Mein Leben, mein Buch

Längst schreiben nicht mehr nur Prominente ihre Autobiografie – woher kommt dieser Wunsch, sein Leben für die Nachwelt festzuhalten?

«Erfahrungsgemäss besitzen viele Menschen im stillen Kämmerlein Aufzeichnungen über ihr Leben», sagt Kulturwissenschaftler Erich Bohli. Illustration: Birgit Lang

«Erfahrungsgemäss besitzen viele Menschen im stillen Kämmerlein Aufzeichnungen über ihr Leben», sagt Kulturwissenschaftler Erich Bohli. Illustration: Birgit Lang

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Vom Whistleblower zu den Wechseljahren dauert es bloss einen Klick. Wer beim Onlinehändler Amazon durch die Hitliste der neu erschienenen Autobiografien stöbert, findet das ganze Spektrum dessen, was sich das menschliche Leben an Dramen und Drämchen ausdenkt. Wir erfahren, wie der Ex-Geheimdienstler Edward Snowden durch seine Enthüllungen zum amerikanischen Staatsfeind und wie eine deutsche Youtuberin aus dem Berliner Problemviertel zur Beauty-Influencerin wurde. Wir lesen, wie Thomas Gottschalk seine Liebeskrise und wie eine Fernsehmoderatorin ihre wechseljahrbedingten Hitzewallungen überwand. Woche für Woche beweisen die Bestsellerlisten, dass mit einem interessierten Publikum rechnen kann, wer öffentlich Bekenntnis über sein Leben ablegt.

Dabei machen jene Autobiografien, die bei den Buchhändlern landen, nur einen kleinen Teil aller Lebensgeschichten aus, die schriftlich festgehalten werden. «Erfahrungsgemäss besitzen viele Menschen im stillen Kämmerlein Aufzeichnungen über ihr Leben», sagt Erich Bohli. Der 69-jährige Zürcher Ökonom und Kulturwissenschaftler hat vor fünf Jahren die Onlineplattform «Meet My Life» gegründet. Sein Ziel: dass Menschen ihre geheimen Schubladen öffnen und auf der Website ihre Lebensgeschichten publizieren. Dieser «historische Kulturschatz», findet Bohli, dürfe nicht auf privaten Computern verloren gehen.

Den Kindern und Enkeln etwas hinterlassen

Zu glauben, sein eigenes Leben sei spannend genug, um es zu Lesestoff zu verarbeiten, hat auf den ersten Blick ja etwas ziemlich Unschweizerisches, Unbescheidenes an sich. Doch es entspricht dem Zeitgeist: Noch nie wurde so viel Privates öffentlich verhandelt. Neben «Meet My Life» werben weitere Plattformen mit ähnlichen Angeboten, Volkshochschulen bieten Kurse für autobiografisches Schreiben an, Ghostwriter liefern gleich das fertige Manuskript ab. Autobiografien als Ausdruck einer selbstdarstellerischen Gesellschaft, die das Prinzip «Schmerz sells» verinnerlicht hat?

Im Gegenteil, sagt Erich Bohli: Die Autorinnen und Autoren auf seiner Website – mehrheitlich zwischen 60 und 90 Jahre alt – wollten um jeden Preis den Eindruck vermeiden, sich aufzuplustern. «In diesen Verdacht zu kommen, scheint mir eine der grössten Schreibblockaden zu sein», sagt Bohli.

Anders als bei Prominenten, deren Lebensbeichten manchmal reines Marketingmanöver sind, haben Autobiografien bei Privaten oft eine psychologische Funktion: den Kindern und Enkeln etwas hinterlassen, ein Kapitel in der Familiengeschichte abschliessen. Die Autobiografie als Katharsis.

Monika Gygli sagt es so: «Ich bin jetzt freier.» Sie hat ihre Geschichte auf «Meet My Life» niedergeschrieben, in mehr als 60 Kapiteln, über eineinhalb Jahre lang. Manchmal drei Kapitel am Tag, dann ­wieder musste sie zwei Wochen Pause machen. Oft mit Herzklopfen. «Man lebt alles noch einmal durch. Muss den Mut haben, unschöne Dinge hervorzuholen», sagt Gygli.

Und Krisen erfuhr sie immer wieder: Die 66-Jährige war als Kind fremdplatziert und als Jugendliche in die Psychiatrie Münsterlingen zwangseingewiesen worden; ihr Leben nahm mehrmals dramatische Wendungen. «Vor meiner Haustüre hat nichts haltgemacht», sagt Gygli. Erst vor drei Jahren, als der Bund Solidaritätsmassnahmen für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen in Aussicht stellte, begann sie sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Sie verlangte Einsicht in ihre Akten – und erkannte: «Meine Erinnerungen sind nicht falsch. Meine Vergangenheit ist vielleicht gar nicht so sehr meine Schuld.»

Das innere Aufräumen hat etwas Reinigendes

Sie begann ihre Erinnerungen festzuhalten, jahrelang hatte sie mit diesem Gedanken gespielt. Für Monika Gygli bedeutete Schreiben vor allem eines: loslassen. Über manche Grausamkeiten in ihrem Leben, etwa den sexuellen Missbrauch ihrer Tochter, hatte sie über Jahre geschwiegen, hatte Bekannte angeschwindelt, wenn diese sich erkundigten, wie es den Kindern gehe. «Dabei fühlte ich mich so», sagt sie und macht ein Geräusch, als ob ihr etwas im Hals stecken geblieben wäre. Nun, nachdem sie das Geschehene auf «Meet My Life» veröffentlicht hat, sei sie von einer Last befreit worden. «Ich muss nicht mehr die ganze Zeit daran denken», sagt sie. «Weil ich weiss: Es ist jetzt aufgeschrieben.»

Vielleicht muss man sich das Leben vorstellen wie eine Miniatur-Landkarte, die wir alle im Kopf haben, mit den Menschen, Orten, Erlebnissen, die uns prägen. Wer seine Geschichte aufschreibt, rückt die Spielfiguren in der einen Ecke der Landkarte, die bisher immer ein wenig unordentlich war, zurecht, überlegt sich, was zusammengehört. Es fällt nicht schwer, zu glauben, dass dieses innere Aufräumen etwas Reinigendes hat.

Die Autorin Franziska K. Müller macht ähnliche Erfahrungen. Sie ist Verfasserin zahlreicher Biografien und schreibt seit kurzem als Ghostwriterin auch die Lebensgeschichten von Privaten nieder. Und trifft damit offenbar ein Bedürfnis. «Das Interesse ist gross», sagt sie. Eine schwierige Scheidung, eine Kindheit im Krieg, eine erfolgreiche Geschäftsübergabe an den Sohn: Es gibt viele Gründe, warum Müllers Kunden – überwiegend über 50 Jahre alt – ihre Vergangenheit zu Papier bringen möchten.

Aus der Opferrolle heraustreten

Was mit den fertigen Manuskripten geschieht, sei jedem Einzelnen überlassen: «Manche drucken es ein Dutzend Mal und verteilen es in der Familie, andere schenken die Firmenchronik ihren Kunden zu Weihnachten.» Und nicht wenige legen das Manuskript erstmal zur Seite – in die Schublade eben.

Das Feuilleton verspottet Autobiografien und Schicksalsgeschichten gern als «Betroffenheitsliteratur», die mit der grossen Kitschkelle anrührt. «Beim Stichwort Autobiografie denken viele an die weisse Massai», sagt Müller. Eine gute Autobiografie aber biete mehr als nur die Erzählung einer grossen Krise – nämlich einen Weg daraus. Eine Art Anleitung, Anlass zur Hoffnung. Warum aber will jemand das überhaupt: mit seinen schmerzhaftesten Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen? «Es geht darum, aus der Opferrolle herauszutreten», sagt die Autorin. «Eine Autobiografie ist auch eine Bewältigungsstrategie.»

Sie nennt als Beispiel Georg Metger, den hinterbliebenen Vater und Ex-Mann im Vierfachmord von Rupperswil, von ihr stammt das Manuskript für seine 2018 erschienene Autobiografie. Monatelang hatte Metger selbst als Verdächtiger gegolten, war von Arbeitskollegen und Bekannten beargwöhnt worden. «Er wollte sich endlich Gehör verschaffen», sagt Müller. Oder Michelle Halbheer, das «Platzspitzbaby», die mit einer drogensüchtigen Mutter aufgewachsen war; auch ihre Lebensgeschichte hat Müller verfasst. «Personen wie sie fordern mit dem Schritt an die Öffentlichkeit Respekt und Anteilnahme ein – und erhalten diese auch.»

Ein steigendes Interesse an Biografien registriert auch Alfred Messerli vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich. Das sei einerseits gesellschaftlich bedingt: «Wir nehmen uns heute genug ernst.» Messerli ist Mitbetreiber der Plattform «Meet My Life» und gehört der Jury an, die Anfang 2020 den dritten Schweizer Autobiographie-Award verleihen wird.

Schon als der Professor für Populäre Kulturen in den 90er-Jahren in Gemeindearchiven Forschung betrieb, entdeckte er dort oft fotokopierte, in Kleinstauflagen hergestellte Autobiografien. Auf billigem Papier, einfach zusammengeheftet, «zum Teil ganz tolle Texte», sagt Messerli. Neu ist heute: Es wird publiziert. «Die Lebensläufe werden ins Internet gestellt und erreichen dadurch eine ganz andere Öffentlichkeit.»

Das eigene Werk im Selbstverlag herausgeben

Denn, und das ist der zweite Grund, weshalb Autobiografien beliebt sind: Es war nie einfacher, seine Geschichte zwischen zwei Buchdeckel zu bringen. Dazu braucht es heute weder Literaturagent noch Verlag – ein Computer reicht. Immer mehr Bücher erscheinen im Eigenverlag, Self-Publishing-Anbieter versprechen, den Traum vom eigenen Werk mit wenig Geld und ein paar Klicks zu realisieren. Der europäische Marktführer Books on Demand vermeldet bei den selbst verlegten Titeln Wachstumsraten im zweistelligen Bereich, auch die Anzahl Schweizer Autoren wachse. Der US-Konzern Amazon ist ebenfalls schon lange ins Self-Publishing-Geschäft eingestiegen.

Doch nur weil etwas geschrieben wird, bedeutet das noch nicht, dass es auch gelesen wird. Viele Erscheinungen im Selbstverlag – von einigen Ausnahmen abgesehen – kommen nie über ein Nischenpublikum hinaus. Monika Gyglis Autobiografie ist bisher erst rund 450-mal gelesen worden. Falls aus ihrer Geschichte dereinst ein Buch entstehen würde, wäre das schön, sagt sie. Noch immer setzt sie sich manchmal hin, verändert ein paar Dinge, schreibt etwas um. «Und irgendwann muss man es dann einfach sein lassen.»



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Erstellt: 05.10.2019, 20:09 Uhr

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