«Wir haben kein Jugo-, sondern ein Integrationsproblem»

Eine neue Untersuchung zeigt: Jugendliche aus Ex-Jugoslawien sind nicht gewalttätiger als andere. Trotzdem geraten Migrantenkinder häufiger auf die schiefe Bahn.

Ivica Petrušic kam 1991 aus Bosnien in die Schweiz und ist heute Jugendarbeiter: «Ob Migrantenkinder auf Abwege geraten, hängt stark damit zusammen, wie sie die Schweiz willkommen heisst», sagt er. Bild: René Ruis

Ivica Petrušic kam 1991 aus Bosnien in die Schweiz und ist heute Jugendarbeiter: «Ob Migrantenkinder auf Abwege geraten, hängt stark damit zusammen, wie sie die Schweiz willkommen heisst», sagt er. Bild: René Ruis

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«Wotsch Puff?» ist zum Schlüsselsatz geworden, um die Gewaltbereitschaft junger Männer aus dem ehemaligen Jugoslawien zu charakterisieren. Doch warum? Weil sie wie oft behauptet ein Balkan-Macho-Gen in sich tragen? In einer neuen Untersuchung ist Martin Killias, ständiger Gastprofessor für Kriminologie der Uni St. Gallen, in Zusammenarbeit mit der Forscherin Anastasiia Lukash dem Delinquenzverhalten von Migranten nachgegangen. Und hat herausgefunden: Jugendliche in Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Kosovo und Serbien sind nicht per se aggressiver und gewalttätiger als gleichaltrige Schweizer.

Damit widerlegt Killias die populäre These, wonach Teenager aus dem Balkan eine Gewaltkultur hierherbringen würden. «Jugendliche aus Ex-Jugoslawien haben die Aggressivität nicht wie oft behauptet im Blut», sagt Killias. «Sondern es ist die Migration, also der Wechsel von einem Land in ein anderes, der Familien belastet und Kinder und Jugendliche eher straffällig werden lässt.»

Infografik: Straffälligkeit nach Herkunft Grafik vergrössern

Laut dem Kriminologen zeige sich dies daran, dass Migrantenkinder deutlich öfter delinquieren, und zwar unabhängig von ihrer Nationalität sowie sozialer und familiärer Herkunft. Das heisst: Der Teenager eines Schreiners aus Frankreich ist genauso gefährdet wie der eines Arztes aus Brasilien. Einfluss hat nur die Herkunft von Mutter und Vater. So haben Jugendliche mit einer ausländischen Mutter und einem Schweizer Vater bessere Karten als solche mit einer Schweizer Mutter und einem ausländischen Vater.

«Wir haben kein Jugoproblem»

Doch egal, ob schwere Gewalt, Einbrüche, Diebstähle oder Cannabis-Konsum: Weshalb geraten Migrantenkinder hierzulande häufiger auf die schiefe Bahn? «Mit Kindern die Heimat zu verlassen und sie in einem fremden Land grosszuziehen, ist schwierig und oft eine Überforderung», sagt Killias. Das zeige sich auch daran, dass zugewanderte Eltern ihre Kinder häufiger schlagen. Und dass Kinder, die erst nach der Migration geboren werden, weniger häufig ein Delikt begehen als solche, die den Länderwechsel mitgemacht haben.

Strafrechtsprofessor Killias fasst seine Erkenntnis so zusammen: «Wir haben kein Jugo-, sondern ein Integrationsproblem.» Für seine Studie hat das Forschungsteam 10’000 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 16 Jahren in der Schweiz sowie auf dem Balkan befragt.

Willkommen heissen bedeutet Erwartungen aufzeigen

Wie stark ein Länderwechsel das Leben eines Jugendlichen auf den Kopf stellt, hat Ivica Petrušic erlebt. Kurz vor dem Krieg muss er 1991 seine Heimat Bosnien verlassen. Petrušic spricht kein Wort Deutsch, als er in Buchs AG in die Realschule kommt. «Doch ich hatte Lehrer, die meine Talente erkannten und mich förderten», sagt er. Mit der Konsequenz, dass er den Sprung an die Fachhochschule schaffte und heute Jugendbeauftragter und Geschäftsführer der Zürcher Jugendförderung Okaj ist.

Ob Migrantenkinder auf Abwege geraten, hängt stark damit zusammen, wie sie die Schweiz willkommen heisst», ist Petrušic überzeugt. Und stellt gleich klar: «Willkommen heissen bedeutet aufzuzeigen, wie die hiesige Gesellschaft tickt, und vor allem, was von den Zuwanderern erwartet wird.» Migrantenfamilien nicht klarzumachen, was von ihnen verlangt wird, sei verheerend. «Das fördert das Gefühl, nie zu genügen und nie das Richtige zu tun.»

«Frustration aufgrund fehlender Integrationsperspektiven schlägt schnell in Aggression und Gewalt um»Dirk Baier, Leiter Institut für Delinquenz und Kriminalprävention

Dies sieht auch Dirk Baier so. Er leitet das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Frustration aufgrund fehlender Integrationsperspektiven schlägt schnell in Aggression und Gewalt um», sagt Baier. Deshalb plädiert er dafür, Neuzuzüger rasch zu beschäftigen und ausserhalb von Empfangszentren unterzubringen. «Wer über Jahre dazu verdammt ist, nichts zu tun, nimmt irgendwann sein Schicksal selber in die Hand und versucht, am Wohlstand teilzuhaben – auf welchem Weg auch immer.»

Ivica Petrušic hatte zu Beginn wenig Anknüpfungspunkte mit Schweizern. Seine Familie organisierte sich zusammen mit anderen in einem Verein. Vor einem Jahr hat dieser nun praktisch aufgehört zu existieren. Es sei niemand mehr zu den Sport- und Kulturveranstaltungen gekommen. «Die Kinder sind Teil der Schweizer Gesellschaft geworden.» Der Verein wurde nicht mehr gebraucht. Das Beispiel zeigt: Die «unbeliebten Jugos» haben eine Blitzintegration hingelegt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 19:15 Uhr

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