Migros zahlt ihren Amigos-Lieferanten nur Taschengeld

Die Einkaufs-App Amigos wird kritisiert – diese schaffe wie Uber prekäre Arbeitsbedingungen.

So sieht es die Migros: Private gehen für Fremde einkaufen und haben Freude daran.

So sieht es die Migros: Private gehen für Fremde einkaufen und haben Freude daran.

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Egal ob Tomaten, Senf oder Tampons. Hans* legt in seinen Einkaufskorb, was Fremde von ihm verlangen. Denn er ist ein Bringer. So nennt die Migros die Lieferanten ihres Onlineshops Amigos.

Via App können die Kunden des Detailhändlers Bestellungen aufgeben. Kauf und Lieferung übernehmen Private, die dafür 7.90 Franken für eine ­Tasche erhalten – jeder zusätzliche Migros-Sack bringt 2 Franken. Hans nimmt Aufträge jeweils ­innert weniger Sekunden an. Ist ein anderer Bringer schneller, erhält dieser den Zuschlag.

Die Migros verkauft das Onlineangebot als sozialen Event zum Leute-Kennenlernen. Slogans wie «Entdecke das Social Shopping» und «Bereite anderen eine Freude» unterstreichen das. Schon mehrere Tausend Bringer sind registriert. Das Angebot gibt es derzeit im Grossraum Bern und Zürich. «Amigos entwickelt sich erfreulich», sagt ein Sprecher. Die Nutzerzahlen hält der Grossverteiler unter Verschluss. Mit Amigos gehöre die Migros aber zu den Pionieren in Europa.

Kein Arbeitsverhältnis, keine Versicherung

Die Gewerkschaften halten von solchem Pioniergeist wenig. Sie kritisieren das Migros-Angebot scharf. «Die Migros spart sich den Lieferservice, der Leute anstellt und diese auch korrekt bezahlt», sagt Philipp Zimmermann von der Unia. Es handle sich um eine Art Uber des Detailhandels.

Die ­Amigos-Lieferanten stehen in keinem Arbeitsverhältnis mit dem Detailhändler und sind auch nicht versichert, wenn es zu einem Unfall auf dem Weg zum Kunden kommt. «Die Migros tut so, als würden die Lieferanten von Amigos nicht arbeiten, sondern einfach nur Spass am Einkaufen haben. Das ist absurd», sagt Zimmermann.

Auch die Syna bemängelt die fehlende Absicherung der Lieferanten und spricht von einem ­Hungerlohn. «Wir sehen dieses und ähnliche Modelle sehr kritisch», sagt Marco Geu, Branchenleiter Detailhandel bei der Gewerkschaft. Auch er zieht den Vergleich zu Uber und Amazon, die mit ihren Geschäftsmodellen für prekäre Arbeitsverhältnisse sorgten.

«Die Entschädigung ist nicht als Lohn zu betrachten, sondern als Taschengeld.»Patrick Stöpper, Migros-Sprecher

Laut der Migros geht es vielen Bringern nicht in erster Linie ums Geld. «Ihnen ist auch die Begegnung mit den Bestellern wichtig, und sie freuen sich, wenn sie diesen mit ihrem Bringdienst eine Freude machen konnten», sagt ­Migros-Sprecher Patrick Stöpper. «Die Entschädigung ist nicht als Lohn zu betrachten, sondern als Taschengeld.» Ein Grossteil der Bringer seien Studenten oder Rentner. Diese Erkenntnis gewinnt die Migros aus der Sichtung der Profilbilder der Bringer und den Gesprächen mit Nutzern.

Bringer Hans ist weder Student noch Pensionierter. Er ist über 50 und hat derzeit keine feste Anstellung. Im Schnitt übernimmt er drei ­Amigos-Aufträge pro Tag, aber es ­waren auch schon acht. Er achtet darauf, dass die Besteller gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Wenn er Mineralwasserflaschen den Hügel hochtragen muss, verzichtet Hans lieber. Und was hält er von der Bezahlung? «Je nach Aufwand dürfte es schon etwas mehr sein», sagt er. Er mache das auch wegen des Geldes und nicht nur aus Spass.

Die Migros überlegt sich, das Angebot auszuweiten

Im Ausland sind solche Bringdienste im Detailhandel schon ­stärker verbreitet. Und auch dort sorgen sie für Kontroversen. Das US-Start-up Instacart darf seine «Personal Shopper» nicht mehr als unabhängige Unternehmer einstufen. Das ist die Folge einer Klage mit einer Vergleichszahlung in Millionenhöhe.

Uber hat ange­kündigt, gross ins Geschäft mit der Vermittlung von Lieferungen aus Supermärkten einzusteigen. Der US-Detailhandelsriese Walmart hat das in Chile und Mexiko tätige Unternehmen Cornershop gekauft. Den Lieferservice, bei demPrivate auf Abruf einkaufen, will Walmart auch in den USA ­einführen.

Ihre rein kommerziellen Absichten kaschieren diese Unternehmen nicht. Von Taschengeld als Entschädigung und Freude als ­Motivation ist im Gegensatz zur Migros keine Rede. Der orange Riese überlegt sich, Amigos auf weitere Regionen auszuweiten. Die Testphase sei bald vorbei. Ende April werde über die Zukunft von Amigos entschieden. Eine Option sei die Einbettung des Angebotes in andere Onlineshops des Unternehmens.

Im internen Wettbewerb steht Amigos gut da – wenigstens aus Kundensicht. Im Vergleich zum Migros-Onlinesupermarkt Le Shop sind die Konditionen bei Amigos deutlich attraktiver. Die Liefer­gebühren sind bei einem Bestellwert unter 160 Franken nur halb so hoch, und es gibt keinen Mindestbestellwert. Bringer wie Hans liefern eben günstiger als die Post.

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 16.03.2019, 22:19 Uhr

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