Nackt im Netz

Junge Künstlerinnen inszenieren sich mit Vorliebe auf Instagram.

Juno Calypso, «The Honeymoon Suite», 2015 © The Artist

Juno Calypso, «The Honeymoon Suite», 2015 © The Artist

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Die junge Frau sitzt breitbeinig da, ihr Blick ist lasziv, sie hält einen Selfiestick in der Hand. Liefert sich hier ein Callgirl den Blicken potenzieller Freier aus? Nein, das ist der «Infinity Selfie» der Insta­gram-Künstlerin Leah Schrager.

Das Bild spielt Katz und Maus mit dem voyeuristischen Blick im Netz. Es lädt zum Glotzen ein, gleichzeitig aber verdeckt es die Blösse mit einer vielfachen Spiegelung seiner selbst. «Endlos Serie» nennt die 34-jährige US-Künstlerin diese Arbeit, in der das Prinzip Selfie ad absurdum geführt wird durch eine irritierende Wiederholung seiner selbst.

Stephanie Sarley, «Grapefruit», 2017. © The Artist

Schrager ist nur eine der vielen Netzkünstlerinnen, welche die Internetplattform Instagram nicht nur dazu nutzen, um ihre real existierenden Werke einer grösseren Öffentlichkeit vorzustellen, sondern direkt im Netz virtuelle Performances veranstalten, die das Prinzip der Social Media zum Werkzeug ihrer Arbeit machen – und es gleichzeitig verhöhnen.

Der Trend ist noch jung, kennt aber in der Performance «Excellences & Perfections» der Argentinierin Amalia Ulman schon sein erstes Meisterwerk. Ulman schlüpfte 2014 für vier Monate in eine erfundene Instagram-Identität. Sie gab sich mit blondierten Haaren und rosa Garderobe als ein junges selbstverliebtes Mädchen aus, welches in alle Klischeefallen stolpert, den ersten Lebensschwierigkeiten mit Depression und Brust-OP begegnet und am Ende Suizidgedanken hegt. Als Ulman die Mystifikation auffliegen liess, reagierten weit über zehntausend Fans erschüttert.

Hier können sie ihren eigenen Weg zum Erfolg finden

Seither gilt die erst 29-jährige Ulman als Instagram-Künstlerin, eine Bezeichnung, die sie selbst nicht schätzt. «Ich bin Künstlerin, Instagram nutze ich nur», sagte sie jüngst der Kunstzeitschrift «Monopol» und kündigte an, dem Kanal künftig zu entsagen. Mit ihrer Abkehr von dem Medium, das sie bekannt gemacht hat, drückt Ulman ein Unbehagen aus, das sich nicht selten bei den Netzkünstlerinnen nach der ersten Begeisterung einstellt.

Denn einerseits ist Instagram mit seinem bildzentrierten Layout zu einem vor allem bei Künstlerinnen beliebten Schaufenster geworden. Hier können Frauen am immer noch männerdominierten Kunstmarkt vorbei ihren eigenen Weg zum Erfolg finden. Schliesslich hat Instagram 800 Millionen User weltweit. Das ist ein riesiges, meist junges Publikum (80 Prozent sind unter 35 Jahre alt), das erst noch leidenschaftlich engagiert ist – über 60 Prozent loggen sich täglich ein.

Izumu Miyazaki, «Tomato», 2015. © The Artist

Andererseits ist Insta, wie es von seinen Fans zärtlich genannt wird, ähnlich wie andere soziale Netzwerke, alles andere als eine zwangsfreie Zone. Jung, schlank und stoppelfrei ist auch hier das normierende Körperbild, dem Millionen nacheifern. Aktionen wie diejenige von Amalia Ulman oder Leah Schrager führen die Norm vor und stellen sie infrage, womit sie nicht selten wütende Reaktionen ernten.

Strecken, bleichen oder einen Afro stehen lassen?

So sind die sozialen Netzwerke für Künstlerinnen Segen und Fluch zugleich. Sie schaffen neue Möglichkeiten, legen aber vor allem den Frauen auch neue Beschränkungen auf. Mit detaillierter Prüderie schreiben die Konzernrichtlinien vor, was vorzeigbar ist und was nicht – und setzen diese Gebote mit rabiater Zensur durch. Weibliche Brustwarzen etwa sind verboten, während die von Männern erlaubt bleiben. Und als die kanadische Fotografin Petra Collins ein Foto von sich im Badeanzug veröffentlichte, wurde ihr Post gelöscht, weil am Rand des Bikinis etwas Schamhaar sichtbar war.

Wie die zurzeit im Museum für Bildende Kunst in Leipzig gezeigte Ausstellung «Virtual Normality» zeigt, weckt gerade dieser normative Zugriff auf die Darstellung des Frauenkörpers den Widerstand von Künstlerinnen. Eine der in Leipzig Ausstellenden, Arvida By­ström, macht sich etwa einen Spass daraus, die verbotenen Bild­elemente unter dem Deckmantel der «normalen» narzisstischen Inszenierungen in den Instagram-Bilderstrom hineinzuschmuggeln – wenn etwa im entrückten Moment des Selfie-Machens am Rand ihres Höschens doch etwas Schamhaar rausguckt.

Nakeya Brown, «The Art of Sealing Ends», 2014. © The Artist

Haare scheinen auf Instagram überhaupt ein politisches Thema zu sein, und die afroamerikanische Künstlerin Nakeya Brown macht ihre krause Pracht zum Zentrum. Strecken, bleichen oder einen Afro stehen lassen? Diese nur scheinbar eitlen Entscheidungen liefern den Kontext für ein Spiel mit Rasse und Identität. Die Japanerin Izumi Miyazaki inszeniert sich in einem surrealistischen Fotoprojekt mit Toast vor dem Gesicht oder als ein Gefäss für Pomodori Pelati. Auch eine Art, die Objektrolle der Frau humorvoll vorzuführen.

Und als Kritik an der Zensur nimmt die Kalifornierin Stephanie Sarley das populäre Instagram-Genre Food Porn beim Namen und befingert lasziv saftige Früchte. 128'000 Follower haben auch ihren Spass daran, darunter der streitbare New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz, der Sarleys skurrile Orangen-Befriedigung mit «You. Are. Genius» kommentiert.

Mit Humor, Ironie, manchmal auch mit Übertreibung

«Wir Frauen sollten die Kontrolle über die Darstellung unserer eigenen Körper übernehmen», sagt die Künstlerin Amalia Soto in einem Interview. Mit ihrer Instagram-Figur Molly Soda (@bloated­andalone4ever1993, 68'800 Follower) lotet sie zugleich die Grenzen dieser Darstellung aus. Ihre Ermahnung nimmt sich auch die Engländerin Juno Calypso zu Herzen, indem sie ihre Kunstfigur Joyce im Projekt «Honeymoon» in amerikanische Flitterwochen-Hotels schickt und sie dort allein alle Intimitäten des Frauenlebens ausleben lässt, natürlich vor der alles registrierenden Fotolinse.

All den Künstlerinnen ist gemeinsam, dass sie unerschrocken ihren eigenen Körper zu Markte tragen. Mit Humor, Ironie, manchmal auch mit Groteske und Übertreibung beanspruchen sie Platz im Netz. Und auch wenn sie ihre Tableau vivants meist im unschuldigen Pink oder Neon gestalten, haben sie es allesamt faustdick hinter den Ohren.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.03.2018, 16:42 Uhr

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