Mehrheiten und andere Fakten

Die St. Galler Kulturkommission förderte das «Kongo Tribunal» und das Stimmvolk hat für die Sanierung des Theaters gestimmt. Danke!

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Vorletztes Mal schrieb ich in dieser Kolumne über die No-Billag-Initiative. Letzte Woche schliesslich ging es darum, dass – wie unterdessen auf Nachfrage bestätigt – der St. Galler Stadtrat bei der Vergabe des Kulturpreises die freundlicherweise für mich votierende Mehrheit der Kulturkommission zugunsten einer seiner Ansicht nach passenderen Minderheitenmeinung revidiert hat. Und zwar mit einer völlig absurden Begründung betreffend meines «fehlenden Bezugs zur Stadt», die nicht nur die Fakten, sondern gleich auch die Statuten des St. Galler Kulturpreises ad absurdum führte.

Klar: Statuten, Mehrheiten, Fakten! Ein altmodischer Pedant, der sich auf diese Grundpfeiler unserer Demokratie berufen würde! Denn wie auch die selbstbewussten Reaktionen der für Schweizer Verhältnisse fast Rütli-Schwur-artig in die Wüste geschickten No-Billag-Initianten zeigen, stiften demokratische Mehrheitsentscheide in der Schweiz keine gemeinsamen Realitäten mehr. «This is my truth, tell me yours», sangen die Manic Street Preachers vor 20 Jahren ironisch, heute könnte es unsere Nationalhymne sein. So wird aus einem Mehrheitsentscheid, denn andere gibt es in einer Demokratie leider nicht, eine blosse Meinung. Und aus einem fröhlichen Gewinner ein – zugegeben – enttäuschter Verlierer.

Doch zu was anderem. Gestern sass ich in der Akademie der Künste in Berlin, um gemeinsam mit dem kongolesischen Anwalt Sylvestre Bisimwa und einigen Hundert Unterstützern ein Projekt anderen Zuschnitts zu präsentieren: Das «Kongo Tribunal», unseren Versuch, auf die 7 Millionen Toten im ostkongolesischen Bürgerkrieg eine künstlerische und juristische Antwort zu finden. Nun soll das Theater-Tribunal gegen die korrupte kongolesische Regierung und die grossen Minenfirmen, das aktuell als Film und Ausstellung durch die Welt tourt, zur festen Institution werden.

Dank privater Spender konnten ­bereits 100'000 Euro der benötigten 350'000 Euro für vorerst fünf Folge-­Tribunale gesammelt werden, und im Winter 2018 wird das mit kongolesischen und internationalen Anwälten besetzte Tribunal dann in ständige Tagung übergehen. Nach und nach sollen die fast 1000 Fälle von Massenverbrechen in der rohstoffreichen Region – in die, es muss erwähnt werden, auch Schweizer Firmen verwickelt sind – aufgearbeitet werden.

Warum ich das alles hier verkünde? Um meiner Heimatstadt ein Kränzlein zu winden, oder noch einfacher: um Danke zu sagen! Denn das «Kongo Tribunal» wurde, als die Idee einer Wahrheitskommission im Herzen des brutalsten Bürgerkriegs unserer Zeit noch schlicht grössenwahnsinnig war, von der St. Galler Kulturkommission gefördert! Trotz tatsächlich absolut keinem Bezug zur Stadt!

Und noch etwas: Die St. Galler haben gerade für die (nicht billige) Sanierung des St. Galler Theaters gestimmt. Jedenfalls mehrheitlich. Und in diesem Fall, so denke ich, sollte die Mehrheit reichen.


Milo Rau ist Theaterintendant in Gent und Essayist.

Erstellt: 10.03.2018, 23:38 Uhr

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