Ultra-Feinstaub wird zur neuen Gefahr

Es gibt Hinweise darauf, dass die sehr kleinen Partikel Krankheiten wie Demenz, Alzheimer und Parkinson begünstigen können.

Belastete Luft ist schlecht für die Gesundheit: Smog in der Stadt Zürich.

Belastete Luft ist schlecht für die Gesundheit: Smog in der Stadt Zürich. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich ist es eine gute Nachricht: Die Luft in der Schweiz wird immer besser. Die Konzentration vieler für die Gesundheit relevante Schadstoffe erreichte im Jahr 2018 Tiefstwerte. Das zeigt ein neuer Bericht des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Die Behörde betreibt ein Netz mit Messstationen – sowohl in den Städten als auch auf dem Land, im Flachland und in den Bergen.

Besonders markant ist der Rückgang beim Feinstaub, nebst Ozon und Stickstoffoxiden einer der Leitschadstoffe. Mittlerweile liegen alle Feinstaub-Messstandorte des Bafu unterhalb des Grenzwerts – einzig in der Stadt Bern sind die Werte noch zu hoch. Gemessen werden alle Teilchen und Partikel, die im Durchmesser kleiner sind als ein Hundertstelmillimeter – PM10 nennen Experten diese Feinstaubkategorie.

Doch auch noch kleinere Teilchen schwirren immer weniger in der Luft herum. Im Juni 2018 hat die Politik auch für Partikel, die viermal kleiner sind als PM10, einen Grenzwert eingeführt. Derzeit liegen zwar noch die Städte Basel, Bern, Lugano und Zürich im Jahresmittel knapp über dem Grenzwert von PM2,5. Dennoch ist die Reduktion seit Messbeginn markant.

Es zeigt sich kein positiver Effekt auf die Volksgesundheit

Feinstaub kann in der Industrie oder in der Landwirtschaft entstehen, eine der Hauptquellen ist allerdings der motorisierte Verkehr. Die feinen Partikel werden bei Verbrennungsprozessen in den Motoren freigesetzt – ein grosser Teil des Feinstaubs ist Russ. Feine Partikel können aber auch als mechanischer Abrieb von Reifen und Bremsen gebildet werden. Und möglich ist auch, dass sich gasförmige Schadstoffe zu Feinstaubteilchen verbinden.

Doch so erfreulich die Messwerte in der Schweiz sind – ein positiver Effekt auf die Volksgesundheit zeigt sich nicht. Absurderweise ist sogar das Gegenteil der Fall: Die Schweizerinnen und Schweizer werden wegen schlechter Atemluft immer kränker.

Eine im März publizierte Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie in Deutschland bezifferte die Zahl der vorzeitigen Todesfälle in der Schweiz aufgrund der Luftverschmutzung pro Jahr auf mehr als 8500. Noch bis vor kurzem galt für die Schweiz eine Zahl von rund 2200 solcher Todesfälle als realistische Schätzung.

Unbestritten ist, dass dreckige und belastete Luft gravierende gesundheitliche Folgen haben kann – insbesondere bei einer Langzeitbelastung. So kommt es wegen schmutziger Luft zu mehr Lungenkrebs und Herzinfarkten, letztlich also zu mehr Todesfällen. Und auch die Häufigkeit von Atemwegserkrankungen wie Asthma steigt.

Meltem Kutlar Joss leitet die Dokumentationsstelle für Luftverschmutzung und Gesundheit (Ludok) am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. Sie ist nicht erstaunt ob der Diskrepanzen: Bei solchen Studien handle es sich um Schätzungen mit unterschiedlichen Ausgangslagen. Folglich gebe es immer gewisse Schwankungen bei den Zahlen.

Sie sagt aber auch: «Grundsätzlich ist es so, dass wir heute viel mehr wissen über Todesfälle im Zusammenhang mit schlechter Luft. Deshalb können auch immer mehr Todesfälle einer bestimmten Ursache zugeordnet werden.» Tatsächlich sind Luftschadstoffe wohl noch für mehr Krankheiten verantwortlich. Gut möglich also, dass die Zahl der 8500 Toten bald abermals in die Höhe geschraubt wird. Laut Kutlar mehren sich beispielsweise die Studien, «welche Zusammenhänge der langfristigen Luftbelastung mit dem Auftreten von Diabetes beobachten».

Wissenschaftler fanden Ultra-Feinstaub in Rattenhirnen

Schuld sein daran könnte ein Phänomen, das in der Schweiz nur Experten bekannt ist: Partikel, die so klein sind wie Viren, im Fachjargon Ultra-Feinstaub genannt.

«Wir vermuten, dass gerade der Ultra-Feinstaub neurodegenerative Krankheiten wie Demenz, Alzheimer und Parkinson begünstigen kann», sagt Nicole Probst-Hensch, die als Epidemiologie-Professorin am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut Basel «Volkskrankheiten» erforscht.

Denn je gröber die Partikel in der Atemluft sind, desto eher können sie wieder aus der Lunge herausgehustet werden. Je feiner sie aber sind, desto tiefer dringen sie in die Lungenbläschen ein. Und von da gelangen sie in die Blutbahn. Laut Probst-Hensch entstehen so «chronische Entzündungen, die viele Krankheiten auslösen können».

Bei Versuchen mit Ratten wiesen Forscher den Ultra-Feinstaub im Hirn und der Leber nach. In den USA untersuchen Wissenschaftler deshalb, ob die Partikel ein Risikofaktor sein können für Autismus oder Schizophrenie.

Das Bafu betreibt auch ein Messsystem für den Ultra-Feinstaub. Die gute Nachricht: Auch da ist der Rückgang in den letzten Jahren deutlich. Allerdings gibt es keinen Grenzwert. «Die wissenschaftlichen Resultate sind noch zu wenig aussagekräftig, als dass man zur Schädlichkeit gesicherte Aussagen machen könnte», sagt Richard Ballaman, Chef der Sektion Luftqualität beim Bafu. Die bestehenden Grenzwerte beim Feinstaub seien ausreichend. Schliesslich zeigten Messungen, dass gerade Dieselpartikelfilter die Emissionen beim Ultra-Feinstaub vermindern würden.

Die schlechte Luft ist fast so tödlich wie Tabakrauch.

Diese Meinung teilt der Schweizer «Partikelfilterpapst» Andreas Mayer jedoch nicht. Seiner Forschung ist es zu verdanken, dass die Unfallversicherungsanstalt Suva im Jahr 2000 in der Schweiz ein Obligatorium für Partikelfilter bei Dieselmotoren im Tunnelbau erliess. Die Schweizerische Krebsliga verlieh ihm dafür 2006 den Anerkennungspreis.

Mayer sagt: «Die Partikel, welche die Fahrzeuge im Verkehr ausstossen, werden immer kleiner und damit gefährlicher. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Schweiz auch für den Ultra-Feinstaub in der Atemluft einen Grenzwert einführt.» Die jetzigen Grenzwerte beim Feinstaub würden diesen «gefährlichen Anteil nicht adäquat berücksichtigen und daher dem gesundheitlichen Risiko in keiner Weise Rechnung tragen».

Wie schädlich die Luftverschmutzung ist, zeigt der Vergleich mit dem Tabakkonsum, dem laut Bund «grössten Problem der öffentlichen Gesundheit». Jährlich sterben 9500 Menschen vorzeitig, weil sie geraucht haben. Die schlechte Luft ist also fast so tödlich wie Tabakrauch. Forscherin Kutlar ist nicht überrascht: In der Schweiz rauche rund ein Drittel der Erwachsenen. «Von der Luftverschmutzung hingegen sind ein Leben lang alle 8,4 Millionen Menschen betroffen.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App (SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.04.2019, 09:22 Uhr

Der lange Kampf für gute Luft

1272: Todesstrafe wegen Kohlefeuer
Seit die Menschen Feuer machen können, tragen sie zur Verschmutzung der Luft bei. Erste dokumentierte Probleme traten allerdings erst im 13. Jahrhundert in England auf. Immer wieder gab es Beschwerden wegen der Verbrennung stark schwefliger Kohle. Im Jahr 1257 musste deshalb Königin Eleanor sogar die Stadt Nottingham verlassen. Im Jahr 1272 griff König Eduard I. (Foto) rigoros durch: Wer weiterhin schwefelhaltige Kohle verbrannte, wurde zum Tode verurteilt.

1952: «Great Smog» in London
Die grossen Probleme mit schlechter Luft tauchten aber erst mit der zunehmenden Industrialisierung auf – die Verpestung der Luft erreichte neue Ausmasse: Im Dezember verschluckte eine dichte Wolke aus Russ und Nebel die Stadt London. Ein Hochdruckgebiet schloss die Luft über der Stadt geradezu ein – derweil qualmten die Kamine der Stadt ­unermüdlich weiter. Das Resultat war eine Katastrophe: Bis zu 12'000 Menschen starben an den Folgen der Verschmutzung.

80er-Jahre: Kontroverse um das Waldsterben
Die Hysterie war gross in den 80er-Jahren, als das Phänomen des «Waldsterbens» aufkam. Experten prophezeiten wegen der Luftschadstoffe nicht weniger als das Verschwinden der Wälder: Sie seien nicht mehr zu retten, hiess es – schon in wenigen Jahren würden die ersten grossen Wälder verschwinden. Passiert ist dann allerdings das Gegenteil: In der Schweiz ist die Waldfläche seit den 80er-Jahren gewachsen. Immerhin: Die Hysterie führte in der Schweiz dazu, dass die Luftreinhalteverordnung erlassen wurde. Sie schützt die Menschen vor den schädlichen Auswirkungen der Luftverunreinigungen. Sie wird ständig verschärft.

1985: Bleifreies löst Superbenzin ab
Eine weitere Folge der Diskussionen um das Waldsterben war die Einführung von bleifreiem Benzin in der Schweiz im Jahr 1985. Gleichzeitig erhöhte der Bundesrat die Besteuerung von bleihaltigem Benzin, dessen Anteil als Folge immer weiter zurückging. Im Jahr 2000 erliess die Schweiz schliesslich ein Verbot für den Verkauf von verbleitem Motorenbenzin.

1986: Katalysatoren werden obligatorisch
Gleichzeitig nahm die Politik die Hersteller von Autos immer stärker in die Pflicht – auch das ist eine Folge der Diskussionen zum Waldsterben. Als erstes Land überhaupt führte die Schweiz im Jahr 1986 für alle neuen Autos gewissermassen ein Obligatorium für Katalysatoren ein. Die Vorschrift wirkte indirekt über einen Grenzwert, der nur noch mit Katalysatoren eingehalten werden konnte.

2013: Die Partikelfilter kommen
Schliesslich wurden die Vorschriften noch strenger: Die Politik legte 2013 einen Grenzwert fest, wie viele Partikel Dieselautos noch ausstossen dürfen. Der Wert (Anzahl Partikel pro Fahrkilometer) ist so tief, dass er nur noch mit einem Partikelfilter erreicht werden kann. Ab dem 1. September 2019 gilt dieser Grenzwert auch für neu zugelassene Benzinautos mit ­Direkteinspritzung – auch das ist nur noch mit Partikelfiltern zu schaffen. (DB)

Artikel zum Thema

Umdenken lohnt sich

Kommentar Es lockt das grosse Geschäft mit der sauberen Luft. Mehr...

«Kritik komplett unfundiert»: Ärzte streiten über Luftverschmutzung

Über 100 Lungenärzte kritisieren in Deutschland die Grenzwerte für Stickoxid und Feinstaub als zu streng. Das sorgt in der Schweiz für Verunsicherung. Mehr...

Von der Nase direkt ins Gehirn

Forscher finden zunehmend Hinweise darauf, dass Feinstaub und Abgase auch unsere geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen könnten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...