«Migranten sollten ihre Kinder möglichst früh holen»

Die Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner über Ghettoschulen, Frauenquoten und den Papst.

Eine Zürcherin in Bern: Silvia Steiner am Sitz der Erziehungsdirektorenkonferenz im Haus der Kantone an der Berner Speichergasse. Bild:  Paolo Dutto

Eine Zürcherin in Bern: Silvia Steiner am Sitz der Erziehungsdirektorenkonferenz im Haus der Kantone an der Berner Speichergasse. Bild: Paolo Dutto

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All diese Probleme im ­Bildungsbericht: Haben denn die Schulreformen der letzten 20 Jahre gar nichts gebracht?
Ich würde es nicht so negativ sehen. Wir haben ein sehr gutes Bildungswesen, dieses steht aber in einem konstanten Wandel. Der Bildungsbericht stellt nun die aktuellen Herausforderungen zusammen und zeigt uns, wo Handlungs­bedarf besteht. Es gibt dauernd neue Bedürfnisse aus Schule und Gesellschaft, denen man Rechnung tragen muss. Man darf aber gleichzeitig feststellen, dass die grosse Errungenschaft in den letzten 20 Jahren die Individualisierung in der Schule war. Heute versucht die Schule, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden.

Ist das gut? Lehrpersonen glauben, dass die Schule damit überfordert sei und ihrer Hauptaufgabe, nämlich Bildung zu vermitteln, nicht mehr gerecht werden könne.
Guter Unterricht orientiert sich doch immer am Individuum. Lehrpersonen haben insofern selbst den Anspruch zu individualisieren. Aber man muss zugeben, dass die Volksschule mit sehr unterschiedlichen Kindern konfrontiert ist. Die grosse Herausforderung für die Lehrerinnen und Lehrer besteht darin, allen Kindern gerecht zu werden.

Sollte man nicht gerade darum wieder zurück zur Schule, die weniger individualisiert und wieder mehr in unterschiedliche Klassen separiert?
Eigentlich ist diese Frage heute ­geklärt. Die Schule hat heute auch eine integrative Funktion. Eltern wollen, dass ihre Kinder integriert werden. In der Regel wehren sie sich, wenn ihre Kinder in eine ­separierte Schule gehen sollen. Die Individualisierung in Form der Ausrichtung des Unterrichts auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers ist ein Erfordernis und entspricht einem gesellschaftlichen Konsens. Das kann man nicht mehr ignorieren. Wir müssen aber die Lehrer stärken.

Das heisst?
Das heisst, man muss der Arbeit der Lehrer wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen.

Das kostet nichts.
Es ist aber enorm wichtig, nebst guten Rahmenbedingungen. Meine Erfahrung ist, dass Lehrpersonen sehr engagiert sind und hohe Ansprüche an ihre Arbeit stellen. Wir müssen ihnen und vor allem auch den Eltern aufzeigen, dass nicht alle Kinder die gleiche Leistung erreichen können. Weniger gute schulische Leistungen sind nicht ein Versagen der Lehrer. Individualisierung heisst nicht, dass Ende Jahr alle gleich gut und gleich weit sein müssen.

Zu einem Leistungsgefälle führt auch die Migration. Muss die Schule vor der Einwanderung kapitulieren?
Nein, das glaube ich nicht. Migranten sind in unserer Schule nicht grundsätzlich benachteiligt. Die Kleinen, die hier eingeschult werden, haben vielleicht am Anfang ein bisschen zu beissen. Aber unsere Volksschule hat eine sehr grosse Integrationskraft. Wer früh hier eingeschult wird, durchläuft unser ganzes Bildungswesen und ist dabei oft sehr erfolgreich. Wirklich benachteiligt sind nur Spätzuwanderer. Hier braucht es mehr Integrationsmassnahmen. Zum Beispiel Coaching oder Vorlehren. Grundsätzlich glaube ich aber, man muss dieses Problem politisch lösen oder wenigstens entschärfen.

Wie denn?
Zu viele Eltern holen ihre Kinder erst als Jugendliche in die Schweiz nach. Bildungspolitisch gesehen sollten sie aber bereits im Kindesalter hierhergeholt und eingeschult werden.

Das Gegenteil geschieht. Die Politik will den Familiennachzug erschweren.
Das ist aus Sicht der Schule falsch. Wer erst mit 14 oder 15 ins Land kommt, hat nirgends eine richtige Heimat und kommt zum Teil mit schlechten Voraussetzungen hierher. Migranten sollten ihre Kinder möglichst früh in die Schweiz ­holen. Dazu müssen wir die Eltern befähigen. Umgekehrt sollte es schwieriger werden, Kinder hierherzuholen, wenn sie bereits ein gewisses Alter erreicht haben.

«Wenn die Frauen etwas nicht wollen, wird das immer negativ ausgelegt.»

Wie soll das konkret gelingen?
Ich habe da keine pfannenfertige Lösung. Es ist aber ausgesprochen schwierig, Kinder, die spät zuwandern, erfolgreich über die Schule oder die Berufsbildung zu integrieren.

So oder so ist Migration eine Belastung für die Schule. Studien sagen, dass das Leistungsniveau in Klassen mit vielen Migranten allgemein sinkt.
Das sollte man nicht überbewerten. Migration kann auch eine Chance für die anderen Kinder sein. Kinder lernen die Erfahrungen der Migrantenkinder und fremde Kulturen kennen. Das können ganz alltägliche Sachen wie das Essen sein: Die einen ­essen zu Hause Bratwurst, die ­anderen Kebab. Das fördert die Toleranz. Davon profitieren auch Einheimische.

Aber manche Familien ziehen weg, weil es viele Ausländer in der Schule hat.
Ja, das kommt vor. Ich kann das nicht werten. Ich bin überzeugt, dass es eine Chance ist, die Schule mit Migrantenkindern zu besuchen. Ausserdem unterstützen wir diese Schulen mit mehr Ressourcen.

Sie haben keine Angst vor einer Ghettoisierung und keinen Bedarf für Einheimischen- Quoten in den Schulen?
Nein, das braucht es nicht. Die Schulen müssen ohnehin auf ­ausgeglichene Klassenzusammensetzungen achten. Es gibt auch Schüler mit Handicaps wie Aufmerksamkeitsstörungen, welche das Klassengefüge strapazieren können. Ich traue den Schulleitungen sehr wohl zu, dass sie funktionierende Klassen zusammenstellen können.

Der Bildungsbericht zeigt auf, dass Mädchen zu wenig für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer, die ­sogenannten Mint-Fächer, begeistert werden können. Woran liegt es?
Eigentlich sind die Mädchen nur in Mathematik und Physik untervertreten. Mich stört an dieser ­Diskussion jedoch die falsche Grundhaltung. Von den Männern erwartet man nicht, dass sie ihre Vorlieben und Anlagen über Bord werfen, von den Mädchen hingegen schon. Vielleicht haben Mädchen einfach keine Lust auf Mathematik und Physik.

Der Bericht kommt sogar zum Schluss, Knaben seien kompetitiver als Mädchen.
Was soll denn das aussagen? Mädchen haben andere Prioritäten als Knaben. Während Buben im Turnen lieber kompetitive Sportarten wie Fussball oder Rugby spielen möchten, bevorzugen Mädchen eher Kreatives. Später kämpfen sie als Frauen weniger um Führungspositionen, weil ihnen weniger an Ruhm und Ehre liegt.

Der Ruf nach mehr jungen Frauen in technischen Berufen und höherer Kompetitivität kommt aus der Wirtschaft.
Die Wirtschaft irrt sich, wenn sie glaubt, sie könne den Fachkräftemangel bekämpfen, indem sie Frauen in Mint-Berufe zwingt. Fachkräfte können auch männlich sein.

Will die Wirtschaft nur verstecken, dass sie ihre Hausaufgaben bei der Frauenförderung nicht gemacht hat?
Wenn die Frauen etwas nicht wollen, wird das immer negativ ausgelegt. Statt von der Schule zu verlangen, dass sie Mädchen kompetitiver macht oder in Fächer zwingt, die sie vielleicht gar nicht mögen, sollte man echte Frauenförderung betreiben.

Das heisst?
Arbeitgeber müssen viel mehr die positiven Eigenschaften der Frauen wie Verhandlungsgeschick oder Multitasking nutzen und fördern.

Braucht es Frauenquoten?
Quoten sind eine Notlösung. Wenn es aber nicht anders geht, sollten wir darauf zurückgreifen. Wir bewegen uns in einem ­Teufelskreis: Männer verstehen Männer besser, Frauen verstehen Frauen besser. Männern in der Chefetage fällt es leichter, männlichen Kadernachwuchs zu ver­stehen, also ziehen sie Männer nach. Auch den Frauen ist es nicht wohl, wenn sie in einem Männergremium allein sind und sich ständig erklären müssen.

Wie haben Sie es mit der Frauenförderung?
Ich selbst habe drei Kaderstellen an Frauen vergeben, zwei musste ich zuerst davon überzeugen. Die Frauen befinden sich in einem ­Dilemma: Einerseits wirft man ­ihnen vor, sich dem Wettbewerb nicht zu stellen. Andererseits wird eine Frau, die Karriere machen will, oft als Hetäre oder ehrgeizige Amazone dargestellt. Männer hingegen gelten dann als führungsstark und souverän. Wo bleibt denn da die Motivation?

Wie motivieren Sie sich für Ihren Führungsjob?
Meinen Sie, ich sei auch eine ­Hetäre oder Amazone? Im Ernst, ich hatte immer Jobs, die mir Spass bereiteten. Daraus schöpfe ich meine Motivation.

Wie hatten Sie es in der Schule mit Mint-Fächern?
Sie können sich nicht vorstellen, wie ich Mathematik und Chemie gehasst habe. Ich musste einiges investieren, um mitzukommen.

Wie erlebten Sie die Schulzeit?
Vor dem Gymnasium war es ­locker. Danach musste ich richtig büffeln. Meine Eltern unterstützten mich zwar sehr. Sie hatten aber beide nicht studiert. Das machte es nicht einfach. Mein Vater, der ein Radio- und Fernsehgeschäft führte, konnte mir zwar keinen Schulstoff beibringen. Stattdessen erklärte er mir aber, wie man Kabel einzieht oder ein KMU führt.

Warum studierten Sie Jus und gingen danach in die Strafverfolgung?
Für Jus entschied ich mich aufgrund meines Gerechtigkeitsempfindens. Nach dem Studium kam ich in eine Bezirksanwaltschaft. Ich fand die Arbeit spannend, weil ich Kontakt mit Leuten hatte, die am Rand der Gesellschaft standen. In der Strafverfolgung geht es nicht nur um die Täter, sondern auch darum, die Opfer zu schützen. Es ist eine Herausforderung, mit ihnen zu kommunizieren und sie in den Strafprozess einzubinden. Diese Tätigkeit empfand ich als sinnvoll.

Warum tut man sich all die Grausamkeiten an, mit denen die Strafverfolgungsbehörden konfrontiert sind?
Juristen beschäftigen sich immer mit Negativem. Eine wüste Scheidung ist auch nichts Schönes. Als Staatsanwältin hatte ich am Ende ein paar schwierige Fälle, echte Verbrechensbekämpfung. Dem muss man sich in dieser Position stellen. Mit Grausamkeiten sind aber alle in unserer Gesellschaft konfrontiert, auch die Lehrpersonen. Es gibt Kinder, die Gewalt und Sadismus ausgesetzt sind.

Sie waren diese Woche beim Papst in Genf. Muss oder darf man als CVP-Mitglied an einem solchen Anlass teilnehmen?
Ich bin sehr gern nach Genf gereist. Der Papst ist eine eindrückliche Persönlichkeit. Ich traue ihm zu, dass er in der katholischen Kirche Reformen anpackt. Die Kraft, die er ausstrahlt, ist faszinierend.

In der CVP sorgt der stramm konservative Kurs von ­Präsident Gerhard Pfister für interne Kritik, gerade auch im Kanton Zürich. Zu Recht?
Pfister wird zu Unrecht vorgeworfen, einen konservativen Kurs zu fahren. In der CVP muss es Platz für liberale und konservative Anliegen haben. Wir sind keine Polpartei, die an ideologischen Standpunkten festhalten muss. Stattdessen suchen wir als soziale Partei nach Lösungen, damit es der Mehrheit im Land besser geht. Diese Lösungen sind nicht immer schwarz oder weiss, sondern manchmal auch grau. Krankenkassenprämien, Heiratsstrafe, AHV und Steuerreform: Die CVP packt alle wichtigen Themen der heutigen Zeit an.

Trotzdem verlor die CVP zuletzt bei vielen Wahlen in den Kantonen und Gemeinden.
Das ist schade. In der Erziehungsdirektorenkonferenz sind wir mit acht CVP-Vertretern klar in der Mehrheit. In die Exekutiven, wo es verlässliche Verhandlungspartner braucht, wählt man CVP. Leider können wir die Leute zu wenig motivieren, uns auch bei Parlamentswahlen zu unterstützen.

Selbst in den Stammlanden haben die Leute immer weniger Lust, CVP zu wählen.
Das liegt weniger an der CVP als an der Zersplitterung der Kräfte in der Mitte. Weil es mehr Parteien gibt, haben die Leute eine grössere Auswahl. Wir müssen uns nicht für das C in unserem Namen entschuldigen. Dieses stand für mich nie für katholisch, sondern für ethisch. Wenn die Leute das merken, werden wir wieder gewinnen. Die FDP hat den Turnaround auch geschafft. Und auch die FDP gab ihre Identität nicht auf. Das darf die CVP auch nicht.

Sie wurden bereits als Nach­folgerin von Bundesrätin Doris Leuthard gehandelt. Sind Sie interessiert, jetzt, da Leuthards Rücktritt naht?
Ich finde, dass Doris Leuthard hervorragende Arbeit leistet, ihr Wissen würde im Bundesrat fehlen. Sie sollte daher noch möglichst lange im Amt bleiben.

Das schmälert Ihre Chancen. Haben Sie wirklich kein Interesse?
Solange Leuthard Bundesrätin ist, stellt sich für mich die Frage nicht. Ich habe in Zürich einen wunderbaren Job. Und wenn sich die Frage nach der Nachfolge stellt, hat die CVP einen grossen Fundus an fähigen Leuten. Sie wird sicher valable Kandidierende präsentieren.

Der neue Bildungsbericht, den Bund und Kantone diese Woche vorstellten, nennt nur Probleme: Migrantenkinder weisen Defizite auf, Mädchen scheuen die Naturwissenschaften und den Wett­bewerb, die Akademisierung steigt und steigt. Dazu kommt der Lehrermangel. Die kantonalen Erziehungsdirektoren mit ihrer Präsidentin, der Zürcher Regierungs­rätin Silvia Steiner, sind gefordert.

Erstellt: 24.06.2018, 08:52 Uhr

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