Monogamie ist im Gehirn codiert

Bei der manchen Fröschen und Fischen sind feste Paarbeziehungen wahrscheinlich genetisch vorgesehen.

Der Pfeilgiftfrosch (Ranitomeya imitator): Er lebt monogam. Die Männchen kümmern sich um die befruchteten Eier und tragen später die Jungen auf dem Rücken. Foto: Getty Images

Der Pfeilgiftfrosch (Ranitomeya imitator): Er lebt monogam. Die Männchen kümmern sich um die befruchteten Eier und tragen später die Jungen auf dem Rücken. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

So unterschiedlich die Präriewühlmaus, der Bergpieper, der Pfeilgiftfrosch (Ranitomeya imitator) und der Buntbarsch (Xenotilapia spiloptera) daherkommen, so ähneln sie sich in einem Verhalten: Sie sind monogam. Nun haben US-Forscher den Männchen quasi ins ­Gehirn geschaut und Erstaunliches entdeckt. Das Team hat anhand zweier Hirnregionen dieser Wirbeltiere versucht, das Geheimnis der Monogamie zu lüften.

Die untersuchten Tiergruppen – Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische – haben sich vor vielen Jahrmillionen unabhängig voneinander entwickelt. Und einige von ihren Arten leben monogam. ­Diese Form des Zusammenlebens ist mehrfach in der Evolution entstanden. Überraschend ist deshalb, dass offenbar stets ganz ähnliche Gruppen von Genen bei den untersuchten monogamen Tierarten im Gehirn aktiv sind. Es handelt sich dabei «um 24 bis 150 Gene», sagt Rebecca Young von der Univer­sity of Texas in Austin, die zusammen mit Hans Hofmann und Kollegen die Studie durchgeführt und die Ergebnisse im Fachjournal «PNAS» veröffentlicht hat.

Es könnten diese Gengruppen sein, die das unterschiedliche Verhalten von monogamen Tieren gegenüber polygamen ausmachen. So sind monogam lebende Männchen in der Regel weniger aggressiv gegenüber den Weibchen, sie verteidigen ihr Territorium aber aggressiver – und sie beteiligen sich intensiver an der Aufzucht der Jungen. Zum Beispiel helfen die Männchen der in Peru heimischen Pfeilgiftfrösche, die sich lediglich mit einem Weibchen paaren, ihrer Partnerin die Jungen grosszuziehen. Sie schleppen die Kaulquappen auf ihrem Rücken. Bei einer polygamen verwandten Art, dem Erdbeerfrosch (Oophaga pumilio), tragen die Weibchen die Hauptlast bei der Brutpflege.

Präriewühlmäuse kuscheln und sind ein Leben lang treu

Der Populationsgenetiker Gerald Heckel von der Universität Bern findet die Studie «ausserordentlich interessant». Die US-Forscher haben einen vollkommen neuen Ansatz verfolgt, indem sie die Gene verschiedener Tiergruppen verglichen haben. Heckel stört sich jedoch am Begriff «Monogamie». Darunter sei eben nicht die lebenslange Treue zu verstehen. «Auch der Mensch gilt in der Regel als monogam», sagt der Forscher. Dabei haben Menschen oft mehrere Paarbeziehungen – meist nach­einander. Es sei besser, von «Paarbindung» zu reden.

«Je nach Tierart kann die Monogamie unterschiedlich ausgeprägt sein», findet auch Dieter Lukas vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Lukas geht davon aus, dass es verschiedene Stadien gibt, wie sich monogame Paarbeziehungen entwickeln. So beschränkt sich beispielsweise die Monogamie bei den afrikanischen Zwergantilopen, den Dikdiks, darauf, dass sich das Männ­chen ein Weibchen sichert. «Wenn das Weibchen durch seinen Urin signalisiert, dass es empfäng­nis­bereit ist, dann pinkelt das Männchen darüber», sagt Lukas. Konkurrenten haben damit keine Chance, das paarungsbereite Weibchen zu erschnüffeln. Weiter geht die «Liebe» allerdings nicht.

Viel enger verbunden sind indes die Präriewühlmäuse. Sie gelten als Paradebeispiel in der Verhaltensforschung für eine treue und lebenslange Partnerschaft – bei einer zweijährigen Lebenserwartung. Anders als bei der Zweckgemeinschaft der Dikdiks kuscheln nämlich die Präriewühlmäuse häufig miteinander.

Seitensprünge gibt es auch bei den Tieren

Generell kommt die Monogamie in den meisten Tiergruppen nur sporadisch vor. Bei Amphibien und Fischen ist sie eher eine Rarität, und von den Säugetieren leben nur höchstens fünf Prozent in stabilen Paarbeziehungen. Hingegen ist die Einehe bei über 90 Prozent der Vogelarten die Regel. Warum profitieren manche Tierarten von einer stabilen Partnerschaft und andere nicht? Das habe etwas mit der Umwelt und den Ressourcen zu tun, sagt der Berner Forscher Heckel.

Der einzige Zweck der Paarbildung sei, möglichst viele Junge grosszuziehen. Vögel benötigen dafür ausgedehnte Territorien, welche die dafür nötige Nahrung liefern. Zudem ist bei ihnen sowohl das Brüten als auch die Fütterung der Küken einfach auf beide Partner zu verteilen. Bei Säugetieren hingegen trägt das Weibchen die Jungen im Bauch und versorgt sie mit Milch.

Monogamie lohnt sich aber auch für Säugetiere, wenn die Ressourcen knapp sind. Ein Beispiel dafür sind die in Südostasien heimischen Gibbons. Die Primaten leben monogam in einem engen Gruppenzusammenhalt. Nur so können sie die spärliche Nahrung optimal nutzen. Ist hingegen reichlich Futter vorhanden, können sich Männchen einen Harem leisten, wie etwa die Löwen.

Erdbeerfrosch (Oophago pumilio): Er lebt polygam. Die Weibchen kümmern sich fast alleine um die Aufzucht der Qaulquappen. Foto: Keystone

Und der Mensch? Der Ursprung der Monogamie könnte beim Homo sapiens einzigartig sein, mutmassten Frans de Waal von der Emory University in Atlanta und Sergey Gavrilets von der University of Tennessee in Knoxville vor einigen Jahren in der Fachzeitschrift «PNAS». Möglich sei, dass bei der menschlichen Monogamie statt genetische eher kulturelle Faktoren der Auslöser waren. Eine Idee ist, dass dauerhafte Paarbeziehungen in einer Gesellschaft die Männer gleichstellt und so die Kooperation in der Gruppe fördert.

Könnte man auch im menschlichen Gehirn ein ähnliches Genmuster entdecken wie bei den monogamen Arten, welche die US-Forscher untersucht haben? «Das ist durchaus möglich», sagt Hans Hofmann. Man müsste dazu menschliche Gehirnproben untersuchen und mit solchen von Schimpansen, die polygam leben, vergleichen. Aber Monogamie sei nicht identisch mit Treue, betont Hofmann. Auch bei Tieren kommen Seitensprünge vor.

Erstellt: 20.01.2019, 09:51 Uhr

Artikel zum Thema

«Ein Seitensprung kann befreiend sein»

Interview Welchen Wert hat Monogamie in der modernen Gesellschaft? Psychotherapeutin Ester Perel über Menschen, die sich lieben – und trotzdem fremdgehen. Mehr...

Glatze weg, Sex weg

SonntagsZeitung Finasterid galt einst als Wundermittel gegen einen kahlen Kopf. Dann zeigten sich Potenzstörungen. Jetzt kommt die Sache vor Gericht. Mehr...

Verknallt mit 76

Kritik Frisch verliebt im hohen Alter? Im Dok-Film «Späte Liebe» erzählen Paare, wie es dazu kam und wie es sich anfühlt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...