Frau wird mit Velo in Tür eingeklemmt, Zug fährt los

Zwei Monate vor dem Tod eines Zugbegleiters gab es eine ähnliche Situation. Die Umstände sind sonderbar.

Eine Person wurde am Bahnhof Saint-Prex mit dem Velo in einer Tür eingeklemmt. Symbolbild: Raise Durandi

Eine Person wurde am Bahnhof Saint-Prex mit dem Velo in einer Tür eingeklemmt. Symbolbild: Raise Durandi

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Am 27. Mai 2019, gut zwei Monate vor dem tödlichen Türunfall eines Zugbegleiters in Baden AG, ereignete sich eine brandgefährliche Einklemmsituation in Saint-Prex am Genfersee. Sie hätte ebenfalls fatal enden können.

Der Vorfall kommt erst jetzt ans Licht, weil die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle Sust letzte Woche dazu einen fünfseitigen Untersuchungsbericht veröffentlicht hat.

Was ist passiert? Der Bericht schildert im Detail, wie eine Frau um 13 Uhr auf dem Bahnsteig in Saint-Prex in einen Regionalzug steigt, und zwar mit dem Velo. Doch die Türen schliessen sich, während sie noch am Einsteigen ist. Sie bleibt samt Velo zwischen den Türen stecken. Dann setzt sich der Zug langsam in Bewegung.

Eine zweite Person, die zufällig auf dem Bahnsteig steht, eilt ihr geistesgegenwärtig zu Hilfe. Dem Helfer gelingt es, die Velofahrerin gerade noch rechtzeitig aus der Tür zu befreien, bevor sie vom Zug mitgeschleift wird.

Die Velofahrerin erleidet dabei leichte Verletzungen, wie es im Bericht heisst. Das Velo allerdings bleibt zwischen den Türen festgeklemmt. Und fährt mit dem Zug davon – halb im Freien.

Der Vorfall gibt den Spezialisten Rätsel auf

Auf der Strecke stösst das Rad offenbar hart gegen Hindernisse neben den Gleisen. Als der Zug im nächsten Bahnhof in Etoy VD ankommt, öffnen sich die Türen automatisch. Das Velo fällt heraus. Gemäss Bericht hat es eine Acht im Rad und einen verbogenen Rahmen. Was mit einem Menschen passiert wäre, der so mitgeschleppt worden wäre, bleibt der Fantasie überlassen.

Die verletzte Frau gab den Unfall bei der Polizei zu Protokoll. Die Sicherheitsuntersuchungsstelle Sust analysierte den Vorfall im Detail und erstellte den erwähnten fünfseitigen Bericht. Doch der Leiter der Untersuchung, Philippe Thürler, weist auf einige sonderbare Umstände hin.

Die Türen verfügten nicht nur über einen Einklemmschutz, sondern zusätzlich auch noch über eine Lichtschranke. Weil es zwei Sicherungen gab, verkehrte die Komposition ohne Zugbegleiter, der hätte eingreifen können. Beide Sicherheitssysteme hätten bei allen 23 Türen der Komposition einwandfrei funktioniert.

Allerdings fehlte an einer der Türen eine kleine Schraube. Im Bericht wird die These aufgestellt, dass dies die Ursache des Problems gewesen sein könnte.

Ist es denkbar, dass eine kleine Schraube zwei Sicherheitssysteme lahmlegt? Die Sust musste gemäss ihrem Auftrag keine vertieften Analysen zum Vorfall machen. Die SBB hat den Zug untersucht und repariert. Sie hat inzwischen eine Taskforce eingesetzt, die systematisch alle 86 Unfälle mit Türen seit 2014 noch einmal aufrollt.

«Die Taskforce ist über den Vorfall in Saint-Prex informiert und wir den Fall noch mal anschauen», versichert SBB-Sprecherin Ottavia Masserini. «Der Fall wird in die Untersuchung mit eingeschlossen.»



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Erstellt: 18.08.2019, 22:08 Uhr

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