Mehr Alltag für Trump und Co.

Alltägliche Dinge könnten das Denken der Mächtigen dieser Welt verändern.

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Derweil Donald Trump das Atomabkommen mit dem Iran kündigte und dadurch die Welt etwas mehr an den Rand des Chaos brachte, freute ich mich am Regen, der über Auffahrt auf Erden fiel. Die Regentropfen, die immer stärker auf das Dach vor meinem Schlafzimmer prasselten, weckten mich auf. Ich lag im Bett, zufrieden und beruhigt, weil die Welt bekam, was sie brauchte. Nicht von Trump, aber vom Regen, den sich so viele herbei­gesehnt hatten, trotz der Freude und der Glücksgefühle, welche die sonnigen Tage in uns aufsteigen liessen.

Im Halbschlaf summte mir das Lied «Fällt ein Regen, leiser Regen» durch den Kopf; die traurige Geschichte von einem, der im Frühling an seine Liebste denkt, in deren Garten er gern eine Rosenknospe wäre, während er in der hohen, der dreistockhohen grauen Stadtkaserne dahinwelkt und darauf wartet, entweder in den Krieg oder nach Hause ziehen zu können. Und er hofft, sein Liebchen warte auf ihn, auch wenn es Herbst werden sollte bis zum Wiedersehen. Während in mir Musik aufstieg, versuchte der Hund, sich vor lauter Angst vor dem fernen Donner unter das Bett zu quetschen. Rette sich, wer kann, vor der Unbill der Welt.

Ich bin überzeugt, dass die kleinen Dinge des Alltags am Denken der Potentaten etwas bewirken würden.

Ja, ich habe den Regen herbeigesehnt; die schlaffen Blätter der stolzen Bäume an der Seepromenade in Zürich beelendeten mich ebenso wie mich die Sorge umtrieb, ob all das, was jetzt im Boden gedeihen sollte, die wunderschönen vielen Sonnentage ohne Wasser überstehen würde.

Kleine Sorgen, gewiss, an jenen der Welt gemessen! Vielleicht, so überlegte ich mir, während der Regen fiel, wären die grossen Sorgen der Welt aber kleiner, wenn sich die Mächtigen der Welt mehr mit Alltäglichem beschäftigen müssten. Man stelle sich vor, Trump kümmerte sich um das aufgeschlagene Knie von Sohn Barron und um Melanias Küchenmaschine, die den Smoothie nicht mehr schaumig rührt und komische Geräusche von sich gibt. Putin lägen die immer wieder verlegten Hörgeräte seiner alten, dementen Tante genauso am Herzen wie seine Machtfantasien. Die Despoten im Nahen Osten liessen sich berühren, weil viele Kinder entfernter Verwandter nicht genügend sauberes Trinkwasser haben, geschweige denn ihre staubigen und wunden Füsse waschen können.

Natürlich dürften sie daneben weiter regenten, die Potentaten der Welt. Etwas anderes können sie ja nicht, und unbeschäftigt wären sie wohl noch gefährlicher. Ich bin aber überzeugt, dass die kleinen Dinge des Alltags an ihrem Denken etwas bewirken würden – wenn sie sich berühren liessen von dem, was unser tägliches Leben ausmacht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2018, 19:44 Uhr

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