Mein Mann, seine Anabolikasucht und ich

Die Frau eines Bodybuilders erzählt über einen Alltag mit Training, Spritzen, Sexsucht und Gewalt.

In einer Beziehung mit einem Bodybuilder stehe man immer an zweiter Stelle, sagt Monica. Ihr neuer Freund hat einen Bierbauch. Foto: Philipp Rohner

In einer Beziehung mit einem Bodybuilder stehe man immer an zweiter Stelle, sagt Monica. Ihr neuer Freund hat einen Bierbauch. Foto: Philipp Rohner

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten des Jahres. Er erschien erstmals am 7. Dezember 2019.

Drei Jahre lang war sie mit einem Bodybuilder liiert, Monica beherrscht den Slang der Szene, sie redet vom «Stoffen», wie der Konsum von anabolen Steroiden bezeichnet wird. Ihr Ex habe «geladen», was der (Schwarz-)Markt hergibt. «Seine Muskeln bedeuteten ihm alles», sagt die 35-Jährige, «dafür riskierte er sein Leben.» Und machte ihres rückblickend zum Albtraum.

Monica spricht über das schwierige Zusammenleben mit einem Bodybuilder, davon, wie der Kraftsport auch ihren eigenen Alltag ­dominiert hat. Sie sagt: «Der Stoff hat ihn verändert.» Die Anabolika hätten den ohnehin temperamentvollen jungen Mann aggressiv, ­explosiv, sexbesessen gemacht. «Seine Zündschnur war sehr, sehr kurz.» Tatsächlich sorgt das in der Szene am häufigsten angewendete Testosteron-Doping nicht nur für eine Zunahme der Muskelmasse, es greift auch in die Psyche ein.

«Dem Frieden zuliebe» hat sie ihm Spritzen gesetzt

Monicas Ex gehört zur grossen Masse der Bodybuilder, die sich täglich im Gym quälen. Leistungsfördernde Substanzen wie Anabolika sind dabei längst kein Nischenprodukt für Spitzensportler mehr. Heute greifen vermehrt sogar Jugendliche zum Doping – um ihrem Ideal eines gestählten Körpers schneller nahezukommen. Ein Trend, der den Behörden bekannt ist. Die Verbreitung von Anabo­lika habe «epidemieartige Züge» ­angenommen, warnte kürzlich etwa die Aargauer Staatsanwaltschaft im «Tages-Anzeiger».

Kennen gelernt haben sie sich auf dem Ausgeh-Portal Tilllate, Monica war 26, er 24 Jahre alt. Die Art, wie er schrieb, interessiert und einfühlsam, hat ihr gefallen. Aber auch die breiten Schultern, wie das T-Shirt über den Muskeln spannte. Sie stehe auf kräftige Männer. Er hingegen liebte ihre weiblichen Kurven, mochte Frauen «mit Fleisch dran». Zum Sport habe er sie nie überreden wollen.

Sie musste zurückstecken: Nach dem Bürojob arbeitete er zwei bis drei Stunden an seinem Body. Einen Ruhetag gab es nicht, selbst mit Fieber schleppte er sich ins Gym. Für gemeinsame Unternehmungen fehlte die Zeit – und die Energie: Sein Körper verlangte nach Regeneration, nach viel Schlaf. Schon mit 16, 17 habe er mit Krafttraining begonnen, wie viele spätere Bodybuilder wurde er als dicklicher Bub gehänselt. Und er habe unter einem gewalttätigen Vater gelitten, habe sich geschworen: «Wenn ich gross bin, schlage ich zurück», erzählt Monica.

Testosteron habe er «geladen», später auch Insulin

Er verbrachte mehr Zeit vor dem Spiegel als sie, posierte mit angespannten Muskeln. Besonders zufrieden war er mit der V-Form seines Oberkörpers. Seine Vorbilder waren US-Bodybuilder, extreme Schränke, die kaum durch eine Tür passen. Eines Abends, sie ­waren erst wenige Monate ein Paar, hat sie ihn dabei erwischt, wie er sich im Schlafzimmer eine Spritze in den Oberarm setzte. Sie war ­geschockt! Er gab sich cool: «Meinst du, ich sehe von Natur so aus? Meinst du, das schafft man nur mit Training und Proteinshakes?» Was sie jetzt erfuhr, zog ihr den Boden unter den Füssen weg. Seine «Kur», wie der Gebrauch von Dopingsubstanzen verharmlosend bezeichnet wird, dauerte bereits Monate, ihr Freund stoffte durchgehend, ­jeden Tag.

Testosteron habe er «geladen», später auch Insulin, das ebenfalls zum Aufbau der Muskelpakete eingesetzt wird. Besonders gefährlich daran: Es kann zu irreversiblen Körperschäden bis hin zu komatösen Zuständen und gar zum Tod führen, warnen Ärzte. Monica sagt, natürlich habe sie sich informiert, natürlich habe sie Angst um ihn gehabt, wollte ihn davon abbringen. Aber: «Es war aussichtslos, ich hätte ebenso gut mit einem Stuhl reden können.»

Akne am Rücken sowie schmerzhafte Stellen an den Oberarmen waren die Nebenwirkungen. Deshalb habe er sie gebeten, ihm das Doping in den Oberschenkel zu spritzen – aufgepumpt, ungelenkig wie er war, kam er selber nicht mehr ran. Sie rang mit sich, wusste, dass sie ihm damit schadete, aber: «Dem Frieden zuliebe habe ichs gemacht.» Weil sie die grosse Liebe nicht habe verlieren wollen.

Anabolika machen gewalttätig

Und dann der Sex: «Ein Mann auf Testosteron kann und will immer», so ihre Erfahrung. Frisch verliebt, habe sie es genossen, begehrt zu werden. Doch bald schon wurde aus Leidenschaft Besessenheit. Auf «Gannikus», einem Online-Magazin für Fitness und Bodybuilding, tauschen sich Experten zum Thema «Sex auf Stoff» aus: Mit Stoff gehe es deutlich aggressiver zur Sache, sind sie sich einig. Von einem «enorm gesteigerten Verlangen nach Sex» ist die Rede, aber auch davon, dass langfristiger Konsum zu Impotenz führen kann.

Bodybuilder leben einen strukturierten Alltag nach äusserst striktem Trainings- und Ernährungsplan. Ihr Leben dreht sich um den Fettab- und den Muskelaufbau. Das Essen war ein ständiges Thema, sagt Monica, «er futterte oder hungerte». Die unzähligen Eier, das viele Fleisch. Und all die Shakes: In der Küche füllten Zwei-Kilo-Büchsen Protein- und Eiklarpulver die Regale. Nichts habe er ausgelassen, das Leistungs- und Muskelzuwachs versprach.

Selten hat das Paar auswärts ­gegessen. Wenn, dann im Steakhouse. Und immer mit Extrawünschen: Salat ohne Dressing, Eier ohne Eigelb, Fleisch ohne Fett, am besten gegrillt. Ohne Beilagen. «Es war peinlich», sagt Monica. «Sonntag war Schummeltag», erinnert sie sich, da habe er sich einen Kebab mit einem Sprutz Sauce gegönnt. An Weihnachten gabs Fondue ­chinoise, für ihn ohne «Sösseli». Kein Anstossen mit Wein oder Schampus, Alkohol hat Kalorien.

Extreme Stimmungsschwankungen

Drei Monate vor dem Wettkampf begann das Hungern, mussten 20 Kilo runter. Jedes Gramm Reis und Poulet wurde abge­wogen, täglich hat sie vorgekocht, allein beim Gedanken an den Geruch beim Öffnen der Tupperware ekelt es sie immer noch. Eine brutale Phase – für beide. Monica ver­suchte, ihm so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Trainingspausen gab es auch in den Ferien nicht: Noch mit dem Koffer in der Hand hätten sie das Gym auf Gran Canaria gesucht, «zufällig» befand es sich gleich neben dem Hotel. Die nicht ­beschrifteten Ampullen mit den Anabolika habe er in ihrem Necessaire verstaut, Monica hätte sich am Zoll irgendwie herausreden müssen.

Die Stimmungsschwankungen wurden extremer, er war unberechenbar, besitzergreifend – und ­gewalttätig. Dafür existiert im ­Bodybuilding ein spezieller Begriff: Roid Rage. Roid (Slang für Steroid) und Rage (Wut) bezeichnet eine gesteigerte Aggressivität, ausgelöst durch den Konsum von Anabolika.

Nach «Eisen und Schmerz» dürstend

Diesen Ausdruck in seinen ­Augen werde sie nie vergessen, wie ein scharfer Pitbull, geladen, kurz vor dem Explodieren. Immer häufiger schlug er zu, meist aus (grundloser) Eifersucht. Monica betont, sie sei kein Huscheli, sie habe sich wehren können. «Er bekam jeden Schlag zurück.» Aber gegen 120 Kilo Muskelmasse habe sie keine Chance gehabt. Trotz blauer Flecken ist sie immer zu ihm zurückgekehrt – «da war halt auch diese Leidenschaft».

Viele Bodybuilder bezeichnen sich selbstkritisch als sportsüchtig, narzisstisch, nach «Eisen und Schmerz» dürstend. Und als schlechte Partner, weil der eigene Körper immer vor dem Freund, der Freundin kommt. «Bodybuilder sind Egoisten», sagt Monica.

Der Ex sei zwar schon auf ihre Wünsche eingegangen, aber nur solange diese sein Work-out nicht tangierten. Ihr Fazit: Der Lifestyle eines Kraftprotzes sei nicht beziehungstauglich – ausser man teile die Leidenschaft. «Nie wieder ein Bodybuilder!», hat sie sich geschworen. Heute geniesse sie es umso mehr, zusammen mit ihrem neuen Lebensgefährten eine Pizza zu essen. Sixpack oder Bierbauch? «Grosser Bierbauch», sagt sie sofort und lacht. Ihr Rat an die Frauen: Überlegt euch gut, ob ihr eine Beziehung wollt, in der ihr stets an zweiter Stelle steht.

Erstellt: 27.12.2019, 20:00 Uhr

Schummelstoff ist häufig Schmuggelgut

In den vergangenen Jahren hat das Angebot von leistungssteigernden Medikamenten auf dem Schwarzmarkt massiv zugenommen. Noch nie wurden an der Grenze so viele Sendungen mit Muskelaufbau-Präparaten beschlagnahmt. Für 2019 rechnet Antidoping Schweiz mit über 650 Fällen – fast 100 mehr als im bisherigen Rekordjahr. Fast alle Strafentscheide im Bereich Doping aus dem Jahr 2018 richteten sich gegen Personen aus der Bodybuilding-, Fitness- und Kampfsportszene.
Meist wird das männliche Sexualhormon Testosteron verwendet. Dieses kann bei Jugendlichen zu Wachstumsstörungen bis zum Wachstumsstopp, bei Männern zu Unfruchtbarkeit führen. Konsumenten können ­aggressiv und teils auch manisch werden. Während der Eigengebrauch in der Schweiz, im Gegensatz zu Deutschland, nicht strafbar ist, sind ­Handel und Weitergabe illegal. (cw)

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