Jetzt droht schon wieder ein Prämienschub

2019 und 2020 steigen die Gesundheitsausgaben um je drei Prozent, sagen die Krankenkassen voraus. Sorgen bereiten vor allem drei Bereiche.

Notaufnahme im Zürcher Triemlispital: Auch bei den ambulanten Spitalkosten erwarten die Fachleute eine Kostensteigerung. Foto: Keystone

Notaufnahme im Zürcher Triemlispital: Auch bei den ambulanten Spitalkosten erwarten die Fachleute eine Kostensteigerung. Foto: Keystone

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Anfang des laufenden Jahres stiegen die Krankenkassenprämien um durchschnittlich 1,2 Prozent. Das liege deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre, frohlockte SP-Gesundheitsminister Alain Berset. Denn seit 2008 stiegen die Prämien jährlich um 3,5 Prozent, seit Inkrafttreten der obligatorischen Krankenversicherung 1996 sogar um durchschnittlich 3,9 Prozent pro Jahr.

Doch der Jubel war verfrüht: Die Prämienzahler werden voraussichtlich mit einem neuen Kostenschub konfrontiert. Für 2019 und 2020 rechnet der Krankenkassenverband Santésuisse mit einem Wachstum der Leistungskosten von je drei Prozent. Der Verband stützt sich auf die aktuellsten Abrechnungsdaten aller Krankenversicherer, die er monatlich auswertet. Ende Juni hatte bereits die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich prognostiziert, dass die Gesundheitsausgaben in diesem Jahr um 3,7 Prozent ansteigen dürften.

Da Kosten und Prämien aneinandergekoppelt sind, ist aufgrund der Schätzung von Santésuisse mit einer Prämienerhöhung von durchschnittlich je rund drei Prozent in den beiden kommenden Jahren zu rechnen. «Es scheint, als wäre die Atempause bei der Prämienentwicklung bereits wieder Geschichte», sagt Direktorin Verena Nold. «Wir haben befürchtet, dass der weniger starke Anstieg von Anfang Jahr nicht von Dauer ist, weil es die verantwortlichen Akteure weiterhin verpassen, punkto nachhaltig wirkender Kostendämmungsmassnahmen endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Sollten dann auch noch Zusatzwünsche erfüllt werden, verpufft die Hoffnung auf moderate Prämienrunden endgültig.»

Bei Spitalkosten erfolgtRückschritt ins alte Fahrwasser

Haupttreiber des neuen Kostenschubs sind die Spitex-Pflege, die Physiotherapien und die Laboranalysen. Sie sind über Jahre im Windschatten der stetig steigenden Arzt- und Spitalkosten gesegelt. Doch überdurchschnittliche Kostensteigerungen von fünf bis sechs Prozent rücken nun diese drei Bereiche in den Fokus.

Das Kostenvolumen bei der Spitex werde über kurz oder lang die Milliardengrenze übersteigen, sagt Santésuisse voraus – hält diese Entwicklung allerdings für sinnvoll, denn pflegebedürftige Patienten vermehrt daheim zu pflegen und zu betreuen, führe zu rückläufigen Kosten bei den Pflegeheimen.

Bei den ambulanten Spitalkosten, die in den vergangenen Jahren nach einem Eingriff des Bundesrats in den Tarif erstmals seit Jahrzehnten zurückgegangen waren, droht jetzt laut Santésuisse der Rückschritt ins alte Fahrwasser. Für das laufende und das kommende Jahr erwarten ihre Fachleute eine Kostensteigerung von fünf Prozent. Auch bei den Medikamenten, die durch Ärzte und Apotheker verkauft werden, dreht sich die Kostenspirale mit einem Plus von vier Prozent munter weiter.

«Es ist höchste Zeit für ein klares Zeichen.»Verena Nold, Santésuisse-Direktorin

Sorgen bereiten den Krankenkassen drei Bereiche, die zu neuen Kostentreibern werden könnten. Erstens: Pflege. Wenn sich das Pflegepersonal mit seiner Forderung durchsetze, selbstständig zulasten der Grundversicherung abzurechnen, drohe eine starke Mengenausweitung und damit ein Kostenschub.

Zweitens könnten neue Therapien in den kommenden Jahren Zusatzausgaben von mehreren Hundert Millionen zur Folge haben. Denn vielversprechende und teilweise ungemein teure Gentherapien sowie die personalisierte Medizin würden das Gesundheitswesen revolutionieren. Drittens drohten beim neuen ambulanten Arzttarif neue Schlupflöcher für «kreatives Abrechnen». Die Tarifpartner müssten mit strengen Kosten- und Korrekturinstrumenten Fehlanreize für ein unkontrolliertes Kostenwachstum unterbinden.

Der neuste Kostenschub zeige, dass es nachhaltige Reformen im Gesundheitswesen brauche, sagt Santésuisse-Direktorin Verena Nold. «Es ist höchste Zeit für ein klares Zeichen.» Sie listet die altbekannten Reformvorschläge der Krankenversicherer auf: Die Medikamentenpreise müssten gesenkt werden. Es brauche eine kantonsübergreifende Versorgungsplanung im ambulanten wie im stationären Bereich statt des heutigen Kantönlidenkens. Und die Qualität und die Effizienz der medizinischen Leistungen müssten verbessert werden, indem nur noch jene Spitäler chirurgische Eingriffe ausführen dürfen, die eine bestimmte Mindestfallzahl erreichen.

Nold zeigt sich ironisch: «Sollte dieser Forderungskatalog da und dort ein Déjà-vu auslösen, steckt durchaus Absicht dahinter. Schliesslich ist es der stete Tropfen, der den Stein höhlt.»



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Erstellt: 18.08.2019, 15:23 Uhr

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