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Mit High Heels zum aufrechten Gang

Stöckelschuhe quälen Füsse, Knie sowie Rücken und verändern den Bewegungsapparat, heisst es. Aber nicht alle Vorurteile sind wissenschaftlich begründet.

Sabine Goldhahn
Gefärbtes ­Röntgenbild eines Frauenfusses in High Heels: Viel Gewicht lastet auf dem Vorfuss. Foto: SPL/Keystone
Gefärbtes ­Röntgenbild eines Frauenfusses in High Heels: Viel Gewicht lastet auf dem Vorfuss. Foto: SPL/Keystone

Der Ruf von High Heels ist schlecht. Das liegt an den mah­nenden Worten der Ärzte und an Studienergebnissen, die reihenweise über negative Effekte durch hochhackige Schuhe berichten. Demnach verbiegen sie die Zehen, verkürzen die Wadenmuskeln, führen zu Kniegelenksarthrose und Hohlkreuz. Ungeachtet dessen halten sich Stöckelschuhe hartnäckig am Markt und an den Füssen. Der Grund ist einfach: Sie sind ein wichtiges Accessoire für Frauen und erhöhen die Attraktivität. Wer in High Heels läuft, wirkt grösser. Und das liegt nicht nur an der Höhe des Absatzes. Wie der Biomechaniker Silvio Lorenzetti und sein Team an der ETH Zürich jetzt festgestellt haben, nimmt beim Gehen in High Heels die typische S-förmige Krümmung der Wirbelsäule ab. Das sorgt zwar für weniger Kurven, aber der Rücken streckt sich. Lorenzetti und seine Gruppe untersuchten, wie sich der Körper beim Gehen verhält. Welche Form hat die Wirbelsäule, und welche Positionen nehmen Arme, Beine und Becken dabei ein? Um das ­herauszufinden, arbeiteten die Forscher mit einem dreidimensio­nalen Trackingsystem. Dieses erfasste die Reflexion von 77 aufgeklebten Messpunkten am Körper mittels Infrarotlicht und 22 Kameras. In der Studie liessen sie 40 Frauen mit unterschiedlicher Erfahrung in Stöckelschuhen über einen Laufsteg aus Kraftmessplatten spazieren und verfolgten ihre Bewegung mit den Kameras. Die Probandinnen gingen entweder barfuss oder auf Absätzen von vier und zehn Zentimeter Höhe. «Je höher der Absatz war, desto gerader wurde der Rücken», stellte Lorenzetti fest – und zwar unabhängig davon, ob die Trägerin ein Neuling auf High Heels war oder schon seit Jahren auf Absätzen umherstöckelte.

Kettenreaktion bis zu den Nackenmuskeln

Die Studie, die im Fachblatt «Gait & Posture» veröffentlicht wird, widerspricht der weitverbreiteten Meinung, wonach das Tragen von High Heels ein Hohlkreuz verursache. Diese «Fehlhaltung, die sexy macht», wie das Nachrichtenmagazin «Focus» 2015 schrieb, soll dafür verantwortlich sein, dass Frauen auf Stöckelschuhen besonders häufig Schmerzen im unteren Rücken haben. Lorenzetti sieht das anders: «Die Rückenschmerzen entstehen sicher nicht durch ein Hohlkreuz, sondern eher durch andere Faktoren wie muskuläre Überbelastung.»

Für diese These sprechen mehrere Studien, wonach die Rückenmuskeln mehr leisten müssen, wenn jemand Stöckelschuhe trägt. Je höher der Absatz, desto stärker müssen sie anspannen. Vor allem der grosse Rückenstrecker ist gefordert. Das haben Untersuchungen gezeigt, bei denen die Muskelaktivität beim Stehen und Gehen auf High Heels gemessen wurde.

«Die Rückenschmerzen entstehen nicht durch ein Hohlkreuz, sondern eher durch Faktoren wie muskuläre Überbelastung.»

Biomechaniker Silvio Lorenzetti, ETH Zürich

Doch wegen der ständigen Anspannung verbrauchen die Muskeln mehr Energie und ermüden leichter. Das erklärt auch die von Frauen oft beklagten Rückenschmerzen, wenn sie lange auf hochhackigen Schuhen stehen. Ein paar Zentimeter mehr unter den Fersen setzen eine Kettenreaktion in Gang, die bis hinauf zu den Nackenmuskeln reicht. Die Dauerbelastung ist wie zu intensives Krafttraining für den Rückenstrecker. Dasselbe gilt für die Wadenmuskeln. Auch die müssen auf High Heels besonders viel leisten, um das Sprunggelenk zu stabilisieren. Denn der Absatz hebt den Fussbogen nach oben. Infolgedessen streckt sich das Sprunggelenk. Oberhalb davon muss das Knie gebeugt werden, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen.

Hallux valgus kann sich durch High Heels verstärken

Das bleibt nicht ohne Folgen für die Wadenmuskeln. Bei Frauen, die mindestens zwei Jahre lang durchschnittlich 60 Stunden pro Woche Stilettos trugen, verkürzten sich die Wadenmuskeln messbar, und die Achillessehne wurde steifer. Weniger eindeutig sind die Folgen für das Knie. Zwar sollen High Heels das Risiko für Knie­gelenksarthrose erhöhen, doch diskutieren Wissenschaftler diesen Zusammenhang noch kontrovers. Und was passiert dort, wo Stöckelschuhe scheinbar die meisten Konsequenzen haben, an den Füssen? Hier drücken sie, quetschen die Zehen, verursachen Blasen. «Eine Frau kann alle Absatzschuhe tragen, die für sie bequem sind und worin sie sich wohlfühlt», sagt der Fusschirurg Thomas Rutishauser von der Schulthess-Klinik in Zürich. «Wenn aber der Fuss in einem Absatzschuh wehtut, muss sie die Zeit darin begrenzen.» Schmerzen sind nicht das einzige Problem, das einem Fuss in High Heels droht. Die Fusshaltung ist unnatürlich, und das Körpergewicht lastet mehr auf dem Vorfuss. Dadurch senkt sich das Fussquergewölbe. Auf der Innenseite wird vor allem das Grundgelenk des grossen Zehs stärker belastet, bis es schliesslich nachgibt und der Zeh zur Seite ausweicht.

Hallux valgus heisst diese Fehlstellung. Kritikern zufolge soll sie vor allem durch das langjährige Tragen von Absatzschuhen entstehen. Dabei seien hochhackige Schuhe nur einer von mehreren Faktoren für Hallux valgus, sagt Rutishauser. «Die häufigste Ursache ist eine erbliche Komponente. Wenn andere Familienmitglieder diese Fehlstellung haben, sollte eine Frau wirklich genau überlegen, wie oft sie hohe Schuhe trägt.» Die Wissenschaft kann beim Thema Schuhe also nur bedingt helfen. So bleibt die Wahl des richtigen Schuhwerks vor allem eins – eine persönliche Entscheidung.

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