Meghan und Harry nabeln sich ab

Das britische Königshaus zeigt sich fragil wie schon lange nicht mehr.

Ihre Bereitschaft, die Fassade zu wahren, nimmt ab: Meghan und Harry (M.) inmitten der königlichen Familie im Juli. (Anwar Hussein/Getty Images)

Ihre Bereitschaft, die Fassade zu wahren, nimmt ab: Meghan und Harry (M.) inmitten der königlichen Familie im Juli. (Anwar Hussein/Getty Images)

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Seit Dianas Zeiten hat man solche Ratlosigkeit, solche Nervosität nicht mehr erlebt bei den Royals. Verursacht haben ­diese Stimmung der Ungewissheit Dianas Jüngster, Prinz Harry, und dessen Frau Meghan – der Herzog und die Herzogin von Sussex, wie sie offiziell zu nennen sind.

Statt sich selber an die höfische Etikette zu halten, haben beide erklärt, warum sie die Konvention der «steifen Oberlippe» in der königlichen Familie für eine «schädliche» Sache halten. In einer Fernseh-Dokumentation hat Meghan enthüllt, wie unglücklich sie sich bei Hofe fühle und dass sie ihren Freundinnen nie geglaubt hätte, als diese sie warnten, die britische Presse werde ihr Leben «zerstören».

Sie sei leider sehr naiv gewesen, bekannte die 38-jährige Amerikanerin, die voriges Jahr bei den Windsors eingeheiratet hatte. Aber es könne ja «nicht nur darum ­gehen, zu überleben» – sie wolle «auch glücklich sein». Harry gestand im selben Programm, wie sehr ihn der Tod seiner Mutter noch immer schmerze und wie er neuerdings um das Leben seiner Frau fürchte. Die Wunde seiner Kindheit sei «unglaublich offen und das jeden Tag».

Sind ihre Tränen bloss gespielt?

Dass Harry so offen über seine Probleme reden konnte, rechneten ihm vor allem jüngere Leute positiv an. Auch Meghans Klage über ihre ­Situation konnten viele Zuschauer nachvollziehen – Mutter eines kleinen Kindes, fern der Heimat, auf fatale Weise in den «königlichen Zirkus» eingebunden, verfolgt von übelsten Schlagzeilen ­aller Art.

Kritischere Stimmen fragten ­jedoch, ob Meghan wirklich nie verstanden habe, welche Rolle ihr die Zugehörigkeit zur Monarchie, einer von der Öffentlichkeit finanzierten Institution, auferlegen würde.

Meghans Auftritt vor der Kamera, mit zitternden Lippen und einem anrollenden Tränchen, fand der Kolumnist Simon Kelner vom «Independent», sei doch nichts als «Quark», als «pures Selbstmitleid» gewesen: «Täusche ich mich – oder war Meghan Markle einmal Schauspielerin?»

Etwas distanzierte Zeitgenossen betrachten es jedenfalls als Fehler, dass sich Harry und Meghan auf diese Weise an die Öffentlichkeit wandten. Die TV-Doku werde sich als «eine komplette Katastrophe» erweisen für die Sussex’, meint PR-Experte Mark Borkowski.

Ihre Kommunikationsstrategie ist vielen nicht geheuer

Harry und Meghan könnten nicht Barrieren gegen die Boulevardpresse errichten wollen und diese zugleich mit Enthüllungen solcher Art füttern. Leichter, meint Borkowski, werde das Leben dadurch für die beiden nicht: Sie ­stünden ja weiter ganz vorn im Rampenlicht.

Wirklich brisant wurde es freilich, als Harry vor der Kamera auch einräumte, dass er und sein älterer Bruder William sich nicht mehr wie früher vertrügen. Es gebe «gute Tage und schlechte Tage» zwischen ihnen. Er und William wandelten inzwischen «auf unterschiedlichen Pfaden».

Nach diesen Äusserungen herrschte betroffenes Schweigen bei Hofe. Dann meldeten die BBC und die konservativ-königstreue «Times», William sei ernstlich «­besorgt» über die seelische Verfassung seines Bruders und der Schwägerin aus den Staaten. Das Paar sei offenkundig «in einem ­Zustand grosser Fragilität».

In der Tat weisen die «unterschiedlichen Pfade» der beiden Brüder darauf hin, dass William sich auf eine spätere Übernahme der Krone vorbereitet und formellen Ansprüchen zu genügen sucht, während Harry in der Thronfolge immer weiter abrutscht und ebenso wie Meghan nach einer Rolle sucht, die sich mit einem Celeb­rity-Status vereinbaren lässt, wie ihn sonst bei den Windsors niemand hat.

Darüber hinaus sind Harry und Meghan offenbar entschlossen, der Konvention der «steifen Oberlippe» bei den Windsors zu trotzen, ähnlich wie einst Diana, die sich ebenfalls gegen das Königshaus auflehnte. Harry fühlt sich mehr ihr verpflichtet als der väterlichen Linie. Älteren Royalisten aber, und all den Royals, die mit den Medien irgendwie auszukommen versuchen, beginnt das unheimlich zu werden.

Die Selbstzerstörung droht richtig Fahrt aufzunehmen

Immerhin hat die Queen mit ihrer strikten Zurückhaltung in persönlichen Dingen versucht, für Kritik so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Daraus und aus ihrem Pflichtbewusstsein habe sie, meinen ihre Getreuen, zeitlebens ihre Autorität bezogen. Was nun mit dem Herzog und der Herzogin von Sussex werden soll, denen das Leben auf der royalen Bühne zunehmend eine Last ist, weiss niemand genau.

Von Mitte November an hat das Paar jedenfalls sechs Wochen «Urlaub» beantragt, den es angeblich mit Söhnchen Archie bei Meghans Mutter Dora in Los Angeles verbringen will. Danach, heisst es, könnten Harry und Meghan sich für ein paar Jahre nach Afrika absetzen, um den anderen Windsors «aus dem Weg zu sein».

Am besten fände es «Times»-Kommentator David Aaronovitch, wenn beide, «schon um ihrer selbst willen, einfach ihre Titel abgeben und zu Privatbürgern werden würden, statt vergebens zu versuchen, die Institution ihren seelischen ­Bedürfnissen anzupassen». Das funktioniere nämlich nicht, meint Aaronovitch warnend. So fange die Selbstzerstörung erst richtig an.



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Erstellt: 26.10.2019, 21:45 Uhr

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