Migros-Regionalchefs stellen sich gegen Zentrale

Die Genossenschaften fürchten um ihre Macht. Deshalb bauen sie die Logistik weiter aus – gegen die Sparvorhaben des Migros-Chefs.

Der grosse Hebel, um die Kosten zu senken, liegt bei der Logistik. (Foto: Keystone)

Der grosse Hebel, um die Kosten zu senken, liegt bei der Logistik. (Foto: Keystone)

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Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen hat es von Anfang an deutlich gemacht: Der Grossverteiler muss dringend sparen. Im Detailhandel herrscht durch die Verlagerung ins Internet und den Vormarsch der Discounter ein beinharter Wettbewerb.

Die Gewinne der Migros sind in den letzten Jahren erodiert. Mit einem Projekt namens «Puma» will Zumbrunnen dagegenhalten. Das Vorhaben, das auch die zehn regionalen Genossenschaften miteinbezieht, soll Mittel für zukunftsträchtige Geschäftsfelder freischaufeln. Doch der wichtigste Teil des Projekts droht zu scheitern.

Der grosse Hebel, um die Kosten zu senken, liegt bei der Logistik. Zwar gibt es in Suhr AG und Neuendorf SO zentrale Verteil­zentren. Daneben aber haben die zehn Genossenschaften ihre eigenen Logistikplattformen, über die sie täglich Frischeprodukte in ihre Filialen ausliefern. Ein Hauptziel des von Zumbrunnen angestossenen «Puma» ist es, die zehn Drehscheiben auf drei bis fünf zu ­reduzieren, wie Recherchen zeigen. Seit Monaten spricht man ­darüber. Die Genossenschaften wehren sich ­allerdings gegen die Pläne des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB) für eine tief greifende Zusammenarbeit, wie mehrere Quellen bestätigen. Darum steht das Projekt in diesem Bereich still.

Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen. (Foto: Keystone)

Dabei wäre ein koordiniertes Vorgehen dringlich und verpflichtend. «Dauernder organisatorischer Leistungsvorsprung und ein Optimum an Wirtschaftlichkeit. Darum muss Tag für Tag gerungen werden», so steht es im Zusammenarbeitsvertrag zwischen dem MGB und den Genossenschaften.

Die Genossenschaften treiben den Ausbau ihrer Verteilzentren ungeachtet von «Puma» voran.

In den kommenden zehn Jahren stehen gruppenweit Investiti­onen in die Logistik in einem ­«hohen dreistelligen Millionen­bereich» an, wie eine gut unterrichtete Quelle weiss. Die Genossenschaften treiben den Ausbau ihrer Verteilzentren ungeachtet von «Puma» voran.

Bei der grössten Genossenschaft Aare (Bern, Aargau, Solothurn) ist die Erweiterung des Verteilzentrums Schönbühl in vollem Gang. Die Arbeiten sollen bis 2023 beendet sein. Kostenpunkt: 250 Millionen Franken. Mit dieser Plattform könnte die Aare auch andere Genossenschaften bedienen. Anton Gäumann, Leiter der Mi­gros Aare, hat innerhalb des Unternehmens klar signalisiert, dass er das gern tun würde. Er wartet nicht auf die Entscheide der Zentrale. Auch die Migros Zürich als zweitgrösste Genossenschaft geht ihren eigenen Weg: «Die Migros Zürich erbringt ihre Logistikdienstleistungen unabhängig von anderen Genossenschaften. Anpassungen sind diesbezüglich keine geplant», sagt Sprecher Gabriel Zwicky.

Migros Zürich investiert Millionen in Deutschland

Die Zürcher sind damit beschäftigt ihr Geschäft in Deutschland auf Vordermann zu bringen. Für die im Jahr 2012 übernommene deutsche Supermarktkette Tegut hat die Genossenschaft im April eine gewichtige Investition beschlossen – und zwar den Bau einer neuen Logistikplattform. «Die Investition bewegt sich im dreistelligen Millionenbereich», so Zwicky.

Warum sperren sich die Regionalchefs gegen die naheliegenden Pläne Zumbrunnens? Das komplexe System der Frischwaren­verteilung gehört zur DNA der Genossenschaften. Ihre mächtigen Chefs fürchten, ohne Logistik degradiert zu werden.

Der Hauptsitz in Zürich antwortet, angesprochen auf eine mögliche Zusammenlegung der Logistik, wenig konkret. «Selbstverständlich prüfen wir regelmässig, wo Synergien sinnvoll sind und umgesetzt werden könnten», sagt Sprecherin Cristina Maurer. Man sei gemeinsam mit den Genossenschaften daran, mögliche Schritte zu definieren, wie sich die Logistik auf die sich ändernden Kundenbedürfnisse ausrichten lasse.

Die neue Migros-Präsidentin: Ursula Nold. (Foto: Keystone)

In der Zürcher Zentrale übernimmt ab September Rainer Baumann die Leitung der Logistik. Er kommt vom Rückversicherer Swiss Re, wo er für die Informatik zuständig war. Sein Ruf ist gut. Innerhalb der Migros aber herrscht Skepsis. Er werde viel Zeit benötigen, um die Maschinerie der ­Migros zu begreifen, und sei kein Experte in Sachen Logistik.

Eine intime Kennerin der Mi­gros ist dagegen Ursula Nold, die am 1. Juli ihr Amt als Präsidentin antreten wird. Sie ist seit 1996 bei der Migros. «Wir müssen schneller, agiler und effizienter werden», sagte sie nach ihrer Wahl. Ihr Job wird es sein, die zehn regionalen Genossenschaften davon zu überzeugen, das Thema Logistik endlich gemeinsam anzugehen. Damit stärkte sie Fabrice Zumbrunnen den Rücken.



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Erstellt: 24.06.2019, 20:27 Uhr

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