Medikament schädigt das Hirn von Kindern schwer

In der Schweiz bringen Dutzende Frauen Babys mit Hirnschäden zur Welt, nun gibt es Klagen gegen Hersteller und Ärzte. Betroffene Familien erzählen.

Ärzte informierten sie nicht über die Krankheitsursache: René und Karin F. mit ihren beiden Töchtern. Foto: Gabi Vogt

Ärzte informierten sie nicht über die Krankheitsursache: René und Karin F. mit ihren beiden Töchtern. Foto: Gabi Vogt

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Mila* kommt an einem warmen Frühlingstag im Jahr 2012 auf die Welt. Ihre Eltern, René und Karin F. aus dem Kanton Thurgau, freuen sich riesig auf das neue Familienmitglied.

Die ältere vierjährige Tochter macht ihnen hingegen zunehmend Sorgen. Sie entwickelt sich nicht wie ein gesundes Kind. Sie ist geistig verlangsamt. Die Eltern haben Ärzte konsultiert, aber keine Diagnose erhalten.

Und dann liegt Mila nach der Geburt auf dem Wickeltisch im Spital, und vom ersten Moment an ist klar: Auch mit ihr stimmt etwas nicht. «Sie war irgendwie leblos, sie hatte kaum Kraft, um zu trinken», erzählt ihre Mutter. Monate später schreiben die Ärzte in die Akte der Tochter, sie leide am sogenannten Valproat-Syndrom. Doch die Mediziner informieren die Eltern nicht.

Warnung für Schwangere erst seit 2017: Hersteller Sanofi weist Verantwortung zurück, man habe immer nach dem neusten Wissensstand informiert. Foto: pd

Was René und Karin F. ebenfalls nicht wissen: 2012, bei der Geburt von Mila, häuften sich bereits seit mehreren Jahren weltweit Meldungen von hirngeschädigten Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Valproat einnahmen.

Der Stoff ist unter anderem im Medikament Depakine enthalten, das als Mittel gegen Epilepsie und Migräneanfälle weitverbreitet ist. Der französische Pharmakonzern Sanofi hat Depakine in den 70er-Jahren auf den Markt gebracht und verdient damit jährlich rund eine halbe Milliarde Franken.

Warnung missachtet

2011 alarmierte die US-Heilmittelbehörde FDA die Ärzte. Das Mittel könne bei Kindern nicht nur zu körperlichen Schäden wie einer Spina Bifida (offener Rücken) führen, wie bisher angenommen, sondern auch zu starken geistigen Schäden. Die Behörden in der EU und der Schweiz reagieren nicht.

Milas Mutter, die Epileptikerin ist und seit vielen Jahren täglich hohe Dosen Depakine schluckt, bleibt ahnungslos. Erst als ihre jüngste Tochter, die inzwischen starke autistische Züge zeigt, 2015 drei Jahre alt wird, reagieren nach der FDA nun auch die europäischen Behörden. Besonders die Franzosen. Bis zu 6500 Kinder sollen wegen des Medikaments dort mit schweren Missbildungen zur Welt gekommen sein.

Drei Monate nach den Aufsichtsbehörden der EU-Länder folgt auch Swissmedic mit einer Warnung. Doch auch das dringt nicht bis zu René und Karin F. vor. Sie kämpfen sich mit Tränen und Erschöpfungen durch ein Leben mit zwei geistig beeinträchtigten Kindern. Sie nehmen es während vieler Jahre als ihr isoliertes Schicksal an – nichts ahnend, dass sich gleichzeitig in Wohnstuben anderer Schweizer Familien ähnliche Tragödien abspielen.

«Die Ärzte haben uns die Glaubwürdigkeit aberkannt»: Gabriela O., Mutter zweier Kinder. Audio: Anthony Ackermann

Das ändert sich schlagartig im Frühjahr 2017. In der Schweiz beginnen Medien über Depakine-Schäden bei Kindern zu berichten. Als René und Karin F. dies mitbekommen, sind sie fassungslos. «Wir hatten die Ärzte vor den Schwangerschaften immer wieder gefragt, ob die Epilepsiemedikamente Schäden bewirken könnten», sagt Milas Mutter.

Die Antwort sei immer dieselbe gewesen: Es gäbe höchstens das Risiko eines «offenen Rückens». Das könne man mit erhöhten Dosen von Folsäure minimieren. Zudem sähe man das in den ersten zwei Monaten im Ultraschall. Der Untersuch verlief gut. «Während der Schwangerschaft mit Mila hat die Neurologin die Dosis Depakine sogar von 1500 auf 2500 Milligramm erhöht», sagt Karin F.

Hohe Dunkelziffer

2017 wird schnell klar: René und Karin F. sind nicht allein. Seit den ersten Berichten über geschädigte Kinder werden bei Swissmedic immer neue Fälle gemeldet, bis 2019 werden es 39 Kinder sein, davon 18 mit geistigen Entwicklungsstörungen.

Doch die Dunkelziffer ist hoch. Laut internationalen Erhebungen erhalten die Heilmittelbehörden in der Regel in weniger als zehn Prozent der Fälle eine Meldung zu Nebenwirkungen. «Das ist ein Riesenproblem, weil wir so die Risiken eines Medikaments möglicherweise nicht richtig einschätzen können», sagt Christoph Küng, Leiter Arzneimittelsicherheit bei Swissmedic. Möglich ist, dass es in der Schweiz hundert oder mehr geschädigte Kinder gibt.

«Wenn man Ihnen sagt, Ihr Kind hat Autismus, und man hat keine Ahnung, dass es mit dem Medikament zu tun hat, macht man ein zweites.»Natacha A.

Die «SonntagsZeitung» hat neben René und Karin F. vier weitere betroffene Familien in der Deutschschweiz und der Romandie besucht. Ihre Geschichten sind praktisch identisch. Alle sind von ihren Ärzten nicht über die Gefahren aufgeklärt worden, sagen sie. Die meisten haben zwei geschädigte Kinder.

«Wenn man Ihnen sagt, Ihr Kind hat Autismus, und man hat keine Ahnung, dass es mit dem Medikament zu tun hat, macht man ein zweites», erzählt Natacha A. aus Lausanne, Mutter eines 18-jährigen geschädigten Sohnes. Sie plagen Schuldgefühle: «Es ist hart, weil man sich sagt: Ich habe mein Kind vergiftet.»

Macht sich Selbstvorwürfe: Natacha A., Mutter eines 18-jährigen geschädigten Sohnes. Foto: Gabi Vogt

Nach dem ersten Schock 2017 raufen sich die Eltern zusammen, sie suchen nach anderen Betroffenen, helfen sich gegenseitig, um das Unfassbare zu verstehen. Sie treffen sich. «Es war erschütternd, als wir die Kinder der anderen Eltern sahen», sagt Gabriela O. aus dem Kanton Zürich.

Kinder haben dieselben Merkmale

«Viele sehen sich ähnlich. Sie könnten Geschwister sein, egal, ob sie in Frankreich oder im Thurgau wohnen. Das macht das Medikament. Es ist unheimlich», sagt O., Mutter zweier Kinder (10 und 13) mit teils starken Beeinträchtigungen.

«Die Krankheit hat unsere Familie gesellschaftlich isoliert»: Gabriela und Daniel O. mit ihren beiden Kindern. Foto: Gabi Vogt

Um zu verstehen, was mit ihren Kindern passiert ist, verlangen die Familien von den Ärzten die Krankengeschichten. Und dann kommt Wut auf. Denn sie sehen, gleich wie die Eltern von Mila: Die Mediziner wussten von Anfang an Bescheid. In der Akte von Natacha A.s Sohn notiert der Arzt als Diagnose «Valproat-Syndrom». Und schrieb dazu: «Wir haben das den Eltern nicht gesagt». Dasselbe steht auf dem Patientenblatt eines anderen Kindes.

Wurden von den Ärzten nicht informiert: Mounir und Genevieve B. Foto: Gabi Vogt

Jetzt verstehen die Eltern auch, warum viele Kinder nach der Geburt gezittert und abnormal viel geweint haben. Sie waren auf Entzug von Valproat, sagen Spezialisten. «Meine zweite Tochter hat in der ersten Zeit sehr viel geschrien. Die Vorstellung, dass sie dabei einen Entzug erlebt hat, ist schrecklich», sagt Jacqueline M. aus dem Aargau. Ihre erste Tochter ist stark geistig beeinträchtigt. Heute nimmt sie das Medikament nicht mehr und hat kürzlich ein gesundes Baby zur Welt gebracht.

Um die Wahl gebracht

Erst Ende 2018 verschickt Swissmedic schliesslich eine dezidierte Warnung an die Ärzte. Nun heisst es nicht mehr, Valproat «sollte» schwangeren Frauen nicht verschrieben, sondern «darf» nur noch in Ausnahmen abgegeben werden.

«Es zeigen sich immer neue Symptome»: Jacqueline und Stefan M. mit ihren Kindern. Foto: Gabi Vogt

Christoph Küng von Swissmedic sagt, das Risiko von Entwicklungsstörungen sei bei Valproat schwer zu erkennen gewesen. Die ersten wissenschaftlichen Publikationen hätten noch keine hohe Evidenz ausgewiesen. Doch Küng räumt ein: «Wenn wir gewusst hätten, dass es Ärzte gibt, die ihre Patientinnen nicht genügend über diese relevanten Risiken informieren, hätten wir schon früher entschiedener gewarnt.»

Swissmedic unterschlägt zentrale Informationen

Der Skandal hat kürzlich den Bundesrat erreicht. Aufgrund eines Postulats der ehemaligen SP-Ständerätin Maury Pasquier legte er vor drei Wochen einen Swissmedic-Bericht vor. Doch darin fehlen wichtige Informationen. Es heisst, die Fälle von geistig und körperlich beeinträchtigten Kindern seien «fast durchwegs Ereignisse, die 10–20 Jahre zurückliegen» würden. Erwähnt wird eine angeblich letzte Geburt von 2014. Diese Darstellung ist falsch. Viele der Kinder sind nach 2009 zur Welt gekommen, und wie Recherchen zeigen, hat Swissmedic sogar Meldungen von Geburten aus dem Jahr 2017 – also noch zwei Jahre nach der ersten Warnung an die Ärzte.

«Fachpersonen sollen ihre Verantwortung wahrnehmen»: Jacqueline M., Mutter dreier Kinder. Audio: Anthony Ackermann

Die Valproat-Kinder werden nun zum Justizfall. Die Genfer Anwälte Pierre Gabus und Lucile Bonaz haben für insgesamt zehn betroffene Kinder Klagen gegen Sanofi und mehrere Ärzte eingereicht. An diesen Klagen beteiligt sich auch die Invalidenversicherung (IV), die zum Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) gehört.

Familien sollen entschädigt werden

Das ist in dieser Art eine Premiere. Die IV fordert von Sanofi die Kosten für die kranken Kinder zurück. Auf Anfrage sagt Sabrina Gasser vom BSV, man sei der Ansicht, dass Sanofi und die verschreibenden Ärzte die Patientinnen zu wenig aufgeklärt hätten. «Nun muss man das beweisen», sagt sie.

Sanofi verweist auf den Swissmedic-Bericht vom Dezember. Der zeige, dass in der Schweiz Massnahmen ergriffen worden seien, und zwar zeitlich jeweils entsprechend dem Wissensstand und den Informationen, die Sanofi den Behörden geliefert habe.

«Der Staat trägt eine gewisse Mitverantwortung.»Daniel Tapernoux, SPO

Auch die Epilepsie-Liga und die Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG) sehen sich nicht in der Verantwortung. Man habe frühzeitig gewarnt, sagt SNG-Präsident Hans Jung, Professor am Universitätsspital Zürich. «Wieso nicht alle Neurologen diesen Empfehlungen gefolgt sind, können wir leider nicht beantworten», sagt Jung. Es sei jedoch «anspruchsvoll», eine kindliche «Malformation» mit Sicherheit in Zusammenhang mit einem Medikament zu bringen.

Die Schweizerische Patientenorganisation (SPO) fordert von der Politik nun schnelles Handeln. «Die Familien sollten möglichst einfach und unbürokratisch finanziell entschädigt werden», sagt Daniel Tapernoux von der SPO. Es brauche einen Entschädigungsfonds, wie er auch für Asbest-Opfer geschaffen wurde. Sollten Herstellerfirma oder allenfalls grosse Haftpflichtversicherungen nicht zahlen, müsste der Staat einspringen. «Denn er trägt eine gewisse Mitverantwortung, weil er erst spät vor den Gefahren gewarnt hat», sagt Tapernoux.

Derweil geht das tägliche Leben mit dem Valproat-Syndrom für die Familien weiter. Sie isolierten sich vom Rest der Gesellschaft, weil die Umgebung ihre Situation nicht verstehe, sagt Karin F. Exakt dasselbe sagen auch die anderen Mütter. «Wir kapseln uns ab», sagt Jacqueline M., «und wir haben Angst, denn es zeigen sich immer neue Symptome bei den Kindern. Wir wissen nicht, was noch alles kommen wird», sagt sie.

* Name geändert

Die Gefahren des Medikaments Depakine sind seit 20 Jahren bekannt, trotzdem kamen bis 2017 geschädigte Kinder zur Welt.

Hinweise an: recherchedesk[at]tamedia.ch

Selbsthilfegruppe für Betroffene: www.assac.ch

Online-Umsetzung: Philippe Stalder



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Erstellt: 05.01.2020, 07:34 Uhr

Diese Medikamente enthalten den schädlichen Wirkstoff

Valproat kann bei Schwangeren gravierende Schäden beim ungeborenen Kind auslösen.

Depakine®
Depakine Chrono®
Valproate Chrono Sanofi®
Orfiril®
Valproat Chrono Desitin®
Valproat Sandoz®
Convulex®

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