Meister der Chaoten

Bei 1136 Fussballspielen kam es in den letzten fünf Jahren zu Zwischenfällen. Der FC Zürich hat mittlerweile den FC Basel an der Spitze abgelöst.

Kein seltenes Bild: FCZ-Fans zünden Pyros, hier vor einem Jahr gegen den FC Le Mont. Foto: Keystone

Kein seltenes Bild: FCZ-Fans zünden Pyros, hier vor einem Jahr gegen den FC Le Mont. Foto: Keystone

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Schon in der ersten Minute muss der Schiedsrichter die Partie zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen unterbrechen. Ein Ostschweizer hat aus dem Gästesektor zwei Rauchtöpfe auf das Feld geworfen. Sekunden später doppelt er mit zwei Knallkörpern nach. Sie detonieren mit solcher Wucht, dass sich ein Familienvater auf der Tribüne schwere Hörschäden zuzieht.

18 Monate nach dem Spiel muss sich der Pyro-Werfer ab nächstem Dienstag vor dem Bundesstrafgericht verantworten. Die Vorwürfe: Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht, schwere Körperverletzung, Beschädigung und Widerhandlungen gegen das Sprengstoffgesetz. Dem 24-Jährigen drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Noch nie zuvor hatte die Bundesanwaltschaft wegen Pyrotechnik Anklage erhoben. Der Pilotprozess soll zeigen, ob es sich beim Abbrennen von Böllern im Stadion um ein schwerwiegendes Delikt handelt, das in die Kompetenz des Bundes fällt.

«Die Zahlen sind immer noch zu hoch»

«Ein solches Urteil hätte sicher präventive Wirkung und würde andere abschrecken», sagt Roger Schneeberger, Generalsekretär der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD). Diese führte vor zehn Jahren mit Bund und Kantonen das Hooligan-Konkordat ein, um Ausschreitungen an Sportveranstaltungen mit diversen Massnahmen zu verhindern. «Es ist sicher gelungen, den Trend von zunehmender Gewalt zu stoppen», so die Bilanz von Schneeberger. «Am Ziel sind wir aber nicht, die Zahlen sind immer noch zu hoch.»

Solche bietet die Hooligan-Datenbank des Bundesamts für Polizei (Fedpol). Sie listet Personen auf, die mit Massnahmen wie einem Stadionverbot belegt sind oder dies in den letzten drei Jahren waren. Standen im Juli 2012 noch 1222 Namen auf der Liste, waren es im letzten Monat 1592.

Basel im langjährigen Vergleich deutlich vorne

«Die Zahl der registrierten Personen und auch der Zwischenfälle ist nicht stark gestiegen, sie hat sich auf hohem Niveau stabilisiert», sagt Fedpol-Spre­che­rin Lulzana Musliu. «Allerdings gibt es bei einzelnen Delikten klare Zunahmen.» Seit Juli 2012 verzeichnete das Fedpol bei Gewalt und Drohung gegen Beamte eine Zunahme von 114 Prozent, bei Landfriedensbruch um 91 Prozent und bei Verstössen gegen das Sprengstoffgesetz um 43 Prozent.

Neben den Daten des Fedpol listet die KKJPD alle Spiele auf, bei denen es zu einem «Ereignis» kommt. Dazu zählt alles von beschlagnahmten Petarden bis zur Massenschlägerei. Zwischen 2012 und 2016 waren insgesamt 1136 Fussballpartien von einem solchen Zwischenfall betroffen.

Auch die beiden Teams der jeweiligen Partien sind angegeben, allerdings ohne eindeutigen Problemverursacher. Der FC Basel war an 214 oder fast an jedem fünften betroffenen Spiel beteiligt. Dahinter folgen der FC Zürich (185) und die Berner Young Boys (172).

«Das liegt sicher auch an der sehr grossen Anhängerschaft und unserer aktiven Fankurve», sagt Beat Meier, Sicherheitsverantwortlicher des FCB. Er betont, dass es sich in den allermeisten Fällen um Pyrotechnik handelt. «Die Gewalt im klassischen Sinn hat im und um das Stadion abgenommen.»

Natürlich sei auch das Abbrennen von Pyros gegen das Gesetz und somit zu verurteilen. Sobald man entsprechende Fans identifiziere, gehe man konsequent gegen diese vor. «Ganz verhindern lässt sich der Einsatz von Pyros aber wohl nie», sagt Meier. «Sobald wir eine Massnahme treffen, finden die Fans einen neuen Weg.» In den letzten Jahren habe man nun vermehrt den Dialog mit den Anhängern gesucht. Das hat gewirkt: Von 49 Spielen mit einem Zwischenfall im Jahr 2014 sank die Zahl bis im letzten Jahr auf 36 Spiele.

«Heute detonieren die Knallkörper durch grosse Mengen Schwarzpulver viel heftiger und bergen ein grosses Gefahrenpotenzial.»Markus Jungo, Leiter PKPS

Stattdessen stand 2016 der FC Zürich an oberster Stelle. Er war an 40 dieser Partien beteiligt. «Das liegt unter anderem an der grossen Zahl der Anhänger», sagt auch der FCZ-Sicherheitsverantwortliche Kaspar Meng. «Kein Verein hatte in der letzten Saison mehr Auswärtsfans, obwohl wir in der zweiten Liga spielten. Zudem hatten wir mit Cup und Europa League mehr Spiele als andere.» Der FCZ gehe die Problematik aktiv an, habe Sicherheitsdispositive und Kamerasysteme zuletzt stark ausgebaut. «So werden deutlich mehr Fälle erfasst. Und wir liegen in der Statistik auch deshalb weiter vorne als Vereine, die weniger für die Sicherheit tun», sagt Meng. Auch er hält fest, dass es immer seltener um gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen oder mit der Polizei geht, sondern vor allem um Pyrotechnik.

Zunahme bei kleinerenClubs am grössten

Die Polizeiliche Koordinationsplattform Sport (PKPS) ist seit einem Jahr damit beauftragt, schweizweit solche Trends zu erkennen und Gegenmassnahmen zu entwickeln. Leiter Markus Jungo bestätigt: «Tatsächlich sind Knallkörper heute das Hauptproblem.» Früher seien das simple Böller gewesen. «Heute detonieren sie durch grosse Mengen Schwarzpulver viel heftiger und bergen ein grosses Gefahrenpotenzial.» In der Schweiz finde man solche Sprengkörper kaum im Verkauf. «Die Fans reisen aber extra ins Ausland und decken sich ein», sagt Jungo. Die PKPS habe schon etliche Fälle von Hörschädigungen an Sportveranstaltungen festgestellt. «Zudem besteht zu Zeiten des Terrors die Gefahr, dass im Stadion eine Massenpanik ausbricht.»

Betroffen sind zunehmend auch Teams mit weniger Anhängern. Der FC Lugano etwa war 2012 erst an einem Problemspiel beteiligt, 2016 waren es dann 25 Partien. Beim FC Schaffhausen stieg diese Zahl von 2 auf 14, beim FC Vaduz von 4 auf 15. Ein Zeichen dafür, dass der Erfolg auch Risiken mit sich bringt. Alle drei Mannschaften waren während dieser Periode in eine höhere Liga aufgestiegen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2017, 23:03 Uhr

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