Migros plant Umbau des Kulturprozents

Zur Migros gehört, dass sie Millionen Franken an die Künste verschenkt. Das soll sich nun ändern.

Vom Kulturprozent gefördert: Eine Kursteilnehmerin der Migros-Klub-Tanzschule im Migros-Hauptsitz. Foto: Guillaume Perret/Lundi 13

Vom Kulturprozent gefördert: Eine Kursteilnehmerin der Migros-Klub-Tanzschule im Migros-Hauptsitz. Foto: Guillaume Perret/Lundi 13

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Von einem «grossen Fehler», «Entsetzen», gar einem «Skandal» ist die Rede, als Ende Oktober die Schliessung einer Künstlerresidenz im waadtländischen Romainmôtier angekündigt wird. Seit 1994 hatte Migros die «Arc artist residency» – so der Name des Rückzugsorts für Künstler – finanziert. Ende Dezember wurde sie geschlossen. Das ging wohl selbst Mitarbeitern der Migros etwas schnell: Noch im November erschien ein Buch über Künstlerresidenzen, in dem es ein Kapitel zum Migros-Haus in Romainmôtier gibt, – aber kein Wort zur Schliessung. Herausgegeben wurde das Buch von der stellvertretenden Generalsekretärin des Migros-Genossenschaftsbundes (MGB).

Erstaunt hat nicht nur das Tempo, mit dem nach knapp einem Vierteljahrhundert das Arc seine Tore schliessen musste. Überrascht hat auch die Ankündigung, dass die Schliessung der Residenz Teil einer Neuausrichtung der kulturellen Aktivitäten der Migros sei, oder genauer: der Direktion Kultur und Soziales des MGB. Diese «Strategieüberprüfung» sei im Frühjahr 2017 «lanciert» worden, wie der MGB auf Anfrage mitteilt. Davon war zuvor in der Öffentlichkeit nie die Rede gewesen. Und auch jetzt hält sich die Migros bedeckt: Sie will nicht sagen, auf welche Ziele hin ihre Kulturförderung neu ausgerichtet wird. Ausser dass man den «sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung» tragen will, dass «Raum für Neues» geschaffen werden soll und die Migros ihre Rolle als «Impulsgeber zukünftig noch stärker wahrnehmen» will. Dafür würden «sämtliche kulturellen Aktivitäten der Direktion Kultur und Soziales MGB systematisch hinterfragt», heisst es.

Alleinstellungsmerkmal der Migros steht auf dem Prüfstand

Die Ankündigung macht hellhörig, denn auf dem Prüfstand steht mit den «kulturellen Aktivitäten» nichts Geringeres als eines der beiden Alleinstellungsmerkmale der Migros. Das erste Merkmal, mit dem sich der orange Riese von anderen Detailhändlern wie Coop, Aldi oder Lidl unterscheidet, sind die Eigenmarken, welche die Migros grösstenteils immer noch selbst herstellt. Das zweite Alleinstellungsmerkmal ist das sogenannte Kulturprozent: Insgesamt 4,6 Milliarden Franken hat das Unternehmen in gemeinnützige Projekte investiert, seit Gottlieb Duttweiler 1957 das Migros-Kulturprozent in den ­Statuten seiner Genossenschaft verankert hat. Allein 2017 waren es 122,4 Millionen Franken, die an Gesuchssteller, Aktivitäten und Institutionen aus unterschiedlichsten Bereichen gingen – von der Bildung über die Freizeit bis hin zur Wirtschaft. Ein besonderer Fokus lag dabei immer auf den klassischen Kultursparten, also dem Theater, Tanz, der Musik, Literatur, Popkultur und Kunst. Dafür wendete die Migros – über ihre zehn Genossenschaften und den MGB – zuletzt knapp dreissig Millionen Franken auf, womit das Kulturprozent einer der namhaftesten, wenn nicht gar der grösste private Kulturförderer der Schweiz ist.

«Aufhören, aber wie?» – Podium mit Migros-Beteiligung

In den letzten Tagen und Wochen verdichteten sich die Zeichen, dass die Kulturförderung der Migros vor einem grossen Umbau steht: Kürzlich wurde bekannt, dass ein leitender Mitarbeiter der Direktion Kultur und Soziales des MGB nach fast zwanzig Jahren das Unternehmen verlässt – «aufgrund einer Reorganisation», wie es nun heisst. Ende Juni wird ein weiterer Mitarbeiter frühpensioniert. Während zwanzig Jahren leitete er in der Direktion Kultur und Soziales die Abteilung Pop und Neue Medien. Damit verabschiedet die Migros innert kürzester Zeit zwei von sechs Abteilungsleitenden aus dem Bereich Kultur. Da passt es ins Bild, dass Hedy Graber, Leiterin des Kulturprozents, im März an einem Podium teilnimmt. Titel der Diskussion: «Aufhören, aber wie?»

Eine Schliessung, eine Reorganisation, ein Podium zum Aufhören: In der Kulturszene ist man beunruhigt. Nicht zuletzt, weil die Migros mit «Fast Forward» bereits im Januar 2018 ein Reorganisationsprojekt initiiert hat, mit dem der Gewinn des Unternehmens gesteigert werden soll. Dabei wurden auch Stellen abgebaut. Einen Zusammenhang zwischen «Fast Forward» und der Reorganisation der kulturellen Aktivitäten bestehe nicht, sagt die Migros. Das Kulturprozent sei vom Umsatz abhängig – und nicht vom Gewinn, der mit «Fast Forward» gesteigert werden soll. Da der Umsatz konstant ist, sei die Reorganisation im Kulturbereich des MGB keine Sparübung, sondern lediglich als Neuausrichtung zu verstehen, sagt die Migros.

Die Migros macht aber keinen Hehl daraus, dass in der Direktion Kultur und Soziales des MGB eine grosse Veränderung bevorsteht: Mit dem 1. Januar 2019 wurde der Bereich Kultur «von einer Spartenorganisation in eine Projektorganisation umgewandelt», um «noch stärker auf eigene Projekte» setzen zu können. «Insgesamt wird eine höhere Flexibilität angestrebt, um auf neue Entwicklungen in der Kultur zu reagieren», und den «verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung» tragen zu können, heisst es. Ausserdem könnten «Synergien» zwischen den Bereichen Kultur und Soziales sowie dem 2012 eingerichteten Förderfonds «Engagement Migros» genutzt werden. Dieser speist sich aus zehn Prozent der Dividenden der Unternehmen der Migros-Gruppe, darunter Denner, Migrol, Migros-Bank und Migrolino.

Soll sicher weitergeführt werden: Das Pop-Festival M4music.

Unter Kennern des Kulturprozents wird die umfassende Überprüfung durchaus als etwas Sinnvolles gesehen: Über Jahre hätten sich kleinere Beiträge angesammelt, die in verschiedene Projekte von Dritten fliessen. Die Ausgabe dieser Gelder zu überprüfen und sie gebündelt in neue Projekte zu investieren, könnte Positives bewirken, Raum für Neues schaffen, wie es die Migros erklärtermassen will. In der Kulturszene nährt die Umstellung der Förderung aber auch die Befürchtung, dass die Migros ihre gebündelten Kulturgelder vermehrt für ein Return-on-investment einsetzt. Das wäre ein markanter Bruch: Zwar gibt es mehrere Kulturprojekte, die bereits mit ihrem Titel auf die Marke Migros verweisen, etwa das Popfestival m4music.

In der Kulturszene geniesst die Migros als Förderer aber gerade deshalb eine so hohe Glaubwürdigkeit, weil sie zahlreiche Projekte unterstützt, die primär dem Nachwuchs zugutekommen oder in der Nische stattfinden. Mit diesen Projekten, die ganz klar als Kulturförderung – und nicht als Sponsoring im Sinne eines Paybacks – aufgefasst werden können, wurde die Migros zu einer wichtigen Akteurin im Bereich Kultursubventionen, zu einer Partnerin für staatliche Geldgeber. Mit den Nachwuchs- und Nischenprojekten schien nicht zuletzt verwirklicht, was Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler in den «15 Thesen», seinem Firmentestament, gefordert hatte: «Das Allgemeininteresse muss höher gestellt werden als das Migros-Genossenschafts-Interesse».

«Bei sinkenden Margen wiegt diese Investition höher»

Wird die Förderung kultureller Aktivitäten nun zu einem Sponsoring-Tool? Nein, sagt die Migros. Das Kulturprozent sei «kein Marketinginstrument, sondern wir bleiben nach wie vor ein eigenständiger Unternehmenszweck». Es sollen weiterhin «möglichst viele Menschen vom gesellschaftlichen Engagement des Kulturprozents profitieren» können. Auch zukünftig setze man auf eine «Mischung aus Breitenwirkung und Innovation». Aber obwohl es zwischen den Bemühungen um Gewinnsteigerung und der Neuausrichtung der kulturellen Aktivitäten laut Migros keinen Zusammenhang geben soll, wird das Kulturprozent zweifellos als ökonomischer Faktor wahrgenommen: «Bei sinkenden Margen wiegt diese Investition entsprechend höher», sagte Sarah Kreienbühl, Mitglied der MGB-Generaldirektion, als sie das hauseigene «Migros Magazin» Mitte November zum Kulturprozent befragte. Der SonntagsZeitung liegt zudem eine E-Mail einer Person vor, die bei Migros angestellt ist: Ihr zufolge habe Kreienbühl im Rahmen der Neuausrichtung des Kulturprozents «extrem viel Druck aufgesetzt», dass «die Marke Migros endlich stärker von den Geldern für Kultur, Soziales und Medien profitieren» müsse.

Auf eine Neuausrichtung im Sinne eines verstärkten Paybacks deutet aber auch die Kommunikation der Migros hin: In der Ankündigung der Reorganisation der kulturellen Aktivitäten wurden vier Projekte genannt, die ganz sicher weitergeführt werden. Sie alle stehen in enger Verbindung mit der Marke Migros. Neben dem Pop-Festival «m4music» sind dies die Konzertreihe Migros-Kulturprozent-Classics, das Tanzfestival Steps und das Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich.

Kulturprozent soll sich besser rechnen

Erkundigt man sich nach der Fortführung anderer Projekte, verweist die Migros auf einen späteren Zeitpunkt. Werden etwa die Talentwettbewerbe fortgeführt, mit denen die Migros seit 1969 Nachwuchskünstlerinnen in verschiedensten Kunstsparten unterstützt – von der Kammermusik über das Schauspiel bis zum Tanz? «Dazu sind momentan Überlegungen in Gang», schreibt die Migros. Man werde kommunizieren, wenn die entsprechenden internen Projektanträge sorgfältig geprüft und darüber befunden worden sei. Das Migros-Kulturprozent werde aber «auch in Zukunft den künstlerischen Nachwuchs in der Schweiz umfassend fördern», heisst es. Ähnliche Antworten erhält man auch zu anderen Nischen- und Nachwuchsprojekten.

Doch die Hinweise mehren sich, dass sich das Kulturprozent für die Migros stärker rechnen soll: Mit dem 1. Januar 2019 hat man eine neue Stelle für «operative Leitung Kultur» eingerichtet – ohne dass dies kommuniziert wurde. Die Stelle sei «im Rahmen der neuen strategischen Ausrichtung» geschaffen worden, sagt die Migros. Besetzt ist sie mit Kerstin Klauser, die Betriebswirtschaft studierte und in den vergangenen Jahren bei Migros in der Unternehmensentwicklung tätig war.

Ein Tabubruch?

Welche Erfahrungen im Kulturbereich hat Kerstin Klauser vorzuweisen? Migros weicht aus: «Neben Fachkompetenzen im Bereich Kultur benötigen wir auch eine Fachperson mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund.» Die Frage, warum der Bereich Kultur der Direktion Kultur und Soziales des MGB bisher keine Wirtschaftsprofis nötig hatte, lässt die Migros offen.

Klauser gehört der vierköpfigen Leitung dieser Direktion an, die gemeinsam die Bereiche Soziales, Kultur, Institutionen sowie den Fonds «Engagement Migros» verantwortet. Gemäss Migros ist Klauser als «operative Leitung Kultur» Hedy Graber unterstellt, die seit 2004 die Direktion Kultur und Soziales des MGB leitet. Im März wird Graber auf der Tagung in Winterthur nicht nur auf dem Podium mit dem Titel «Aufhören, aber wie?» zu hören sein. Sie wird auch vor versammelten Kollegen aus der Kulturförderung das Schlusswort zur Tagung halten, wenn es um die Frage geht: «Lichter aus – (k)ein Tabubruch für die Kulturfinanzierung?»

Erstellt: 17.02.2019, 10:24 Uhr

Was ist das Migros-Kulturprozent?

Das Migros-Kulturprozent ist ein freiwilliges Engagement der Migros in den Bereichen Kultur, Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft. Die Idee dafür geht auf den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler zurück. Das Kulturprozent ist in den Statuten als eigenständiger Unternehmenszweck verankert und verpflichtet die zehn Migros-Genossenschaften und den Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) zu einem jährlichen Beitrag an das Kulturprozent.

Der Grossteil der Kulturprozent-Mittel fliesst in die Finanzierung der Migros-Klubschulen. Weitere Gelder gehen an Institutionen wie das Gottlieb-Duttweiler-Institut und die Monte-Generoso-Bahn im Tessin. Neben Projekten aus den Bereichen Bildung und Soziales gibt es auch zahlreiche grössere und kleinere Kulturprojekte, die finanziert oder unterstützt werden. Darunter das Popfestival m4music, das Migros-Museum für Gegenwartskunst, das Integrationsfestival IntegrArt, Projekte aus dem Bereich Kleinkunst und dem freien Theater. Bei der letzten Delegiertenversammlung der Migros-Genossenschaft war eine grosse Mehrheit dafür, auch die Onlineumsätze der Fachmärkte des MGB für die Berechnung des Beitrags an das Kulturprozent zu berücksichtigen.

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