Mit der Lizenz zum Müssiggang

Andros, die ursprünglichste aller Bahamas-Inseln, eignet sich perfekt für das, was viele verlernt haben – fürs Nichtstun.

Hat alles, was man von einer Bahamas-Insel erwartet, und ist ein idealer Ort für Eskapisten: Andros Island. Foto: PD

Hat alles, was man von einer Bahamas-Insel erwartet, und ist ein idealer Ort für Eskapisten: Andros Island. Foto: PD

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Brian Birch schmeisst sich in eine Hängematte im Small-Hope-Bay-Resort. Er, der Sohn des Hotel­besitzers, ist in diesem Paradies auf Andros Island aufgewachsen. Das weisse Schnurgeflecht leuchtet grell im Sonnenlicht, davor das ­türkise Wasser des Atlantischen Ozeans. Das Rauschen des Wassers, der Wind und ansonsten Stille. Wenn Birch nicht arbeitet, verbringt er Stunden in der Hängematte. Seine Mission: das Nichtstun. «Es ist das, was vielen Menschen am schwersten fällt.»

Birch lebt vor, was ausländische Gäste in die Small Hope Bay Lodge lockt: die Konzentration auf das Wesentliche. Die Philosophie des Hotels ergibt sich aus der Spannung folgender Tätigkeiten: Schlafen, Tauchen, Essen und Beisammensein. Gäste, Besitzer und Angestellte setzen sich gemeinsam an die Tische, die Zimmer sind geschmackvoll, aber spartanisch eingerichtet. Internet gibt es nur in der Lobby und nur zu gewissen Tageszeiten. «Wir wollen verhindern, dass sich unsere Gäste mit dem Tablet in ihren Bungalows verschanzen», sagt Birch.

Sein Grossvater war es, der zurzeit des Kalten Kriegs von Kanada auf Andros flüchtete, um ein geruhsames Leben zu führen. Dick Birch war ein Hippie und Marxist. Zugleich hielt er den Rekord im Tiefseetauchen. 1960 gründete er an der Small Hope Bay die erste Schule für Scuba-Diving in der Karibik. Aus dem abenteuerlichen Traum entwickelte sich das Resort zum kleinen, feinen Luxushotel. Die Philosophie ist geblieben: der Hektik des Alltags entfliehen, im Austausch mit der kleinen Gemeinschaft, die dasselbe tut.

Andros ist anders: Leise und ein wenig einsam

Nirgends auf den Bahamas gelingt der Eskapismus besser als auf Andros Island. Die grösste Insel ist zugleich jene mit der geringsten Bevölkerungsdichte. 7000 Einwohner auf knapp 6000 Quadratkilometer verteilt. Andros Island ist so etwas wie die Antithese zu den bekannteren, touristischen Bahamas-Inseln, die Glamour, Luxus und oftmals auch Spektakel versprechen. Andros ist anders: leise, ein wenig einsam. Oder in den Worten von Birch: «Auf Andros lebt kein Schwein.»

Um diese Aussage zu verstehen, muss man nach der Inselgruppe Exumas Island reisen, eine Flugstunde entfernt. 360 kleine Inseln, zahlreiche Wasserhöhlen, Korallenriffe und die berühmteste Touristenattraktion auf ganz Bahamas: die schwimmenden Schweine. Am Pig Beach – am Schweinestrand – übernachten die Tiere in einer kleinen Hütte. Tagsüber planschen sie, begleitet von Touristen auf Booten. Ein Stück Weissbrot lockt die schwimmenden Schweine rasant an. Wer das Brot nicht rechtzeitig fallen lässt, riskiert eine schweinische Beiss­attacke. Eine Touristin zeigt auf ihren Bauch: «Diese Bissspur stammt vom letzten Besuch.»

Touristenattraktion: Planschende Schweine am Pig Beach. Foto: PD

Der seltsame Anblick der schwimmenden Schweine ist ein Touristenmagnet. Wer Bahamas googelt, stösst schnell auf die Tiere mit ihren langen, nassen Borsten, zappelnden Beinchen und einer freundlich wirkenden Schnauze, die aus dem Wasser ragt. Genau so präsentieren sie sich in Wirklichkeit. Die Einmaligkeit ist aber gefährdet: Andere Inseln versuchen, die Attraktion zu kopieren.

Von solchen Entwicklungen ist Andros Island allerdings unberührt. Es ist früher Abend. Birch liegt noch immer in der Hängematte, sein Gesicht im rötlichen Sonnenlicht: «Davon halten wir hier nichts.» Die Wir-Form ist bewusst gewählt. Die Inselbewohner sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die Solidarität ist gross. Die Chance zur befristeten Teilnahme bietet sich aufgeschlossenen Touristinnen und Touristen. Wer auf Andros eine Bar besucht, kommt schnell in Kontakt mit neugierigen Einheimischen. So kann die Begegnung durchaus mit einer Einladung zur nächsten Beerdigungszeremonie auf der Insel enden.

Eine Beerdigung mit Trauer, Tanz und Gelächter

Sie findet im grossen Keller eines Privathauses statt. «Goldie» steht auf den T-Shirts einiger Beerdigungsteilnehmer, «gone but not forgotten». Darunter das Konterfei der Verstorbenen, eine respektierte Person und eine der Dorf­ältesten. Die Tochter lässt ihre Trauer lauthals heraus und zittert am ganzen Körper. Daneben tanzt die Freude: die Pfarrerin, die singend zu Gott betet, unterstützt von einer jugendlichen Dorfband, ein lautstarker Gospel. Alle Dorf­bewohner klatschen, sie tanzen, weinen und lachen zugleich.

Tourismus-Video über Andros. Video: Youtube

Die Beerdigung ist bezeichnend für die Bahamas. Wer sich ausserhalb der glitzernden Luxushotels und Kreuzfahrtschiffe begibt, trifft die religiösen Stätten und die Gottesfürchtigkeit überall. Zugleich aber auch Gastfreundschaft und Gefühle, die jederzeit offen ausgedrückt werden. Auf Andros Island erscheint all dies ungefiltert, ungewohnt für die mitteleuropäische Empfindung, in der jede Emotion ihren geordneten Platz hat.

Nach vier Tagen auf der einsamen Insel, nach einigen Tauch­gängen, einer Kajaktour durch die Magrovensümpfe, nach zahlreichen Gesprächen am offenen Feuer der Strandbar, dem Bad in einem der berühmten Blue Holes der Insel, hat auch der Schreibende sein Ziel erreicht: den meditativen Zustand des Nichtstuns. In der Small Hope Bay Lodge wird solchen Kleinigkeiten Aufmerksamkeit geschenkt. Jeder Gast erhält zum Schluss ein Zertifikat überreicht. Auf dem steht: «Profi-­Relaxer, wir gratulieren von ­Herzen.»

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusministerium der Bahamas.
www.bahamas.com
www.smallhope.com
Übernachtungen ab 400 Fr.
(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.03.2018, 13:25 Uhr

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