Mit Hü und Hott fürs Klima

Extinction Rebellion will in der Schweiz Fuss fassen. Wie genau, weiss die Gruppe allerdings noch nicht so recht.

Vor dem Brandenburger Tor in Berlin zeigt Extinction Rebellion Performance-Kunst. Foto: Keystone

Vor dem Brandenburger Tor in Berlin zeigt Extinction Rebellion Performance-Kunst. Foto: Keystone

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Luca weiss nicht, was ihn erwartet, als er am Mittwochabend im Zürcher Cabaret Voltaire das Newcomer-Treffen der Klimaschutzbewegung Extinction Rebellion (XR) besucht. «Ich habe einfach das grundlegende Bedürfnis, mich zu engagieren, etwas zu bewegen», sagt der junge Architekt mit Hornbrille und Stoppelbart. So wie Luca geht es derzeit vielen Menschen, der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt.

Ein Typ mit blauen Haaren ­begrüsst das Publikum mit einer rhetorischen Frage: «Seit 30 Jahren wissen die Politiker, dass sich eine Klimakatastrophe anbahnt – und was haben sie unternommen?» Auf seinem T-Shirt prangt ein grosses «X», das an eine Sanduhr erinnert. Das Symbol der Bewegung soll die Dringlichkeit ihrer An­liegen reflektieren: Die Zeit der ­Petitionen und bewilligten Demos sei abgelaufen, so die Rebellen. «Wir müssen handeln. Jetzt!»

Vor einem Jahr bestand XR aus einer Handvoll Klimaaktivisten, die in London Brücken blockierten, Lieder sangen und verärgerten Autofahrern zur Versöhnung Kuchen und Kekse anboten. Seither hat sich die Bewegung wie ein amazonisches Lauffeuer ausgebreitet. Mit medienwirksamen Aktionen konnte sie in rund 70 Ländern auf sich aufmerksam machen, auch in der Schweiz. In Zürich färbten Aktivisten im September die Limmat grün ein, in Berlin blockierten sie letzten Freitag den Eingang zum Bundesumweltministerium, und in London klebte sich am Donnerstag ein Mann auf eine British-Airways-Maschine.

Plötzlich schimmert das Wasser in Zürich giftgrün: Aktivisten färben die Limmat. Foto: Extinction Rebellion

Die Aktivisten provozieren bei ihren Protesten eine Verhaftung, um Opferbereitschaft für den ­Klimaschutz zu signalisieren und so Druck auf die Politik auszuüben. Teilweise geht der Plan bereits auf: Das britische Unterhaus rief im April den Klimanotstand aus, nachdem 1200 XR-Aktivisten bei Verkehrsblockaden in London verhaftet worden waren. «Disruption and Sacrifice» nennt sich die betont gewaltfreie Protestform des zivilen Ungehorsams, mit der sich XR in die Tradition von Gandhi oder Martin Luther King einreihen möchte.

CO2-Emissionen bis 2025 auf netto null herunterfahren

Im Zentrum ihrer Botschaft steht die Forderung, die CO2-Emissionen bis 2025 auf netto null herunterzufahren. Zudem sollen Bürgerversammlungen einberufen werden, um dem Parlament in ökologischen Fragen die politische Entscheidungsfindung abzunehmen. Was das genau bedeutet, ist einigen Aktivisten am Mittwochabend jedoch selbst noch nicht so ganz klar. Es gehe um einen Systemwandel, eine «Entmachtung» des Parlaments, erklärt der Blauhaarige auf Anfrage. Später widerspricht ihm eine Vertreterin der Mediengruppe: «Nein, es geht ­lediglich darum, die Politik zu befähigen, die notwendigen Massnahmen zu treffen. Vorstösse aus der Bürgerversammlung unterliegen einem Referendum.»

Das Missverständnis erklärt sie sich damit, dass die Bewegung in der Schweiz noch in den Kinderschuhen stecke. XR organisiert sich in unterschiedlichen Arbeitsgruppen (AG), wobei jemand aus der AG Aktion noch nicht zwingend Einsicht in die AG Bürgerversammlung haben muss. «Als ich im Juni zu XR stiess, waren wir gerade mal ein paar Nasen, einzelne AG waren gar noch nicht besetzt», sagt die Aktivistin. Heute zählt XR schweizweit 350 aktive Rebellen.

Die Maschine bleibt am Boden: Ein Aktivist klebt sich in London auf ein Flugzeug. Foto: Keystone

Die Bewegung wächst nicht nur dank der Klimaberichterstattung so rasant – sie organisiert sich ­bewusst dezentral, angeblich hierarchiefrei, und ist extrem niederschwellig. Jeder, der ihre Forderungen unterstützt und sich an zehn Grundprinzipien hält, darf im ­Namen von XR eine eigene Lokalgruppe gründen und Aktionen durchführen. In einer Zeit, in der es an sinnstiftenden Institutionen mangelt, bedient sich XR damit geschickt der Bedürfnisse junger Erwachsener, die zumindest in Klimafragen offenbar weit weniger politikverdrossen sind, als es vielfach dargestellt wird.

Was XR kurzfristig in die Hände spielt, könnte der Bewegung längerfristig jedoch schaden. So dezidiert sie ihre Forderungen ­proklamiert, so vage bleibt sie in der Ausformulierung konkreter Massnahmen, um sie durchzusetzen. Jeder kann seine eigenen Ideen in die Bewegung hineinprojizieren. XR läuft dadurch Gefahr, die gemeinsame Stossrichtung und damit die Kontrolle über die Mitglieder zu verlieren.

Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: Als XR-Mitbegründer ­Roger Hallam im September den Flugverkehr in Heathrow mit Drohnen stören wollte, distanzierte sich die restliche Bewegung von seiner Aktion. Er führte sie dann trotzdem durch – einfach unter einem anderen Banner.



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Erstellt: 12.10.2019, 20:27 Uhr

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