diesen Büchern, mit sich selbst und Frischs Frage beschäftigt, wie man sich allen Festschreibungen entziehen kann, dann verhindert er, dass er sich mit anderen solidarisiert. Und man ist anfällig für die Flexibilisierungsforderungen des westlichen Kapitalismus. Nichts anderes habe der US-Geheimdienst mit seinen Kulturprogrammen erreichen wollen, heisst es. 1974 interessierte sich das Intellektuellenorgan «Encounter» für den Druck von Frischs «Fragebogen». Vergeblich. Auch diese Zeitschrift hatte die CIA aufgebaut.

Wir danken dem Max-Frisch-Archiv an der ETH Zürich und dem Archiv der Rockefeller Foundation für die Einsicht in die Dokumente

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.02.2018, 10:01 Uhr

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