284 Schachteln mit Designer-Hand­taschen

Jetzt geht die Justiz im Fall 1MDB gegen Malaysias Ex-Regierungschef Najib Razak vor. Spezialeinheiten beschlagnahmten Luxusgüter.

In Genf wurden bei einem Privatbanker 12 Luxuswagen wie ein Bugatti Veyron sichergestellt. Bild: AP

In Genf wurden bei einem Privatbanker 12 Luxuswagen wie ein Bugatti Veyron sichergestellt. Bild: AP

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Es ist einer der grössten Geldwäschereiskandale der Geschichte: jener um den malaysischen Staatsfond 1MDB. Immense Summen wurden abgezweigt – auch über Schweizer Banken. Die Ermittlungen zum Fall waren monatelang blockiert. Nun kann Bundesanwalt Michael Lauber endlich vorwärtsmachen. Er besuchte am 10. Juli seinen malaysischen Amtskollegen Tommy Thomas. Lauber spricht von einem «Paradigmenwechsel».

Bei seinem Besuch in Malaysia zeigte sich der Bundesanwalt schockiert über die «Skrupellosigkeit» und «Unverfrorenheit» der mutmasslichen Täter im Geldwäschereiskandal. Und er nannte die unglaubliche Summe von 7 Milliarden Dollar, die durch das internationale Finanzsystem geschleust worden sein soll. Frühere Schätzungen lagen deutlich tiefer. Geld sei «wie in einer Pipeline abgeflossen», so Lauber. Man ­ermittle gegen sechs Personen wegen ­Betrug, Bestechung und Geldwäsche, darunter zwei ehemalige 1MDB-Manager, zwei Verdächtige aus Abu Dhabi und zwei Personen aus dem Umfeld der saudischen Ölfirma Petrosaudi.

Die Finma hat das letzte Verfahren abgeschlossen

Mehr als 4 Milliarden Franken flossen über Konten von Schweizer Banken oder deren Filialen in Singapur und Luxemburg. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma leitete Untersuchungen gegen sieben Banken in der Schweiz ein: die BSI AG, die Falcon Private Bank, Coutts & Co Ltd, J.P. Morgan Schweiz, UBS, Credit Suisse und die Rothschild Bank AG.

Dabei trat Erstaunliches zutage. Allein über die Falcon Private Bank wurden 3,8 Milliarden Franken geschleust und nach Singapur oder Hongkong umgeleitet. 400 Millionen Franken hat die Bundesanwaltschaft gemäss Lauber eingefroren. Die Finma zog mehr als 100 Millionen Franken ein und rügte fast alle Institute wegen Verfehlungen bei der Geldwäschereiprävention. Vergangene Woche schloss die Behörde das letzte Verfahren zu 1MDB ab.

Bundesanwalt Lauber arbeitet auch mit Behörden in Singapur, Indonesien, Hongkong und den USA zusammen. Die Kooperation mit den malaysischen Behörden erwies sich lange Zeit als Flop. Anfragen der Bundesanwaltschaft auf Amtshilfe wurden seit 2015 abgeblockt, um den damaligen Regierungschef Najib Razak zu schützen. Dieser steht selbst im Zentrum des Skandals. Auf einem Privatkonto Najibs landeten 610 Millionen Dollar, angeblich ein Geschenk der saudischen Königsfamilie. Najib wurde am 3. Juli verhaftet und gegen Kaution freigelassen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Amtsmissbrauch und Veruntreuung vor. Najib bestreitet alle Vorwürfe.

Durchsuchung in Kuala Lumpur: Aus der Residenz des ehemaligen Regierungschefs Najib Razak wurden Designermode und Uhren im Wert von 50 Millionen Franken abtransportiert. Bild: Keystone

Erst seit der Wahl des 92-jährigen Mahathir Mohamad zum neuen malaysischen Premierminister im Mai hat sich das Blatt gewendet. Letzte Woche wurden in Malaysia Haftbefehle gegen zwei Ex-Spitzenmanager von 1MDB ausgestellt. Und noch im Mai durchsuchte eine malaysische Spezialeinheit die Residenz von Najib.

Dabei machten die Beamten spektakuläre Funde. Sie transportierten 284 Schachteln mit Designer-Hand­taschen von Prada, Louis Vuitton und der Hermes-Marke Birkin, 234 Sonnenbrillen und 423 Uhren im Wert von rund 50 Millionen Franken ab. Zudem fanden sie 12 000 Schmuckstücke und 30 Millionen Dollar in bar. Es dauerte Wochen, alles zu registrieren. Der Gesamtwert wird mit 275 Millionen US-Dollar angegeben. Beobachter fühlten sich an Imelda Marcos erinnert, die Witwe des verstorbenen philippinischen Diktators Ferdinand Marcos, die einst 1000 Paar Schuhe in ihren Schränken gehortet hatte.

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Mohamad will seinem Vorgänger den Prozess machen. Doch die Ermittlungen dürften noch Jahre andauern, weil der Fall extrem komplex ist. Am 18. Juli beauftragte die malaysische Regierung eine Anwaltsfirma in Singapur, gegen 54 Personen und Gesellschaften juristische Schritte einzuleiten.

Millionen für Hotels, Privatjet und Jachten abgezweigt

Ursprünglich war der Staatsfond 1MDB von Ex-Regierungschef Najib 2009 gegründet worden, um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu fördern. Dann kam es zum Raubzug. Dieser verlief laut der US-Justiz in mehreren Phasen: Erst startete 1MDB ein Milliardenprojekt mit einer saudischen Ölfirma, das Startkapital lieferte die malaysische Regierung. Rund 1 Milliarde Dollar wanderte auf ein Schweizer Bankkonto, das der malaysische Geschäftsmann Jho Low (Low Taek Jho) kontrollierte. Low ist einer der Drahtzieher des Skandals. Von diesen umgeleiteten Geldern wurden Millionen für ein Hotel in Beverly Hills, einen Privatjet, eine Superjacht und Casinobesuche in Las Vegas ausgegeben. 2012 gab 1MDB dann über die Investmentbank Goldman Sachs Bonds in der Höhe von 3,5 Milliarden Dollar heraus. 1,4 Milliarden Dollar wanderten auf das Schweizer Konto einer Briefkastenfirma auf den britischen Jungferninseln. Gelder wurden unter anderem für die Finanzierung des Hollywood-Blockbusters «Wolf of Wall Street» ausgegeben.

Drahtzieher Low ist auf der Flucht, seine Jacht wurde im März vor Bali beschlagnahmt. Zwölf Luxussportwagen seines Geschäftspartners al-Qubaisi, Ex-Präsident der Falcon Private Bank, wurden Anfang Monat in Genf sichergestellt. Insgesamt soll al-Qubaisi 50 Boliden im Wert von 50 Millionen Franken besitzen, darunter mehrere Bugattis, Ferraris und ein Pagani Huayra.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 21:59 Uhr

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