Er kennt das Sündenregister des Schweizer ÖV

Sie ärgern sich über Zug-Verspätungen? Andreas Gutweniger kann Ihnen ein Lied davon singen – und prognostiziert Ihre nächste Wartezeit.

«Ich komme öfter zu spät als die SBB»: Wirtschaftsinformatiker Andreas Gutweniger. Foto: Marco Zanoni/Lunax

«Ich komme öfter zu spät als die SBB»: Wirtschaftsinformatiker Andreas Gutweniger. Foto: Marco Zanoni/Lunax

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Dieser Mann weiss punktgenau, wie es in der Schweiz um die Pünktlichkeit des öffentlichen Verkehrs steht: Andreas Gutweniger, 45, aus Bremgarten bei Bern. Täglich berechnet er, welche Züge, Trams, Postautos oder Busse verspätet ankommen und publiziert die Resultate auf seiner Website Puenktlichkeit.ch. Während er im Herbst angesichts akuter Verspätungen in den Medien noch von «Tauchern» sprach, lautet sein Fazit jetzt am Jahresende: «Im letzten Quartal war die Pünktlichkeit im Fernverkehr spürbar schlechter als üblich.»

Wer sich nun unter «Mr. Pünktlichkeit» einen Pedanten mit Scheitel und perfekt sitzender Krawatte vorstellt, liegt falsch. Andreas Gutweniger kommt in roter Gore-Tex-Jacke und roten Turnschuhen zum Treffpunkt am Bahnhof Bern und erinnert mehr an einen lockeren Naturburschen als an einen Sekundenzähler. Ist er wenigstens ein pünktlicher Mensch? «Überhaupt nicht.» Er lacht: «Ich komme öfter zu spät als die SBB.» Deren Züge sind in 3 von 20 Fällen mehr als 3 Minuten verspätet.

Gutweniger weiss Bescheid, weil die ÖV-Unternehmen ihre Betriebsdaten jede Nacht auf Opentransportdata.swiss veröffentlichen. In der 280 Megabyte grossen Datei ist schweizweit jeder Stopp von Bussen, Postautos, Trams oder Zügen des Vortags enthalten – wann das Verkehrsmittel nach Fahrplan hätte ankommen sollen und wann es tatsächlich angekommen ist, wann es hätte abfahren sollen und wann es tatsächlich abgefahren ist.

Eine Fundgrube für ÖV-Interessierte

Diese Datei holt sich Gutweniger des Nachts automatisiert mit einem selbst geschriebenen Programm, das für jede Station die Verspätung berechnet. Dann schaut es, wie viel Prozent der Ankünfte an diesem Tag verspätet waren. Als verspätet gelten in der Schweiz Züge, die die fahrplanmässige Ankunftszeit um mindestens 3 Minuten überschreiten. Das Resultat wird schliesslich auf einer interaktiven Schweizer Karte automatisch dargestellt.

Wer Puenktlichkeit.ch besucht, erkennt anhand roter Linien sofort, auf welchen Strecken in den letzten Tagen oder Wochen der ÖV stark verspätet war und welche im grünen Bereich lagen.

Weil er die Daten sammelt, kann Gutweniger seinen Besuchern einen Blick in die Vergangenheit gewähren, den die Transportunternehmen selbst nicht bieten: «Das Besondere an meiner Site ist, dass man jeden einzelnen Streckenabschnitt analysieren kann – tagesaktuell oder bis zu einem Jahr zurück.» Die Unternehmen veröffentlichen dagegen nur einzelne Zahlen zur Pünktlichkeit, die untereinander nicht einmal vergleichbar sind. Laut SBB etwa liegt ihre «Kundenpünktlichkeit» zurzeit bei 89 Prozent. In diese Zahl fliessen aber nur die Werte bestimmter Bahnhöfe ein und zusätzlich die Zahl der Passagiere, die zu spät angekommen sind. Deshalb ist sie nicht mit Gutwenigers Werten vergleichbar.

«Meine Prognose ist genauer als die der ÖV-Unternehmen selbst.»Andreas Gutweniger

Auf die Idee für das Verspätungsportal kam der Wirtschaftsinformatiker im Rahmen seines Nachdiplomstudiums in Datenwissenschaften, das er letztes Jahr absolvierte. Just als er ein Thema für eine Studienarbeit suchte, veröffentlichte der ÖV erstmals seine Betriebsdaten. Damit habe er unbedingt etwas machen wollen: «Weil Pünktlichkeit ein wichtiges Qualitätsmerkmal ist, man Verspätungen aber meist falsch einschätzt. Es war mir darum wichtig, mit dem Portal eine objektive Grundlage zu schaffen». Der ÖV-Fan war während zehn Jahren als Informatiker bei den SBB angestellt und ist auch heute als Informatikberater bei der Consulting-Firma Detecon teils für die Bundesbahnen tätig.

Der Kern der Site ist in rund sechs Wochen entstanden. Heute lasse er sie auf kleinem Feuer weiterköcheln, als Hobby quasi. Normalerweise zählt ­Puenktlichkeit.ch täglich 50 bis 60 Besucher. Ist die Site indes Thema in den Medien wie heute, zwingt die Zahl der Zugriffe den Server regelmässig in die Knie. Er habe aber keine Lösung dafür: Ihm fehlten als Privatperson die Ressourcen. Wen es interessiere, könne aber am nächsten Tag wieder kommen.

Gutwenigers besonderer Stolz sind seine Verspätungsprognosen: «Meine Prognose ist genauer als die der ÖV-Unternehmen selbst», sagt der gebürtige Deutsche selbstbewusst. Dafür verwendet er die seit dem Start am 18.11.2016 gesammelten Daten, sucht darin nach Mustern und berechnet mit einem Algorithmus daraus künftige Verspätungen: «So können wir aus der Vergangenheit lernen.» Anders die Bahnen, die ihre Prognosen nach alter Ingenieurskunst ausschliesslich mit theoriegeleiteten Modellen berechnen und Verspätungsminuten hinzurechnen. Ein Umdenken sei aber im Gange, und es gebe erste Schritte, auch empirische Daten hinzuzuziehen.

Die Open-Data-Idee machte das Portal möglich

Ein Umdenken war auch nötig, damit ein Portal wie Puenklichkeit.ch überhaupt entstehen konnte. Es fusst im Open-Data-Gedanken, der auch in der Schweiz zunehmend Anhänger findet. Dabei geht es um die Forderung, dass Daten von allen genutzt werden dürfen – insbesondere solche, die von staatsnahen Betrieben und öffentlich finanzierten Einrichtungen erhoben werden. Zum einen können Dritte damit nützliche Dienste bauen – wie Puenklichkeit.ch. Zum andern soll transparent werden, wohin Gelder fliessen oder wie es um die Qualität steht: «Oft kann man Qualität nicht objektiv messen. Aber Aspekte, die ohnehin gemessen werden, sollten öffentlich zugänglich sein, solange es sich nicht um personenbezogene Daten handelt», findet Gutweniger.

Ideen für Folgeprodukte oder zur Weiterentwicklung seiner Site hätte er viele. Seine vier Kinder – zwischen 6 und 13 Jahre alt – hätten aber Vorrang. Sagts – und verschwindet als roter Punkt im Pendlerstrom.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.12.2018, 23:52 Uhr

Das war das ÖV-Jahr 2018 in der Schweiz

Andreas Gutweniger hat für die SonntagsZeitung einige Fakten zum Fahrplanjahr 2018 (10.12.2017 bis 8.12.2018) zusammengetragen.*

Im letzten Fahrplanjahr erfolgten 83,9% der IC/EC-Ankünfte mit weniger als 3 Minuten Verspätung. Ein Jahr zuvor waren es 85,6%. Das entspricht einer Pünktlichkeitsverschlechterung von 1,7 Prozentpunkten.

Im gesamten Fernverkehr der SBB (Interregio, Intercity, Eurocity) lag die 3-Minuten-Pünktlichkeit bei 86%. Im Jahr zuvor bei 87,4%. Mit weniger als 5 Minuten Verspätung erfolgten 93,8% aller Ankünfte.

Der Tag mit den meisten Verspätungen im Fernverkehr war der 1. März (53,8%) wegen Schneefalls; am wenigsten ärgern wegen Zuspätkommens mussten sich die Passagiere am 25. Dezember 2017, 97,3% der Züge kamen an dem Tag fahrplangemäss an.

Am 1. März kam es auch zur unpünktlichsten Bahnstunde tagsüber: jene von 8 bis 9 Uhr. Mit nur 49,4% Pünktlichkeit schweizweit trafen an diesem Schneetag über die Hälfte aller Züge verspätet ein.

Zu den Strecken mit den häufigsten Verspätungen zählen:

  • bei Intercity-Zügen: Chiasso–­Lugano (46,1%, SBB)
  • bei Interregio-Zügen: Preda–Spina (26,1%, RhB)
  • bei Regionalexpress-Zügen: Chiasso–Mendrisio (16,2%, SBB)
  • bei Regio-Zügen: Bigenthal–Schafhausen i.E. (0,8%, BLS)

Die pünktlichsten ÖV-Unternehmen sind:

  • bei Regionalexpress-Zügen: Transports publics fribourgeois (TPF) mit 96,3%
  • bei Regio-Zügen: Aare Seeland Mobil (ASM) mit 96,5%
  • bei S-Bahnen: Zentralbahn (ZB) und Wynental- und Suhrental-Bahn (WSB), beide mit 96,4%
  • im Ortsverkehr (Bus/Tram): Verkehrsbetriebe Schaffhausen (VBSH) mit 94,5%

Ein schwarzer Tag: Am 9. Oktober war nur ein einziger der von Bern nach Zürich verkehrenden ICs pünktlich (3,2%). Die grösste Verspätung betrug an diesem Tag 31 Minuten.

31. Juli, 21:48 Uhr: Der EC 10 aus Milano trifft bereits zum 25. Mal in diesem Jahr mit über 30 Minuten Verspätung in Arth-Goldau ein. An diesem Tag sind es sogar 61 Minuten. Der Zug gehört zu jenen mit den grössten Verspätungen. Die Züge aus Mailand kommen häufig bereits mit Verspätung an der Grenze an – und können diese Verspätung auf der Fahrt durch die Schweiz nur teilweise aufholen.

Kurios: Am 14. November um 5:48 Uhr kommt die S6 der BLS aus Köniz pünktlich in Moos an. Das ist ungewöhnlich und kommt unter den fast 14 000 Fahrten des Jahres nur 23-mal vor (Pünktlichkeit von 0,17%). Grund ist ein systemischer Fehler: Weil die Kreuzung eines Gegenzugs abgewartet werden muss, ist es nahezu unmöglich, den Fahrplan einzuhalten. Auf dem nächsten Abschnitt liegt die Pünktlichkeit wieder über 95%.

* Ein Zug gilt als pünktlich, wenn die Ankunft weniger als 180 Sekunden nach der im Fahrplan veröffentlichten Zeit erfolgt («3-Minuten-Pünktlichkeit»). In Deutschland gilt ein Zug erst nach 360 Sekunden als verspätet.

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