«Messiasgefährt» mit Kinderkrankheiten

E-Trottinette werden ihrem Öko-Image nicht gerecht. In einem künftigen Mobilitätskonzept machen sie aber durchaus Sinn.

Neue Rahmenbedingungen im Stadtverkehr würden die Nutzung der E-Trottinetts attraktiver machen. Foto: Michele Limina

Neue Rahmenbedingungen im Stadtverkehr würden die Nutzung der E-Trottinetts attraktiver machen. Foto: Michele Limina

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Die Versprechen sind gross. Mit den Elektro-Trottinetts von Bird etwa fährt man «in Richtung einer lebenswerteren Welt», heisst es auf der Website. Mit Circ macht man «verantwortungsbewusste Fahrten, um unsere Städte zu verbessern und eine sauberere, sicherere, vernetztere Welt aufzubauen.» Und der Anbieter Tier ist stolz darauf, seinen Teil zu den grossen Vorteilen der aufkommenden ­Mikromobilität beizutragen, zum Nutzen der Städte, der Konsumenten und der Umwelt.

Das klingt, als wären E-Scooter das lang ersehnte «Messiasgefährt». Ob sie das in puncto Ökobilanz tatsächlich sind, haben Forscher um Jeremiah Johnson von der North Carolina State University in Raleigh, USA, im Rahmen einer umfassenden Lebenszyklusanalyse untersucht. Dabei wurden alle wesentlichen Umweltbelastungen vom Rohstoffabbau über die Nutzung der E-Scooter bis zur deren Entsorgung berücksichtigt.

Was die Klimabelastung anbelangt, so gehen gemäss der Studie 50 Prozent auf das Konto der Herstellung. Kaum ins Gewicht fällt indes das Laden der Batterie. Für den typischen in den USA verwendeten Strom macht es nur 4,7 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen aus. Für die Schweiz mit ihrem CO2-armen Strom wäre der Anteil noch geringer.

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Substanziell ist hingegen das Einsammeln der nach Gebrauch kreuz und quer durch die Stadt verteilten E-Scooter – schliesslich müssen die Batterien geladen werden. Meist geschieht das während der Nacht, damit die Gefährte morgens wieder an die begehrtesten Orte verteilt werden können. Für das Einsammeln und Verteilen müssen die Anbieter gemäss Studie pro Scooter im Mittel zwischen 0,6 und 2,5 Kilometer zurücklegen. Diese Fahrten werden meist mit Benzin- oder Dieseltransportern erledigt. Das macht rund 43 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der E-Scooter aus.

Im Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln schneiden E-Trottinetts daher eher schlecht ab. Das haben die Forscher auch mithilfe von Simulationen gezeigt. Zwar ist das E-Trotti in fast allen denkbaren Situationen umweltfreundlicher als ein durchschnittlicher Personenwagen. Aber der öffentliche Busverkehr und vor allem ein klassisches Velo belasten die Umwelt in jedem Fall weniger. Das bedeutet: Steigen Fussgänger, Velofahrer oder Nutzer des ÖV auf E-Scooter um, verschlechtert sich die Ökobilanz des Gesamtverkehrs. Nur wenn Autofahrer auf E-Scooter wechseln, sinkt die Umweltbelastung markant.

Noch verschlechtern E-Trottis die Umweltbilanz des Verkehrs

Wie der skandinavische Anbieter Voi schreibt, hätten seine Nutzer bereits mehr als 900'000 Tonnen CO2 eingespart – im Vergleich mit der Verwendung eines Mittelklassewagens. Doch zumindest aktuell ist dies ein sehr hypothetischer Vergleich. Denn gemäss einer in der Studie präsentierten Umfrage hätten nur 34 Prozent der Kunden ein Auto genommen, wenn der E-Scooter nicht zur Verfügung gestanden hätte. Die grosse Mehrheit stieg von einer weniger umweltbelastenden Art der Fortbewegung auf die E-Trottinetts um. Damit verschlechtert deren Nutzung zumindest derzeit die gesamte Umweltbilanz des Verkehrs.

Es sei allerdings noch viel zu früh, um derartige Umstiegseffekte zu messen, sagt der Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Das liegt auch daran, dass der klassische öffentliche Verkehr und neue Mobilitätsanbieter gerade erst beginnen, die neuen Angebote wie E-Scooter preislich und infrastrukturell sinnvoll in ein Gesamtkonzept zu integrieren.» Somit zeige die Studie zwar anschaulich auf, dass es sich bei den E-Scootern nicht um ein Messiasgefährt handle, das den Verkehr von heute auf morgen bedeutend nachhaltiger mache. «Das sollte aber auch nicht der Anspruch an diese neue Fahrzeugklasse sein. Vielmehr können E-Scooter im Zusammenspiel mit anderen Mikromobilen, Sharingangeboten und dem ÖV zukünftig ein wichtiger Baustein für attraktive Mobilitätsdienstleistungspakete sein, die den privaten Personenwagen funktional wie emotional vollständig ersetzen.»

In der Studie machen die Forscher Vorschläge, wie sich die Umweltbilanz der E-Trottis verbessern lässt. Reduziert sich beispielsweise die Distanz fürs Einsammeln und Verteilen der Gefährte auf 0,6 Kilometer, sinkt auch die Klimabelastung um 27 Prozent. Ein weiterer zentraler Anknüpfungspunkt ist deren Lebensdauer. Wenn die Scooter wegen des oft rauen Umgangs durch die Nutzer bereits nach wenigen Monaten ersetzt werden müssen, sieht es schlecht aus mit der Nachhaltigkeit. «Die Resultate unterstreichen, wie wichtig es ist, eine lange Lebensdauer der E-Scooter sicherzustellen», heisst es in der Studie. Städte könnten zum Beispiel mit Richtlinien gegen Vandalismus vorgehen.

Sind E-Scooter aus ökologischer Sicht also sinnvoll? Die Studien­autoren sind skeptisch. Zu einer nachhaltigen Mobilität würden sie erst beitragen, wenn die Lebensdauer steigt und die mit der Herstellung sowie den Sammelfahrten verknüpfte Umweltbelastung sinkt.

Laut Claus Unterkircher, General Manager von Voi für den deutschsprachigen Raum, wären E-Scooter mit austauschbaren Batterien und einer noch höheren Lebensdauer gleich nachhaltig oder sogar noch sauberer als der öffentliche Nahverkehr. «Daher werden wir in Kürze austauschbare Batterien und Scooter mit einer noch längeren Lebensdauer einführen, was die Anzahl Sammelfahrten drastisch reduzieren wird.» Es sei auch nicht die Absicht, mit den E-Scootern den öffentlichen Verkehr zu ersetzen. Es gehe um dessen Ergänzung. «Deshalb arbeiten wir mit Anbietern wie der Hochbahn in Hamburg, dem Lübecker Stadtverkehr oder auch skandinavischen Bahngesellschaften zusammen.»

Lange Produktlebensdauer und sinnvolle Logistik

Entsprechendes macht Circ in der Schweiz. Um die E-Trottinetts in ein Gesamtkonzept einzubinden, hat Circ eine Partnerschaft mit den SBB begonnen und bereits an mehreren Schweizer Bahnhöfen E-Trottinett-Hubs eingerichtet. «Daneben schreiten wir mit der digitalen Integration der Scooter-Nutzung via Swiss Pass voran», sagt Circ-Schweiz-Mediensprecher Daniel Scherrer. Auch stehe die Lebensdauer im Fokus. Die Circ-Scooter seien in der Schweiz seit fünf Monaten in Betrieb und liefen noch immer. «Circ entwickelt und produziert seine eigenen E-Trottinetts mit Fokus auf eine lange Produktlebensdauer und Robustheit für den Betrieb als Leihsystem.»

Circ kümmere sich auch um eine sinnvolle Logistik. «Es müssen nur die jeweils zu ladenden und zu wartenden E-Trottinetts eingesammelt werden», sagt Scherrer. «Zudem betreibt Circ dreiLager an den Rändern der Stadt Zürich, um die Logistikfahrten so kurz wie möglich zu halten. Daneben wird ein Teil der täglichenLogistik mit einem E-Transporter gemacht.»

Bei aller Häme, die von der Anti-E-Scooter-Allianz angesichts der ermittelten Klimabilanz der Scooter nun zu hören sei, dürfe man laut Mobilitätsforscher Sauter-Servaes zwei Punkte nicht vergessen: «Erstens zeigen die Anbieter eine erstaunliche Lernkurve, welche dazu führen wird, dass die E-Scooter zukünftig längere Lebenszeiten im Sharingbetrieb aufweisen werden.» Zweitens komme der Gesellschaft und ihrem Umgang mit dem öffentlichem Raum und mit den gemeinsam genutzten Fahrzeugen eine enorme Bedeutung zu. «Nur wenn es gelingt, eine neue Achtsamkeit für öffentlich genutzte Vehikel – vom Bus bis zum E-Scooter – zu entwickeln, kann Sharing langfristig überhaupt funktionieren.»

Damit die E-Scooter aber nicht nur vorrangig als Touristen- und Freizeitgefährte genutzt würden, brauche es laut Sauter-Servaes vor allem neue Rahmenbedingungen im Stadtverkehr. «Nur wenn die Infrastruktur die Nutzung sicherer und die Mobilitätspreise den Umstieg attraktiver werden lassen, wird der geteilte E-Scooter im Verbund mit anderen Sharingprodukten und dem ÖV eine echte Alternative zum privaten Automobil darstellen. Und dann würden die Ergebnisse der genannten Studie schon ganz anders aussehen.»



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Erstellt: 17.08.2019, 21:09 Uhr

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