Mehr Krach!

Es ist wieder einmal Unplugged-Saison – dank neuen Akustikalben wie jenem von Gotthard. Dabei hilft in diesen Zeiten nur die Lautstärke. Ein Plädoyer für die einzig echte Rockmusik.

Leo Leoni (l.) mit Nic Maeder und Status-Quo-­Legende Francis Rossi, der auf «Defrosted 2» als Gast zu hören ist. Bild: Martin Häusler

Leo Leoni (l.) mit Nic Maeder und Status-Quo-­Legende Francis Rossi, der auf «Defrosted 2» als Gast zu hören ist. Bild: Martin Häusler

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Wer hat Angst vor der Lautstärke? Die Behörden, die sich immer neue Lärmschutz-regelungen ausdachten? Klar. Die Anwohner von Clubs, selbst in Stadtzentren? Immer mehr auch, leider. Doch es sind auch einige Musiker, die sich vorsätzlich der Feinfühligkeit hergeben, die da heisst: akustisches Album.

Und so schalten sie die Verstärker fast ganz aus. Weil es geht ihnen um Wärme, Nähe, ums Intime. Und um das grosse Popzauberwort Authentizität. Was wirkt da unmittelbarer und unverfälschter, lockerer auch, als die Instrumente für einmal auszustecken, die Lautstärke runterzudrehen und einfach so zu spielen und zu singen, als sässe man am Lagerfeuer?

Das sind die Versprechen, die Musiker machen, wenn sie akustische und aufwendig arrangierte Versionen ihrer Hits veröffentlichen. So viele unterschiedliche Popartisten halten derzeit dieses Versprechen hoch: Die währschaften Gotthard haben mit «Defrosted 2» eine Fortsetzung ihres Grosserfolgs «D-Frosted» aufgenommen (siehe Interview mit Bandleader Leo Leoni), eine hyperartifizielle Rockmusikerin wie St. Vincent legt Pianoadaptionen ihres verzerrten Meisterwerks «Masseduction» vor, und auch der MTV-Unplugged-Stempel lebt immer noch, dank dem kommenden Album von Udo Lindenberg, das mit Gaststars gespickt ist.

Als dürften sie sich im Namen der Echtheit alles erlauben

Fast wirkt es so, als seien wir wieder in den 90ern, als das Musikfernsehen noch eine Hitmaschine war und akustische TV-Auftritte beinahe zum Pflichtenheft der Popstars – von Aerosmith über Eric Clapton bis zu Rod Stewart – zählten. Oder es wirkt zumindest so, als hätten sich einige an das Nullerjahre-Motto «Quiet is the new loud» erinnert, als man zum Wollpulli-Sound von Folkies wie den Kings of Convenience munter-melancholisch dreinblicken durfte. Was ja prima passen würde zu den nun anstehenden besinnlicheren Tagen.

Vielleicht tut es ja auch gut, wenn dem hochgetunten und aufgedrehten Designerpop, der im Sommer aus den mobilen und sehr leistungsstarken Soundanlagen dröhnte, etwas Leiseres entgegengestellt wird. Das ist dann aber fast schon der einzige Trost. Denn Unplugged-Produktionen führen sich auf, als seien sie dem Verzerrten, dem Verstärkten überlegen. Als dürften sie sich im Namen der Echtheit alles erlauben.

Man hört dies ja auch, wenn an den Bahnhöfen dieses Landes Liederbarden ihre halbakustischen Instrumente via Kleinverstärker durch die Gassen jagen und abgenudelte Songs wie «Wonderwall» weiter verhunzen. Man spürt dies auch bei Konzerten von Ed Sheeran, der mit seinem burschikosen Auftreten und seinem Hauptinstrument – der akustischen Gitarre – verstecken kann, dass seine Loopstationen-Lieder genauso von der Stange sind wie jene seiner Popstarkollegen.

Dylan: «Play fucking loud!»

Was bei dieser Überhöhung des Echten vergessen geht, ist, wie wichtig die Elektrifizierung der Musikinstrumente war und immer noch ist. Und nicht nur den Rock ’n’ Roll möglich machte, sondern die Grenzen der verschiedensten Sparten immer weiter verschoben hat. Man denke etwa an Bob Dylan, der nach seinen Folktagen die akustische gegen die elektrische Gitarre eintauschte: 1966 wurde er in Manchester von seinen Fans als «Judas» geächtet, ausgepfiffen, ehe er sich zu seiner Band drehte und sie zu einer furiosen Version von «Like a Rolling Stone» anstachelte. Dylans Worte damals: «Play fucking loud!»

Man denke aber auch an Miles Davis in jener Phase, als er seine Trompete elektrifizierte – und seine Band gleich mit zwei E-Gitarristen besetzte. Es ging hier um Entgrenzung des Sounds, um neue Utopien, natürlich auch um die Vertonung von schlechten Drogenerfahrungen. Und die klingen halt selten warm, sondern eher verstörend.

Auch die pure Lust am Lärm kann leise wirken

Aber wer sagt denn, dass die pure Lust am Lärm, an der Lautstärke nicht auch berührend oder verletzlich, ja, beinahe still wirken kann? Wir sind dann bei Bands wie My Bloody Valentine oder Slowdive, die gedankenverloren ihre Gitarren spielen – und in den 90ern einen ozeanischen Sound entwickelten, in dem man untergehen kann. Und Songs schrieben, die erst in den letzten Jahren richtig wahrgenommen wurden.

Natürlich sind Lautstärke und Lärm auch Schilder, mit denen sich die Musiker schützen können und hinter denen sie sich und ihre Sensibilitäten verstecken. Kurt Cobain war ein solcher Musiker, der mit seiner Band Nirvana den Rock mit Noise, Soundeskapaden und messerscharfen Songs nochmals entgrenzte. Und phänomenalerweise auf diese Art Millionen von Platten verkaufte.

Nirvana wollten keine Gemütlichkeit simulieren

Wie sensibel diese Musik aber eigentlich war, wurde der Welt erst offenbar, als sie vor 25 Jahren ihr MTV-Unplugged-Konzert aufzeichneten. Anders als viele ihrer Zeitgenossen pumpten Nirvana ihre Hits nicht einfach zu akustisch arrangierten Powersongs auf – sie spielten in ihrem Set zur Verzweiflung der Sendungsverantwortlichen ja auch fast keine davon: Eine der lautesten Bands der Zeit wollte trotz den akustischen Instrumenten keine Gemütlichkeit, keine Lagerfeuermusik simulieren. Schon gar nicht Kurt Cobain, der sich fünf Monate später erschiessen sollte.

Die Musik, die Nirvana an jenem Novemberabend in New York City spielten, war alles: atemraubend, aufrüttelnd, berührend. Nur nicht leise.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.12.2018, 19:13 Uhr

«Die elektrische Gitarre ist der Töff»

Leo Leoni, Sie lieben die elektrische Gitarre, den Hardrock. Warum entschieden Sie sich dann, wieder eine akustische Gotthard-Platte zu veröffentlichen?

Ich habe ja nun auch noch eine andere Band – CoreLeoni –, mit der ich laut spielen kann. Und mit Gotthard fühlt es sich richtig an, 21 Jahre nach «D-Frosted» ein zweites akustisches Album zu veröffentlichen.

Warum?

Wir planten eigentlich bereits 2010, eine «D-Frosted»-Fortsetzung zu machen. Aber dann ging Steve in die Ferien – und kam nie zurück. Mittlerweile haben wir bereits drei Alben mit Nic Maeder am Mikrofon veröffentlicht, von dem her haben wir nun auch genügend neue Songs, die wir akustisch arrangieren konnten.

«D-Frosted» war damals Ihr grösster Erfolg. Sie wirkten aber in jener Phase frustriert, wie im Film «Gotthard – One Life, One Soul» zu sehen ist.

Man hat mir ja auch gesagt, dass diese akustische Phase nur etwa zwei bis drei Monate dauert. Daraus wurden zwei Jahre.

Und aus der klassischen Hardrockband Gotthard wurde zu jener Zeit eine Poprockband.

Nun, nur eine Poprockband im Sinne von populär, eine, die die Massen anspricht. Aber ja, wir wurden softer.

Was ist anders, wenn Sie akustische Gitarre spielen?

Die elektrische Gitarre ist der Töff, die akustische ein Velo, etwa so. Kurz, es ist alles anders – die Arrangements, die Art zu spielen –, aber ich liebe auch das Spiel mit der akustischen Gitarre.

Sie sind derzeit mit CoreLeoni auf Tour – mit der sie die härteren Songs der ersten drei Gotthard-Platten spielen. Gleichzeitig veröffentlichen Sie «Defrosted 2». Wie geht das zusammen?

Es sind eigentlich «the good and the bad», oder besser: beide Seiten von mir. CoreLeoni ist «old school», Gotthard ist meine Hauptband, mein Lebenswerk.

Das Akustische ist «bad»?

Nein, nein, beide meiner Seiten sind gut. Beides kommt von Herzen. Aber vielleicht ist es eher wie die Frage von früher: Gehst du die Beatles schauen? Oder die Rolling
Stones?

Benedikt Sartorius

Gotthard: «Defrosted 2» (Sony)

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