Mit Schirm, Arm und jeder Menge Aufwind

Gleitschirmflieger erleben einen Boom: Ein Besuch bei Sommervögeln der besonderen Art.

Beim Manöver «Wingover» schaukeln der Pilot und seine Passagierin über dem Schirm. Foto: Tom Egli

Beim Manöver «Wingover» schaukeln der Pilot und seine Passagierin über dem Schirm. Foto: Tom Egli

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Eigentlich sind sie wegen des Äschers hier. Die Bergbeiz im Kalkfels des Alpsteins zierte schliesslich die Titelseite einer Ausgabe des «National Geographic». Doch an diesem Vormittag haben die zahlreichen Touristen keine Augen für die Sehenswürdigkeit. Kehren ihr den Rücken und verfolgen das Schauspiel direkt vor ihrer Nase: Kopfüber schaukelt ein Gleitschirmpilot mitsamt Passagierin in der heissen Sommerluft. Der blau-orangene Schirm spannt sich dabei nicht etwa über, sondern unter dem Paar.

Der Startplatz auf der Ebenalp ist derzeit ein Hotspot für Gleitschirm­flieger. Foto: Tom Egli

«Wingover» – über dem Flügel – heisst das Manöver, mit dem Pilot Sam Hochstrasser an Höhe verliert und das sich anfühlt wie der Ritt auf einer Achterbahn. Unweit ein zweiter Schirm, pilotiert von Fabio Zgraggen. Auch er ist mit einem Passagier unterwegs, profitiert vom Aufwind an der Felswand, in der das Bergbeizli steht. Kennen gelernt haben sich die beiden Männer bei weit weniger gemütlichen Flügen. Damals turnten sie als Akrobatikpiloten mit ihren Schirmen am Himmel, heute betreiben sie gemeinsam mit einem Freund die Flugschule Freewings und nehmen Kunden mit in die Luft.

Dieser Tage haben sie alle Hände voll zu tun, der heisse Sommer heizt dem Gleitschirmgeschäft ein. Sonst den Wetterkapriolen ausgeliefert, können sich Piloten und Touristen dieses Jahr bei ihrer Planung auf anhaltend ideale Bedingungen verlassen. Bei den herrschenden Rekordtemperaturen ist die Frische in luftiger Höhe höchst willkommen.

Zuweilen herrscht am Himmel Dichtestress

Das Hoch der Gleitschirmflieger ist in der Schweiz allerdings keine temporäre Erscheinung. Es ist vielmehr eine Grosswetterlage: Während die Zahlen aller anderen Sparten – etwa der Segelfliegerei, der Motorfliegerei oder der Luftschiffe – seit Jahren sinken, steigen sie bei den Hängegleitern an. So zählte der Schweizerische Hängegleiterverband vergangenes Jahr 16'129 aktive Mitglieder. Zwar sind darin auch Deltasegler eingerechnet, es sind aber die Gleitschirmler, die den Löwenanteil ausmachen. Alleine 2017 stellte er 961 neue Gleitschirmlizenzen aus – so viele waren es das vergangene Jahrzehnt noch nie.

Der Schirm wird im Fachjargon Kalotte genannt. Foto: Tom Egli

Sam Hochstrasser hat das temporeiche Manöver beendet. Der blau-orange Flügel gleitet ruhig die Felswand entlang, erwischt Aufwind, der ihn sanft steigen lässt. Höher und höher. Die Sonnenschirme des legendären Bergbeizli verkommen zu weissen Punkten. Der 37 Jährige weiss genau, wo diese «Thermik-Lifte» sind – genauso wie der Steinadler, der sich dem Emporkömmling nähert. Abdreht und, als würde er den Gleitschirmler begleiten, in seinen kreisförmigen Steigflug einstimmt. «Mal kann ich hier oben die Ruhe geniessen, mal tobe ich mich aus – so oder so ist es immer ein intensives Erlebnis», sagt Hochstrasser. Diese Freiheit ist in seinen Augen eine der Triebfedern, die die Lizenzzahlen hat steigen lassen.

Der zunehmende Verkehr am Himmel ist für die Flieger gelegentlich eine Herausforderung. Denn an touristisch hoch frequentierten Orten wie in Interlaken BE oder auf Bergrücken mit idealen Wetterbedingungen wie am Weissenstein SO herrscht am Himmel zuweilen Dichtestress. «Es gibt Tage, an denen dort an die 200 Piloten starten wollen», sagt Christian Boppart, Geschäftsführer des Schweizerische Hängegleiterverbandes. Trotzdem funktioniere das Miteinander in der Luft gut, praktisch nie komme es zu Kollisionen. «Die Piloten halten sich grossmehrheitlich an die geltenden Regeln – etwa an den Rechtsvortritt, der auch in der Luft gilt.»

Die beiden Piloten Sam Hochstrasser und Fabio Zgraggen (r.) lernten sich beim Akrobatik-Flug kennen. Foto: Tom Egli

Beim Äscher tummeln sich an diesem Sommermorgen neben Sam Hochstrasser und Fabio Zgraggen aber nur wenige andere Gleitschirmler in der Luft. Ungewöhnlich für einen regenfreien Ferientag. Doch noch haben sich nicht alle Wolken der vergangenen Gewitternacht verzogen. Deshalb haben sich einige Piloten auf der Ebenalp oberhalb des bekannten Bergbeizli ins Gras gehockt – verpflegen sich vor ihren teilweise stundenlangen Flügen.

Die abschüssige Wiese neben der Seilbahnstation ist einer der beliebten Startplätze der Region und während dieser heissen Wochen ein Hotspot für Gleitschirmpiloten. Die bunten, ausgebreiteten Kalotten – so heissen die Schirmkappen im Fachjargon – locken die Touristen an. Ein Dreikäsehoch streicht fast ehrfürchtig über das rote Tuch eines Schirms. Die Schaulustigen hoffen, dass sich einer der Hockenden endlich aufrafft, sich das Gurtzeug umschnallt, die Leinen spannt und dem Wind entgegentritt. Vergeblich. Die Piloten fachsimpeln, plaudern geduldig. Denn der aussergewöhnliche Sommer hat sie verwöhnt. Sie leisten sich für einmal den Luxus, auf optimale Bedingungen zu warten. Die angekündigte Sonne wird den Boden noch mehr aufwärmen und einen noch stärkeren Aufwind verursachen. Das wissen die Flieger, denn neben Materialkunde, Flugpraxis, -lehre und -recht macht die Wetterkunde einen grossen Teil der rund 3800 Franken teuren Ausbildung aus.

Die Schrecksekunden eines ehemaligen Kampfpiloten

Zu den Wartenden auf der Eben­alp gesellt sich Markus Gygax, der aus dem Zürcher Oberland angereist ist. Der einstige Chef der Schweizer Luftwaffe hat seit seiner Pensionierung vor sechs Jahren das Jetcockpit gegen den Gleitschirmsitz getauscht. Mit seinen 68 Jahren gehört Gygax aber bei weitem nicht zu den ältesten Piloten. Das älteste Mitglied des Hängegleiterverbandes ist 92 Jahre alt, das jüngste 14.

Der ehemalige Luftwaffenchef Markus Gygax hat vom Jet unter den Gleitschirm gewechselt. Foto: Tom Egli

Gygax hat an die 1000 Gleitschirmflüge im In- und Ausland absolviert und geniesst den «Vol libre» – den freien Flug. «Im Vergleich zu den anderen aviatischen Disziplinen sind wir Gleitschirmler nur wenigen Regulierungen unterworfen», sagt Gygax. Dies trage ebenfalls zur Attraktivität dieses Sports bei.

Der Pilot kneift die Augen zusammen, blickt prüfend zu den Wolkenresten, die sich an diesem Tag nur zögerlich verziehen. Er hat Zeit – und das brauche es. Denn: «Die Natur bestimmt immer mit. Ich muss sie lesen, achte zum Beispiel auf den Flug der Vögel, schliesslich sind sie in Sachen Wind die Profis.»

Auf dem Landeplatz muss der Schirm richtig platziert werden. Foto: Tom Egli

Damals, als er im Militärjet mit 1000 km/h übers Land donnerte, spielten Wind und Wetter hingegen kaum eine Rolle. «Genug Schub, und ich setzte mich einfach darüber hinweg. Mit dem Gleitschirm bin ich allerdings den Naturkräften ausgesetzt.» Und dann rücke das Handwerk des Fliegens in den Vordergrund, schliesslich fehle beim Gleitschirm jegliche Computerhilfe. Doch auch der erfahrene Kampfpilot hat mit dem Gleitschirm schon seine Schreckmomente erlebt: «wenn ich zum Spielball des Windes werde, Böen an der Kalotte rupfen und es deswegen so richtig laut knallt». Dann werde man sich der Fragilität dieses Fluggerätes so richtig bewusst.

Fehleinschätzungen sind die Ursache der meisten Unfälle

Im Vergleich zu anderen aviatischen Sparten und angesichts der vielen Lizenzierten ist die Zahl tödlicher Unfälle aber tief. 61 Piloten verloren in den vergangenen zehn Jahren bei Abstürzen ihr Leben. Weil keine entsprechende Meldepflicht besteht, liegen allerdings weder dem Hängegleiterverband noch dem Bundesamt für Zivilluftfahrt Zahlen über Unglücke vor, bei denen Gleitschirmler unversehrt blieben oder verletzt wurden.

«Meist führen Fehleinschätzungen zu den Unfällen», weiss Fluglehrer Fabio Zgraggen. Zum Beispiel über das Wetter oder häufig auch über die eigenen Fähigkeiten. «Bei uns durchlaufen angehende Piloten gewissermassen eine Persönlichkeitsschule», sagt er schmunzelnd. Jeder Schützling bringe seine ureigene «Hürde» mit. «Manager sind beispielsweise so schnell getaktet, dass sie kaum stillsitzen und warten können, wenn der Wind nicht stimmt.» Starten sie trotzdem, könne dies zu gefährlichen Situationen führen.

Fabio Zgraggen faltet seinen Tandemschirm nach der Landung in Wasserauen. Foto: Tom Egli

In der Luft dreht Sam Hochstrasser die letzten «Wingovers» über dem Landeplatz in der Nähe des Bahnhofs Wasserauen AI. Er bringt sich damit auf die richtige Höhe, um den Anflug einzuleiten. Hinter ihm Fabio Zgraggen, vor ihm kreisen zwei andere Piloten. Von ihren Schirmen flattern gelbe Bänder. Diese kennzeichnen die Anfänger. Denn schon nach fünf Tagen am Übungshang geht ein Gleitschirmpilot alleine in die Luft – beim Start von einem Helfer unterstützt und vom Fluglehrer am Landeplatz per Funk dirigiert. Auch sie profitieren von der lang anhaltenden Schönwetterperiode und sammeln eifrig Flugstunden.

Die Wiese beim Bahnhof ist frisch gemäht, den Anfliegenden steigt im Sinkflug Grasgeruch in die Nase. Ankommende Touristen ergötzen sich am Spektakel, schmunzeln verhohlen über die stolpernden Anfänger. Nach wenigen kontrollierten Laufschritten steht Tandempilot Sam Hochstrasser. Sein blau-orangener Schirm sinkt langsam zu Boden. Der Pilot klopft seiner Passagierin auf die Schulter. «Gut gemacht.» Er und Fabio Zgraggen falten und verstauen ihre grossen Tücher, wuchten die rund 20 Kilogramm schweren Rucksäcke auf den Rücken und machen sich auf in die Beiz – in die Loki.

Beim ausrangierten Waggon der Trogenerbahn mischen sich Passagiere und Piloten unter die Touristen, die bei Ginger-Bier und Gurken-Eis die Broschüren der Flugschule studieren. Hier gönnen sich die Freunde eine Pause, bevor ihre Flugschüler zum Unterricht eintrudeln.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.08.2018, 21:43 Uhr

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