Schwere Vorwürfe im Fall Jegge

Die Zürcher Staatsanwaltschaft befragte keine Mitarbeiter des Starpädagogen – obwohl ihnen ein Missbrauchsopfer Namen geliefert hatte.

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Für die Zürcher Staatsanwaltschaft ist der Fall Jegge seit letztem Donnerstag abgeschlossen. Nach «intensiven Ermittlungen» sei man zum Schluss gekommen, dass entweder keine oder bereits verjährte strafbare Handlungen stattgefunden haben, teilte sie mit. Das Verfahren gegen den ehemaligen Sonderschullehrer Jürg Jegge, 74, wegen des Verdachts der sexuellen Handlungen mit Kindern und Abhängigen werde eingestellt.

Jegges Opfer Markus Zangger, 58, ist aufgebracht und wütend. «Gopfertammi», schimpft Zangger, «es kann doch nicht sein, dass der einmal mehr ungeschoren davonkommt.» Der einst so gefeierte «Lehrer der Nation» missbrauchte ihn ab dem 13. Lebensjahr sexuell. Anfang April hatte Zangger ein Buch über die jahrelangen Übergriffe veröffentlicht: «Jürg Jegges dunkle Seite» brachte die perfiden Übergriffe ans Licht und verlieh Jegges viel zitiertem Begriff des «lustvollen Lernens» mehr als einen schalen Beigeschmack.

Ein Buch belastet Musterpädagogen

Anfang April veröffentlichte Markus Zangger sein Buch und brachte den Fall Jegge ins Rollen. (Video: Lea Koch, Rafaela Roth)

Vor allem aber ist Zangger wütend auf die Staatsanwaltschaft Zürich. Sein Vorwurf: «Die Staatsanwaltschaft hat nicht sauber abgeklärt.» Es könne doch nicht sein, dass die Mitarbeiter der Stiftung Märtplatz in Freienstein ZH nicht einvernommen worden seien. 1985 hatte Jegge die sozialpädagogische Institution für junge Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren gegründet und bis zu seiner Pensionierung 2011 geführt.

Die von Zangger genannten Personen wurden nicht befragt

Bei seiner polizeilichen Befragung habe er vier Namen geliefert, so Zangger. Namen von langjährigen Mitarbeitern, zwei davon seit 17 Jahren im Märtplatz tätig, auch Mitglieder der Geschäftsleitung gehören dazu. Zangger ist sich sicher: «Die müssen doch etwas mitbekommen haben.» Schliesslich seien die Lehrlinge in deren Obhut gewesen – von der IV unterstützt, notabene.

Im Märtplatz pflegt man einen lockeren Umgang, Lehrmeister und Lehrlinge sind per Du. Damals, unter Jegges Führung, sei man regelmässig nach Arbeitsschluss im Restaurant Wiesental verhockt. Eine ehemalige Lehrmeisterin, die 18 Jahre mit Jegge zusammengearbeitet hatte, sagte im Frühling gegenüber der SonntagsZeitung: Sie habe die «Buebe­gschichtli» gekannt, blöde Bemerkungen unter alten Lehrmeistern, nicht selten ehemaligen Jegge-Schülern, von «Schnäbele» war die Rede, das Wort «Pädo» sei gefallen. Natürlich habe er diese Neigung, ihren Sohn hätte sie ihm jedenfalls nicht auf den Schoss gesetzt.

Tatsächlich sind die vier von Zangger genannten Personen von der Staatsanwaltschaft nicht befragt worden. Andrea Sailer, Mediensprecherin der Stiftung, sagt: «Wir haben mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet und in ihrem Auftrag eine Namenliste erstellt von allen Lernenden, die am Märtplatz eine Ausbildung gemacht haben.» Und die vier Mitarbeiter, hätten sie denn etwas zu sagen gehabt? Zwei antworten mit Nein, sie hätten nie etwas beobachtet. Eine Frau sagt: «Ich will gar nicht befragt werden.» Der Vierte zögert lange, bevor es leise tönt: «Ich möchte mich dazu lieber nicht äussern.»

Die Untersuchung dauerte ein halbes Jahr

Jegge beteuerte stets: «Während meiner Zeiten als Leiter des Märtplatzes ist es nie mehr zu sexuellen Kontakten mit Lehrlingen gekommen.» Das nimmt ihm Zangger nicht ab. Beweise hat er nicht, und er kann deshalb auch nicht sagen, ob unverjährte Delikte existieren. Indizien jedenfalls gäbe es genügend: So haben Recherchen von SRF ergeben, dass drei junge Männer während ihrer Lehrzeit mit Jegge nach Wien gereist sind (in Wien hat er einen Zweitwohnsitz). Sie hätten mit Jegge im Doppelbett übernachtet, der Pädagoge habe sich ihnen aber nicht sexuell genähert.

Ein halbes Jahr hat die Untersuchung im Fall Jegge gedauert; bei einer Hausdurchsuchung in Rorbas ZH im April wurde in Jegges Kleiderschrank eine Knabenunterhose sichergestellt. Auf Jegges Computer und Handy wurden weder pornografische Bilder noch andere sexuelle Inhalte gefunden. Er sei kein «Computerhirsch», sagte Jegge der SonntagsZeitung im Frühling. Eine pädophile Neigung bestritt er damals. Aber: Jugendliche, die langsam zu Männern wurden, hätten ihn sehr wohl erregt. Kann man diese Neigung einfach so ablegen?

Fest steht: Jegge hat das Zusammensein mit Lehrlingen gesucht. Bekannt ist auch, dass er gern und viel mit ihnen getrunken hat – «ich trinke und esse gern, ob mit oder ohne Lehrling». Eine Leidenschaft, die er auch nach seiner Pensionierung gemeinsam mit Auszubildenden pflegte. Alkohol spielte auch beim Missbrauch von Markus Zangger eine wichtige Rolle. «Alkohol war der Weichmacher», sagte Zangger.

Die Opfer bestimmen, ob sie aussagen wollen

Hat die Staatsanwaltschaft eine «Larifari-Untersuchung» geführt, wie Zangger behauptet? Warum wurden die langjährigen Jegge-Weggefährten nicht einvernommen? Mediensprecherin Corinne Bouvard sagt, die Staatsanwaltschaft habe einen anderen Ansatz gewählt: «Wir haben auf eine Einvernahme von Lehrmeistern oder anderen Mitarbeitern des Märtplatzes verzichtet. Und uns dafür auf potenzielle Opfer konzen­triert.» Jugendliche aus dem Umfeld des Märtplatzes, die mit Jegge zu einer Zeit Kontakt hatten, als die Verjährung noch nicht eingetreten war, seien zur Einvernahme vorgeladen worden – SRF geht von einem guten Dutzend Männern aus. Bouvard: «Grundsätzlich bestimmen die Opfer, ob sie Anzeige erstatten und Aussagen machen wollen oder nicht.» Es gebe nachvollziehbare Gründe, wenn sie dies nicht mehr wollten. Und sie sagt, dass Zangger und sein Anwalt Akteneinsicht hatten und die Gelegenheit gehabt hätten, weitere Zeugen zu beantragen.

Jürg Jegge selber hat auf diverse Anfragen nicht reagiert. In seinem Häuschen in Rorbas habe am Donnerstagabend, als die Dok-Sendung über sein «System» ausgestrahlt wurde, Licht gebrannt, weiss Zangger. Zivilrechtlich will er nicht gegen Jegge vorgehen. Sein Fall ist verjährt, das hat er akzeptiert. Nicht aber, dass der Fall Jegge nun ad acta gelegt wird. Und auf eine öffentliche Entschuldigung wartet Zangger nach wie vor. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2017, 23:24 Uhr

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