«Ein bis zwei Prozent fahren zu ruppig»

Im öffentlichen Verkehr werden immer mehr Personen verletzt. Mit ein Grund ist die Überwachung der Chauffeure, die Verspätungen aufholen müssen.

Fahrt im Bus ist gefährlicher geworden: In den Jahren 2014 bis 2017 stieg die Zahl der verletzten und ge­töteten Buspassagiere um 10  Prozent.

Fahrt im Bus ist gefährlicher geworden: In den Jahren 2014 bis 2017 stieg die Zahl der verletzten und ge­töteten Buspassagiere um 10 Prozent.

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Plötzlich wurde dem Postauto-Chauffeur schwarz vor den Augen. Er verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug, und der Gelenkbus krachte frontal in einen Baum. Der 60 Jahre alte Fahrer wurde hinter dem Steuer eingeklemmt, sodass die Rettungskräfte ihn befreien mussten. Auch sechs Fahrgäste wurden verletzt – drei von ihnen schwer. Der Unfall passierte am 2. Februar 2017 um 19.46 Uhr in der Stadt St. Gallen. Der Grund: medizinische Prob­leme des Chauffeurs. So steht es in der nationalen Ereignisdatenbank des Bundesamts für Verkehr.

In der Datenbank verzeichnen die Beamten seit 2010 sämtliche Unfälle im öffentlichen Verkehr der Schweiz. Die Verkehrsbetriebe müssen alle Todesopfer sowie alle Schwer- und Leichtverletzten melden. Registriert ist zum Beispiel die schwere Kollision eines Trams am 16. Oktober 2017 in Basel mit einem Lastwagen – der Zusammenstoss forderte 27 verletzte Passagiere. Eingetragen ist aber auch der Unfall einer Frau, die am 13. Januar 2016 in die Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn einsteigen wollte. Sie klemmte dabei ihren Arm in der Tür ein, wurde vom losfahrenden Zug mitgezogen – bis sie schliesslich zu Fall kam und schwer verletzt auf dem Perron liegen blieb.

Eine Auswertung der Daten über mehr als acht Jahre zeigt jetzt, wie gefährlich der öffentliche Verkehr für die Reisenden tatsächlich ist. Seit 2010 bis Juni 2018 gab es 7056 Verletzte und Tote bei Unfällen von Fahrgästen in Bussen, Trams und Zügen (Normal- und Schmalspur). Das sind im Schnitt mehr als zwei Opfer pro Tag.

1169 Verletzte bei Tramunfällen: Auffahrunfall 2013 in Basel. Bild: Keystone

Besonders schlecht schneiden mit 4518 verletzten und getöteten Passagieren die Busse ab – hier summieren sich fast zwei Drittel aller Fälle. Hinzu kommt, dass es für die Fahrgäste in Bussen in den vergangenen Jahren gefährlicher geworden ist: In den Jahren 2014 bis 2017 stieg die Zahl der verletzten und ge­töteten Buspassagiere um 10 Prozent. Eine Zunahme gibt es auch bei den Zwischenfällen in Trams. Einzig bei den Zügen ist ein Rückgang zu verzeichnen.

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Die Versicherungen der ÖV-Betriebe zahlen Millionen

Die Daten des Bundes zeigen auch: Schwere Kollisionen mit vielen Verletzten sind die Ausnahme. Viel häufiger sind Vorfälle mit nur einer oder zwei verletzten Personen. In der Datenbank sind weit über tausend «Fehlhandlungen beim Festhalten im Fahrzeug» aufgelistet – sogenannte «Ruck­unfälle» zum Beispiel. Hinzu kommen Hun­derte «Einsteigeunfälle» und «Stoppunfälle». Es kommt indes auch immer wieder vor, dass Kinderwagen umkippen, wenn die Busse enge Kurven fahren. Oder dass Fahrgäste eingeklemmt werden, wenn sich Türen schliessen.

4518 Verletzte bei Busunfällen: Im November 2017 verlor ein Chauffeur in Zürich die Herrschaft über seinen Bus. Bild: Keystone

Besonders fragil sind ältere Menschen. Sie bleiben mit ihren Rollatoren beim Einsteigen hängen oder stolpern beim Aussteigen, weil sie im Stress sind und ihren Anschluss nicht verpassen wollen. Es kommt sogar vor, dass die Senioren gleich komplett von den Sitzen geschleudert werden – zum Beispiel bei einer brüsken Bremsung.

Eine Analyse der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) zeigt ausserdem, dass bei der Hälfte aller schwer verletzten oder getöteten Passa­giere im öffentlichen Verkehr die Betroffenen 70 Jahre und älter sind.

Versicherungen zahlen mehrere Millionen Franken

Wie einschneidend ein Sturz sein kann, zeigt das Beispiel einer heute 90-jährigen Frau, die vor vier Jahren verunfallte. Nachdem sie eingestiegen war, fuhr der Fahrer «ruppig» los. Die Seniorin fiel hin und brach sich einen Lendenwirbel. Sie musste im Spital behandelt werden, eine Rehabilita­tion folgte. Die Kosten für die Behandlung beliefen sich schliesslich auf mehrere 10'000 Franken.

In diesen Fällen muss im Grundsatz die Versicherung des Verkehrsunternehmens zahlen. Jährlich zahlen die Versicherungen der Betriebe allein für solche Unfälle von Passagieren meh­rere Millionen Franken.

Die häufigsten Verletzungen bei älteren Fahrgästen sind Oberschenkelhalsbrüche. Bei Erwachsenen im mittleren Alter sind es Rückenverletzungen. Bei Unfällen mit Kinderwagen, die umkippen, komme es meist zu Kopfverletzungen, sagt Werner Anderegg von der Schaden Service Schweiz AG. Das Unternehmen kümmert sich für mehrere Krankenkassen um die Haftungsfrage bei Unfällen – vor allem auch um solche von Reisenden im öffentlichen Verkehr.

Die Chauffeure sind im Dauerstress

Die Rheumaliga Schweiz betreibt seit Jahren eine Sturzprävention. Für Expertin Barbara Zindel ist klar, wo die Probleme für die Senioren im öffentlichen Verkehr liegen. In älteren Zügen seien es vor allem «zu hohe Stufen», in Bussen und Trams «zu kurze Türöffnungszeiten». Und ein grundsätzliches Problem seien natürlich «ruckartiges Anfahren und Bremsen».

Vertreter der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) streiten das gar nicht erst ab. «Ich schätze, dass ein bis zwei Prozent aller Busfahrer zu ruppig und zu schnell fahren», sagt Christian Fankhauser, Gewerkschaftssekretär für die Branche Bus. Das eigentliche Pro­blem sieht er allerdings anderswo: Der Druck auf die Chauffeure werde immer grösser. Gerade in den Städten gebe es viele Stressfaktoren: «Das hohe Verkehrsaufkommen und die immer enger getakteten Fahrpläne führen zu einer ständigen Drucksituation.»

Die Chauffeure würden heute von der Zentrale aus sogar mit GPS kontrolliert. «Das ist sicher mit ein Grund für zu schnelles und ruppiges Fahren, weil Verspätungen aufgeholt werden sollen.» Das wie­derum führe zu mehr Stürzen bei den Fahrgästen. Daher würden ihn die «hohen Zahlen» der Auswertung auch «nicht überraschen».

«Es gibt zunehmend Betreiber, die ihr Personal in die Fahrschulung schicken.»Christian Fankhauser, SEV-Gewerkschafter

Das Bundesamt für Verkehr hat ebenfalls reagiert und diesen Frühling eine breit angelegte Sicherheitskampagne lanciert, die sich unter anderem direkt an Passagiere im öffentlichen Verkehr richtet. So liegt ein Fokus auf dem «Festhalten auf Stehplätzen im städtischen Nahverkehr».

Mittlerweile hätten auch die Busunternehmen das Problem mit den Passagierunfällen erkannt, sagt SEV-Gewerkschafter Fankhauser. «Es gibt zunehmend Betreiber, die ihr Personal in die Fahrschulung schicken.» In der Stadt Zürich zum Beispiel werden seit Mai die Busfahrer im vorausschauenden Fahren geschult. Das Programm «Eco Drive Smart» soll in erster Linie die Umwelt schonen, aber auch den Passagieren mehr Sicherheit bieten – weil es zu weniger abrupten Bremsmanövern führen soll. Ab Juli läuft die Schulung auch für das Trampersonal.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.06.2018, 20:57 Uhr

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Bund will die Statistik nicht mehr veröffentlichen müssen

In der Ereignisdatenbank des Bundesamts für Verkehr (BAV) werden alle Zwischenfälle im öffentlichen Verkehr (ÖV) vermerkt. Dazu gehören zum Beispiel Unfälle, technische Defekte am Roll­material, Sabotageakte, Naturereig­nisse oder Suizide. Das Register ist nicht öffentlich, die SonntagsZeitung hat mit Verweis auf das Öffentlichkeitsgesetz aber dessen Herausgabe verlangt; diesen Zugang will der Bund künftig unterbinden.

Ausgewertet wurden alle Fälle, bei denen 2010 bis Juni 2018 Reisende getötet sowie schwer oder leicht verletzt wurden. Die Kategorie Reisende umfasst in erster Linie alle Fahrgäste im öffentlichen Verkehr. Als Reisende gelten gemäss der Definition des BAV aber auch jene, die in ein fahrendes Fahrzeug einsteigen oder es verlassen. Nicht dazugezählt werden Personen, die an Haltestellen warten und einen Unfall erleiden. Ebenfalls nicht berücksichtigt sind Zwischenfälle beim Personal.

Gemäss der Definition des BAV gilt ein Passagier als leicht verletzt, wenn er sich ambulant von einem Arzt behandeln lassen muss. Als schwer verletzt gilt eine Person, wenn sie sich während mindestens 24 Stunden in Spitalpflege begeben muss. (db/vm)

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