Nach Fälschungsskandal: «Weltwoche» prüft Relotius-Texte

Die «Weltwoche» druckte 28 Texte des Fälschers. Sie enthalten Aufgebauschtes und Erfundenes. ­Roger Köppel schwieg lange zum Fall.

Ausriss aus Roger Köppels «Weltwoche» mit einem Artikel von Claas Relotius (unten) über ein Dorf in Ohio

Ausriss aus Roger Köppels «Weltwoche» mit einem Artikel von Claas Relotius (unten) über ein Dorf in Ohio

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Über Jahre hinweg hat der «Spiegel»-Reporter Claas Relotius seine Artikel frisiert oder sogar frei erfunden. Das machte das legendäre deutsche Nachrichtenmagazin am vergangenen Mittwoch publik – und löste damit ein Erdbeben in der Medienbranche aus. Relotius hat in seinen mehrseitigen, oft preisgekrönten Reportagen zahlreiche Personen beschrieben, mit denen er nie sprach und die teilweise gar nicht existierten. Er schilderte detailbesessen Szenen und Orte, die er nie gesehen hat. Der Schaden für die Glaubwürdigkeit der Medien ist beträchtlich. Der «Spiegel» beschrieb gestern Samstag in seiner neuesten Ausgabe auf 23 Seiten, wie er sich täuschen liess.

Der 33-jährige Relotius publizierte seine Texte auch in der Schweiz, vor allem in der «Weltwoche» und der «NZZ am Sonntag». Während Letztere in ihrer heutigen Ausgabe zwei Fälle rekonstruieren will und seit Aufdeckung des Skandals mehrere Stellungnahmen veröffentlichte, hat sich «Weltwoche»-Chef Roger Köppel bislang nicht um Transparenz im Fälschungsskandal bemüht.

Am Mittwoch, als der Betrug am Leser beim «Spiegel» aufflog, sagt Köppel auf dem Branchen­portal «Persönlich»: «Ich weiss nicht, ob an den wenigen Artikeln, vor allem Interviews, die bei uns erschienen sind, etwas faul war. Es gab nie eine Beanstandung.» Am selben Tag spricht er auf Bluewin.ch von der «Unschuldsvermutung», die für Relotius gelte. Seither schwieg er.

Erst nachdem dieser Artikel erschienen ist, meldete sich Köppel mit Verweis auf einen Facebookeintrag vom Sonntagvormittag. Dort steht: «Die Nachricht von diesen Fälschungen erreichte die Weltwoche nach Beginn der redaktionellen Weihnachtsferien. Die Weltwoche nimmt diesen Fall ernst und ist seit Bekanntwerdung des Falls daran, die Relotius-Texte, soweit möglich, nachzuprüfen. Dem beschuldigten Autor wird selbstverständlich Gehör eingeräumt.»

Existenz der Hauptperson ist fraglich

Relotius hat keineswegs nur «wenige Artikel» in der «Welt­woche» veröffentlicht. Gemäss der Schweizer Mediendatenbank erschienen von 2012 bis 2016 27 Interviews und eine Reportage in Köppels Magazin. Allesamt mehrseitige Texte.

Eine erste Prüfung ergibt, dass Relotius auch in der «Weltwoche» Passagen aufbauschte oder gar frei erfand. Am 25. Oktober 2012 publizierte das Blatt seine Reportage «Feuert Obama». Er beschreibt bildhaft ein demokratisches Nest in Ohio, das sich enttäuscht vom US-Präsidenten abwendet. Doch war Relotius je in Beallsville? Daran lässt schon der erste Abschnitt zweifeln, in dem von einem «1000-Seelen-Dorf» die Rede ist. In Wahrheit hat Beallsville nur rund 400 Einwohner. Weiter ist die Rede von «mittlerweile stillgelegten Kohlegruben» in und um das Dorf, dabei liegt in der Gegend mit der «Century Mine» die einzige noch aktive Mine.

Vor allem aber ist die Existenz der Hauptperson Steven Witter sehr fraglich. Relotius beschreibt Witter als «Prototyp» einer Schicht von Arbeitern, die mit den US-Demokraten brechen. Gemäss dem Text hat Witter, Vater von drei Kindern, sein ganzes Leben in Beallsville verbracht. Seine Familie lebe seit Generationen hier. Der Autor zitiert Witter mehrmals. Es entsteht der Eindruck, dass Relotius lange mit dem «bodenständigen, etwas wortkargen Mann mit Schnurrbart, Baumwollweste und Holzfällerhemd, die Ärmel so hochgekrempelt, dass ­seine kräftigen Oberarme sofort ins Auge fallen», sprach.

Skrupellos und nach Gutdünken Texte «verdichtet»

Allerdings ergeben Onlinesuchen keinen einzigen Eintrag zu einer Person namens Witter aus Beallsville, Ohio. Auch alteingesessene Einwohner wie Bob und Robin Harper vom Bestattungsinstitut Harper Funeral Home oder die Betreiberin der einzigen Tankstelle im Ort können sich auf Anfrage nicht an Witter erinnern. Ein Mensch mit diesem Namen lebe nicht hier und habe hier niemals gelebt, versichern sie.

Am 28. März 2015 erschien in der «Weltwoche» auch ein Interview von Relotius mit einem Holocaust-Überlebenden. Der New Yorker Schneider Martin Greenfield schildert darin, wie er im Konzentrationslager Auschwitz dem SS-Arzt Josef Mengele begegnete, der im KZ Menschenversuche durchführte. An Mengele, so wird Greenfield zitiert, hätten ihn der Anzug und die Schuhe beeindruckt. Weiter erzählt der heute 90-Jährige, wie er in Buchenwald Kaninchenfutter ass und nach seiner Befreiung das Auto des Bürgermeisters von Weimar stahl.

Das «Süddeutsche Magazin», welches das Interview mit Greenfield in einer etwas längeren Version auch abdruckte, stiess auf gravierende Unstimmigkeiten. Greenfields Sohn spricht gegenüber dem «SZ-Magazin» von «zahlreichen Beschönigungen und Fehlern». Relotius gebe zu, Passagen «manipuliert» und mit Zitaten aus Greenfields Autobiografie «verdichtet» zu haben, teilt die Chefredaktion des «SZ-Magazins» mit. Sie hat sich bei der Familie Greenfield entschuldigt und den Text von der Website gelöscht.

20-minütiges Gespräch füllt drei «Weltwoche»-Seiten

Roger Köppel hat schon einmal über Jahre Artikel eines Fälschers abgedruckt. Noch als Chefredaktor des «Magazins» des «Tages-Anzeigers», das wie diese Zeitung zum Tamedia-Verlag gehört, veröffentlichte er Interviews des Berners Tom Kummer, die dieser angeblich mit Stars wie Johnny Depp, Sharon Stone und Mike Tyson geführt hatte. Die Gespräche waren frei erfunden, wie sich später herausstellte.

Beträchtliche Zweifel gibt es auch bei den Star-Interviews, die Claas Relotius für die «Weltwoche» führte. Regelmässig publizierte er ausführliche Gespräche mit Filmgrössen wie Quentin Tarantino, David Cronenberg oder Christian Bale.

Zum Beispiel das Interview mit Bale: Da Relotius für die «Welt­woche» schrieb, meldete er sich beim Schweizer Filmverleih, der 2015 an der Berlinale Interviews mit dem Filmstar anbot. Laut dem Verleih traf Relotius den Schauspieler an einem 20-minütigen Roundtable-Gespräch. Es sassen also mehrere Journalisten am Tisch, die den Batman-Darsteller befragten. Dass er die Fragen der anderen Journalisten im Interview als die eigenen ausgibt, ist so üblich. Mehr als erstaunlich ist aber, dass Relotius ein 20-minütiges Gespräch auf einen Text strecken konnte, der am Ende drei «Weltwoche»-Seiten füllte.

PR-Agentur: «Claas Relotius war definitiv nicht am Pressetag»

Im selben Berlinale-Jahr sprach Relotius mit dem holländischen Regisseur Anton Corbijn; das Interview in der «Weltwoche» im Oktober 2015 ist sogar noch länger als jenes mit Christian Bale. Gemäss dem Schweizer Verleih war Relotius aber auch da nur an einem Roundtable, das ungefähr 25 Minuten dauerte. Die PR-Agentur, die die Pressearbeit für Corbijns Film «Life» organisierte, bestätigt, dass Relotius neben dem Roundtable kein weiteres Gespräch mit Corbijn geführt hat.

Am Filmfestival in Cannes 2014 traf Relotius angeblich David Cronenberg und spürte «die frische Bise der Côte d’Azur», wie er damals schrieb. «David Cronenberg, mittlerweile 71, sitzt während des Interviews auf einem schwarzen Ledersofa, die Beine entspannt übereinandergeschlagen.» Die PR-Agentur, die damals für die internationale Presse zuständig war, sagt: «Claas Relotius war definitiv nicht am Pressetag.» Dass er in Cannes auf anderen Wegen an ein Cronenberg-Interview herankam, ist nicht völlig auszuschliessen, wäre aber sehr unüblich.

Werner Herzog: «Wenn erfunden, dann recht gut»

Die SonntagsZeitung wollte den «Weltwoche»-Eigner Köppel mit diesen Ungereimtheiten konfrontieren. Doch der SVP-Nationalrat reagierte nicht auf mehrfache Kontaktversuche.

In seinen Editorials wiederholt Köppel das berühmte Motto des «Spiegel»-Gründers Rudolf Augstein: Schreiben, was ist. Es wäre jedoch nicht das erste Mal, dass Köppel versucht, Missstände im eigenen Haus unter den Tisch zu kehren. Vor drei Jahren wurde aufgedeckt, dass «Weltwoche»-Journalist Urs Gehriger in drei Fällen Plagiate fabriziert hatte, worauf Köppel äusserst defensiv reagierte. Auch Köppel selbst wurde schon einmal des Abschreibens überführt. Als er noch für die NZZ schrieb, habe er eine Besprechung des Films «Jurassic Park» fast 1:1 ohne Quellenangabe vom «New Yorker» übernommen, schreibt ­Daniel Ryser in seiner Köppel-­Biografie.

Ohne Köppels Stellungnahme zum Betrug von Claas Relotius sind «Weltwoche»-Leser bis auf weiteres im Ungewissen, ob die vielen erschienenen Texte im Magazin wahr oder doch eher Fiktion sind. Auch der Filmregisseur Werner Herzog, dessen Interview 2016 in Köppels Heft erschien, hat Zweifel. Sein Manager teilt mit, Herzog könne sich nicht mehr erinnern, ob es das Interview mit Relotius gegeben habe. Er fügt hinzu: «Wenn es, oder Passagen daraus, erfunden ist, dann allerdings recht gut.»

Erstellt: 22.12.2018, 23:05 Uhr

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