Amazon macht Milliardengewinne – und zahlt keine Steuern

Trotz steigender Renditen zahlt Amazon keine Steuern. Facebook und Netflix machen das Gleiche. Das ist nicht illegal, sondern politisch gewollt.

Wegen Steuern in der Kritik: Amazon musste die Pläne für einen neuen Standort in New York begraben, zu gross war der Widerstand. Foto: Getty Images

Wegen Steuern in der Kritik: Amazon musste die Pläne für einen neuen Standort in New York begraben, zu gross war der Widerstand. Foto: Getty Images

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US-Präsident Donald Trump reagierte verhalten, nämlich gar nicht auf die Meldung: Diese Woche wurde bekannt, dass der Online-Handelsriese Amazon trotz eines Gewinns von 11,2 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr keinen Cent Steuern zahlte. Besser noch: Amazon verbuchte eine Gutschrift von 129 Millionen Dollar, womit die effektive Steuer exakt minus 1 Prozent erreichte. Warum der Präsident schwieg, ist offensichtlich: Amazon profitiert von Schlupflöchern und Abzügen, die auf Steuererleichterungen der Regierung Trump und verfehlte Versuche zurückgehen, die Löhne der Topmanager zu begrenzen.

Schon 2017 hatte Amazon auf einen Gewinn von 5,6 Milliarden Dollar nichts abliefern müssen. Das hatte noch kein anderer Technologiekonzern geschafft. Amazon war dem Staat in zwei hoch profitablen Jahren weniger schuldig als das Fünftel der ärmsten Amerikaner, die eine mittlere Steuerlast von 1,5 Prozent tragen. Beeindruckend auch der langfristige Steuererfolg: Zwischen 2009 und 2018 machte der Konzern rund 26,5Milliarden Dollar vorwärts, doch zahlte er nur 791 Millionen Steuern. Die Steuerrate von 3 Prozent ist deutlich tiefer als die offizielle Rate von 35 beziehungsweise 21 Prozent nach der Steuererleichterung von 2017.

Ohne intensive Lobbyarbeit seien solche Geschenke nicht zu haben, sagt Matthew Gardner vom Institute for Taxation and Economic Policy, das die Steuerbelastung der 500 grössten US-Firmen seit vierzig Jahren auswertet. Amazon profitiere schlicht von einem Versagen der Politik. «Unternehmen investieren Unsummen in ein System, das ihnen nützt. Deshalb ist es auch so schwer, Mängel gegen den Willen jener zu ändern, die das Geld haben.» Amazon investierte im vergangenen Jahr 14,4 Millionen Dollar ins Lobbying, mehr als Facebook und Apple und nur übertroffen von Google.

Eine verunglückte Regelaus der Ära Clinton

Das Unternehmen von Jeff Bezos – dem reichsten Mann der Welt – machte sich eine Reihe von Abzügen und Schlupflöchern zunutze, die Präsident Trump entgegen seinem Versprechen für eine höhere Steuergerechtigkeit nicht abgeschafft hat. Dabei spielte Amazon eine Bestimmung aus der Ära von Präsident Bill Clinton besonders in die Hände.

Und die funktioniert so: An sich besteuert die US-Regierung die Gewinne von Unternehmen mit einem festen Satz von heute 21 Prozent. Gewinne aber, die dem Kader in der Form von Boni überwiesen werden, sind steuerfrei. Mit einer Ausnahme: Löhne über einer Million Dollar werden besteuert, und zwar mit der 1993 verkündeten Absicht, exzessive Manager­gehälter zu verhindern.

Dieses Ziel wurde spektakulär verfehlt. Nicht nur nahmen die Exzesse zu und machten die USA zu einem der Länder mit dem grössten Missverhältnis zwischen den Entschädigungen für Manager und jenen für Angestellte. Die Vorschrift begünstigte diesen Trend sogar noch, weil Unternehmen dazu übergingen, den grössten Teil der Topgehälter als Aktienoptionen auszurichten. Und diese Form der Zahlung darf vom Unternehmensgewinn abgesetzt werden. Die Folge: Je rasanter der Aktienpreis steigt, desto höher sind auch die Optionen und desto grösser der Abzug vom Gewinn. Obwohl heute klar ist, dass das damals angepeilte Ziel verfehlt wurde, hielt die Regierung Trump daran fest.

12,6 Milliarden Dollar Umsatz – 30 Millionen Dollar Steuern

Hätte Amazon im vergangenen Jahr statt Optionen höhere Löhne in bar bezahlt, so hätte der Konzern dem Staat mehr als eine Milliarde Dollar abliefern müssen. Die Steuerquote wäre bei knapp 10 Prozent gelegen, nicht sehr weit entfernt von Apple (14 Prozent) oder Google (12,3 Prozent).

Mehr noch als Amazon profitierte Facebook vom Schlupfloch mit den Aktienoptionen. Zwischen 2010 und 2017 sparte das Unternehmen damit gemäss dem Institute for Taxation and Economic Policy 7,9 Milliarden Dollar Gewinnabgaben und senkte die Steuerquote auf unter die Hälfte der offiziellen Rate. Zusätzlich hatte Unternehmenslenker Mark Zuckerberg die Urheberrechte der Plattformen nach Irland verschoben, wie das zuvor Google und Apple getan hatten. Auch das war finanziell ein Vollerfolg: Der ­Konzern zahlte 2016 in Irland für einen Gewinn von 12,6 Milliarden Dollar nur 30 Millionen Dollar an Steuern.

Allein im letzten Jahr sanken die Steuern um 31 Prozent

Auch der Streamingdienst Netflix umging im vergangenen Jahr in den USA sämtliche Gewinnsteuern, obwohl er einen Gewinn von 845 Millionen Dollar erzielt hatte. Diese Enthüllung durch das Institute for Taxation and Economic Policy missfiel dem Konzern derart, dass er den Rückzug der entsprechenden Berichte verlangte und behauptete, 131 Millionen Dollar Steuern bezahlt zu haben. Nachforschungen zeigten indes, dass diese Summe die im Ausland bezahlten Abgaben betraf und Netflix in den USA tatsächlich steuerfrei geblieben war.

Die Steuersenkungen der Regierung Trump dürften den Unternehmen nicht genügen, wie die ­Erfahrung zeigt. Zwischen 2008 und 2015 zahlten die 500 grössten US-Firmen eine Gewinnsteuer von durchschnittlich 21,2 Prozent. Hundert von ihnen verminderten die Belastung in mindestens einem profitablen Jahr sogar auf null oder unter null. Inzwischen ist klar, dass der Staat mit stark gesenkten Gewinnsteuern rechnen muss. Ersten Angaben zufolge ­sanken diese im vergangenen Jahr um 31 Prozent – der grösste Rückschlag seit der Wirtschaftskrise 2009.

Erstellt: 23.02.2019, 20:40 Uhr

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