«Er dressierte mich wie einen Hund»

Selbsthilfegruppen für Partner von Narzissten erleben derzeit massiven Zulauf. Eine Betroffene erzählt.

«Es war wie eine Gehirnwäsche»: Linda Schmid über ihre Beziehung mit einem Narzissten. Symbolbild: Getty Images

«Es war wie eine Gehirnwäsche»: Linda Schmid über ihre Beziehung mit einem Narzissten. Symbolbild: Getty Images

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Es beginnt stets mit einem Wow. Ein Narzisst hat Charme und Esprit, wirkt souverän, weiss Aufregendes zu erzählen und überschüttet sein Gegenüber mit Komplimenten. Der ultimative Jackpot. Was den meisten Frauen in ihrem Endorphinrausch jedoch entgeht: Dieser Traummann hat ein Verfallsdatum. Ist das Objekt seiner Begierde erst einmal erobert, mutiert er nämlich zum ausbeuterischen Kontrollfreak.

Linda Schmid (Name der Redaktion bekannt) schüttelt immer noch fassungslos den Kopf, wenn sie zurückblickt und sich fragt, wie sie sich so brutal ausnützen lassen konnte. «Ich war am Schluss so ausgelaugt, dass ich dachte, ich verliere den Verstand. Er hatte mir mein ganzes Selbstvertrauen geraubt.» Er, das ist ihr Ex, mit dem sie drei Jahre zusammen war, bevor er sie für eine andere fallen liess. Spricht sie heute über ihn, zum Beispiel in der Selbsthilfegruppe, nennt sie ihn nur noch: «Indiana Jones».

Die eigenen Bedürfnisse gelten mehr als die aller anderen

Was Narzissten von anderen Fieslingen unterscheidet, die in jeder durchschnittlichen Liebesbiografie vorkommen: Es sind Meister der Manipulation, die ihre Beziehungspartner systematisch fertigmachen. Nicht mit Schlägen, aber mit Worten. Sie werten die Freundin oder den Freund so lange ab, bis von ihnen nur ein Häufchen Elend übrig bleibt. Dabei gehen sie so subtil vor, dass ihre Opfer den psychischen Missbrauch erst erkennen, wenn sie so kaputt sind, dass sie sich Hilfe holen müssen.

Selbsthilfegruppen für Angehörige von Narzissten haben derzeit massiven Zulauf. Ende 2017 gab es schweizweit erst vier, aktuell sind es zehn. Zahlreiche weitere Interessierte musste die Stiftung Selbsthilfe Schweiz mit Wartelisten vertrösten. «Wir gehen aber davon aus, dass bald weitere Selbsthilfegruppen gegründet werden», sagt Geschäftsführerin Sarah Wyss. Das klingt, als wäre eine narzisstische Epidemie ausgebrochen.

Tatsächlich liegt es vielmehr daran, dass man sich mit psychischen Störungen wie dem Narzissmus heute mehr auseinandersetzt. «Es wird öffentlich häufiger darüber gesprochen», sagt Wyss und nennt damit einen der Hauptgründe, weshalb sich immer mehr Betroffene melden, seien es Partner oder Kinder von Narzissten.

Überhaupt scheint Narzissmus das Phänomen unserer Zeit zu sein. Dank Donald Trump, dem man diese Persönlichkeitsstörung gern unterstellt, ist es medial dauerpräsent, der Selfie-Kult boomt, und in der Forschung streitet man darüber, ob die westliche Gesellschaft immer selbstsüchtiger wird. Eine Tendenz hin zu eigennützigem Verhalten lässt sich jedenfalls kaum von der Hand weisen. Denn wer sich – wie heute üblich – selbstverwirklichen will, stellt dafür die eigenen Bedürfnisse automatisch in den Vordergrund.

Selbstherrlichkeit muss deswegen nicht zunehmen, aber sie ist gesellschaftlich sicherlich besser akzeptiert als früher. Kommt hinzu, dass moderne Eltern dazu neigen, ihre Kinder auf ein Podest zu stellen und auch dann zu loben, wenn es nichts zu loben gibt. Gut möglich, dass eine Generation heranwächst, die glaubt, etwas ganz Besonderes zu sein und deshalb auch das Recht auf eine Sonderbehandlung zu haben. Genau so denken Narzissten.

Von sich aus zum Psychiater? Fehlanzeige

Linda Schmid ist «Indiana Jones» auf einer Online-Singlebörse aufgefallen. Ein attraktiver Mann mit Hund. Nach ein paar Dates entpuppte er sich als schlagfertiger Charismatiker, der sich im asiatischen Dschungel genauso gut auskannte wie mit Weihnachts-Cookies und Whatsapp-Poesie. «Wow, was für ein Traummann», dachte Schmid damals.

Sie war Anfang 40, stand mit beiden Beinen fest im Leben, hatte zwei «normale» Beziehungen hinter sich, wie sie sagt, und wollte sich wieder verlieben. Am Anfang stimmte alles. «Indiana Jones» trug Schmid auf Händen, machte ihr grosszügige Geschenke, ging auf sie ein. «Ich dachte, bei ihm bin ich sicher gut aufgehoben. Aber er war ein Raubtier und ich die Beute.»

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit sind auf die Bewunderung anderer angewiesen, um ihren fragilen Selbstwert aufzupeppen. Bleibt die Anerkennung aus, fühlen sie sich bedroht und werten andere ab, damit sie wieder die Oberhand gewinnen. «Indiana Jones» war schon gekränkt, wenn Linda Schmid bloss etwas für sich unternehmen wollte oder «zu viele» SMS von Freunden erhielt. Dann schmollte er demonstrativ.

In der richtigen Dosis ist Selbstbezogenheit förderlich.

«Ich fand es irgendwie herzig und betrachtete es anfangs als Liebesbeweis, dass er eifersüchtig war und Zeit mit mir verbringen wollte.» Dass sie in Wahrheit systematisch mit Liebesentzug bestraft wurde, weil sie sich nicht nach «Indiana Jones’» Bedürfnissen richtete, begriff Schmid erst viel später, in der Therapie.

«Als Persönlichkeitsmerkmal ist Narzissmus durchaus gängig», sagt Psychologin Carolyn Morf, die an der Universität Bern forscht. In der richtigen Dosis ist Selbstbezogenheit sogar förderlich. Doch je ­intensiver das Verhalten ausgeprägt ist, desto problematischer wird es für die Betroffenen und vor allem für ihr Umfeld. Krankhaft ist ­Narzissmus schätzungsweise bei 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung. In der Schweiz wären das rund 170'000 Menschen.

Auffällig ist, dass zwei Drittel davon Männer sind. In den Selbsthilfegruppen sitzen denn auch weit mehr Frauen. Ob ihre Partner tatsächlich eine Persönlichkeitsstörung haben, können die Teilnehmerinnen nur vermuten. «Narzissten gehen von sich aus kaum zum Psychiater», sagt ­Carolyn Morf. «Das Problem sind ja nicht sie, sondern die anderen.»

«Es war wie eine Gehirnwäsche, ich habe nur noch getan, was von mir verlangt wurde, weil ich ihn nicht enttäuschen wollte.»Linda über «Indiana Jones»

Menschen, die auf Narzissten «hereinfallen», sind weder besonders naiv noch besonders anhänglich oder gar dumm. Im Gegenteil. Damit sie als Partner überhaupt infrage kommen, müssen sie ihrerseits begehrenswert sein und gesellschaftlich etwas darstellen. Linda Schmid sieht nicht nur gut aus, sie hat auch einen kreativen Job und ein professionelles Netzwerk, das «Indiana Jones» für sich nutzen konnte. «Ich war eine Trophäe, mit der er gern angab. Mir war das peinlich, aber damals deutete ich es als Zeichen, dass er mich liebte.»

Drei Jahre lang hatte «Indiana Jones» sie fest im Griff. Mit der Zeit konditionierte er sie immer mehr darauf, sich seinen Wünschen zu unterwerfen. «Ich wurde manipuliert und merkte es anfangs nicht», sagt Schmid. «Im Prinzip dressierte er mich wie seinen Hund.» Die Erinnerungen wühlen sie auf. Ihre Stimme zittert.

«Wenn ‹Mr. Jones› schlechte Laune hatte, warf er es mir vor. Wenn der Sex schlecht war, lag es an mir.» An Schmid wurde dauernd herumgenörgelt, sodass sie sich immer kleiner und wertloser fühlte. «Es war wie eine Gehirnwäsche, ich habe nur noch getan, was von mir verlangt wurde, weil ich ihn nicht enttäuschen wollte.» Sie hat Tränen in den ­Augen. «Ich zweifelte fürchterlich an mir selbst.» «Indiana Jones» hatte sein Ziel erreicht. Schmid war seine Marionette.

Niemand wollte ihr glauben, dass sie der nach aussen so umgängliche «Indiana Jones» zu Hause drangsalierte.

Die permanenten Erniedrigungen haben sie so sehr «hirngelähmt», dass sie sich ihm zuliebe auf sexuelle Praktiken einliess, die ihr nicht entsprachen. «Es hiess jeweils: Dir ist immer alles zu viel, ich möchte etwas erleben, sonst ist es langweilig.» Im Klartext: Ich werde dich betrügen oder gar verlassen, wenn du mir nicht zu Diensten stehst. Dass das emotionale Erpressung ist, nahm Schmid nicht mehr wahr.

Die ständigen Ansprüche, denen sie nie genügte, haben sie ausgezehrt. Sie schlief nicht mehr, ass nicht mehr, wurde krank. Als ihr eine Bekannte berichtete, dass «Indiana Jones» sie schon lange betrüge, brach sie zusammen. «Im Spital hat er mich kein einziges Mal besucht – das neue Objekt seiner Begierde war da schon meine Nachfolgerin.»

Warum hat sie den Terror bloss so lange mitgemacht? Linda Schmid senkt den Blick, spielt eine Weile mit ihren Händen. «Er hat mich mit seinen Psychospielchen abhängig gemacht, aber das war mir nicht bewusst.» Ausserdem sei ihr Umfeld von «Indiana Jones» restlos begeistert gewesen.

Was für ein grossartiger Mann, da hast du aber Glück gehabt! Reibereien gehörten zu jeder Beziehung, hiess es meist, sie solle sich nicht so mimosenhaft anstellen. Niemand wollte ihr glauben, dass sie der nach aussen so umgängliche «Indiana Jones» zu Hause drangsalierte, um sie noch verwirrter und schliesslich mundtot zu machen. «Als ich erfuhr, dass diese Beziehungshölle einen Namen hat – Narzissmus –, war das wie eine Erlösung.»

Vielen Opfern ist das Verhalten vertraut

Weshalb ausgerechnet ihr das passieren konnte, versucht Linda Schmid in der Selbsthilfegruppe zu reflektieren. «Vielleicht habe ich bis 40 einfach zu wohlbehütet gelebt.» Vielleicht war sie einfach froh, einen so tollen Mann gefunden zu haben, um den sie viele beneideten, also hat sie sich angepasst.

Laut Forscherin Morf haben Partner von Narzissten nicht unbedingt einen schlechten Selbstwert, aber viele kennen die Verhaltensmuster bereits von ihren Eltern und lassen sich deshalb auf Typen wie «Indiana Jones» ein. «Was uns aus der Kindheit vertraut ist, finden wir auch im Erwachsenen­leben attraktiv», so Morf.

Einen weiteren «Mr. Jones» würde Linda Schmid allerdings nicht verkraften. «Diese Art von Missbrauch will ich nie mehr erleben.» Gemeinsam mit den anderen aus der Selbsthilfegruppe wappnet sie sich. Denn die Paranoia, wieder einem ins Netz zu gehen, der sie nur benützt, hat sie noch nicht überwunden. «Ich habe heute immer 200 Franken im Portemonnaie, damit ich, egal wo und zu welcher Tageszeit, ein Taxi rufen kann, wenn ich eine Situation nicht mehr ertrage.»

Wo Hilfe zu finden ist: www.selbsthilfeschweiz.ch

Erstellt: 16.03.2019, 18:20 Uhr

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