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Nanny für überforderte Väter

Warum Männer mit Kindern oft länger im Büro bleiben müssen.

Zuerst muss ich gestehen, dass ich bei ­diesem Thema keine Ahnung habe. Als kinderloser Einpersonenhaushalt weiss ich nicht, wie es sich anfühlt, Vater zu sein. Oder was es braucht, um eine Familie zu managen. Eigentlich kann ich also gar nicht mitreden, wenn es um Teilzeitpensen und Heimarbeit geht, um Vaterschaftsurlaub und innerfamiliäre Gleichberechtigung. Umso überraschter bin ich jeweils, wenn ein neuer Beitrag in der Debatte für helle Aufregung sorgt. Wie diese Woche zum Beispiel, als eine Studie zum Resultat kam, dass Teilzeitarbeit Väter unglücklich macht.

Offenbar hat die Befragung von 55'000 Deutschen sowie über 10'000 Schweizerinnen und Schweizern ergeben, dass Männer auch nach der Geburt eines Kindes lieber 100 Prozent arbeiten. Studienautor Martin Schröder, Soziologieprofessor der Uni Marburg, sagte im Interview mit dem «Tages-Anzeiger», dass sich das Rollenverständnis allen gesellschaftlichen Anstrengungen zum Trotz seit 1984 kaum verändert habe. ­Während Frauen sowohl in der Arbeit zu Hause als auch im Büro Erfüllung fänden, definierten sich Männer weit stärker über ihren Job. «Väter werden rapide unglücklicher, je mehr sie ihr Pensum reduzieren», bilanzierte Schröder.

«Langsam ahne ich, warum meine Freunde zu Besuch kommen.»

Dass diese Resultate ein Schlag ins Gesicht für alle Gleichstellungsbeauftragten sind, die Männer seit Jahren zu mehr Familienarbeit drängen wollen, verstehe ich sogar als Kinderloser. Vor allem aber ahne ich nun, warum die vielen Väter, die ich kenne, ­regelmässig bei mir zu Besuch kommen wollen. Bisher dachte ich immer, das sei unserer Freundschaft geschuldet. ­Tatsächlich vermute ich langsam, dass ich ihnen gar nicht so wichtig bin. Sondern dass sie bloss eine Ausrede brauchen, um ihren ­familiären Verpflichtungen zu entkommen.

Selbstverständlich lieben meine Freunde ihre Kinder über alles. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie unbedingt mehr Zeit mit ­ihnen verbringen möchten. Geschweige denn, dass sie tagsüber Nanny spielen wollten. Im Gegenteil: Manchmal staune ich, wie geschlaucht sie vom Familienstress bei mir auftauchen, ein kühles Bier trinken, ein kleines Männergespräch führen oder ungestört TV schauen wollen, ­vorzugsweise Fussball. Oder, wenn sie mehr als zwei Kinder und dazu noch einen Doktortitel haben, eine Sendung über das Grillen von ganzen Tieren oder das Überleben im Dschungel.

Nach dem dritten Bier gesteht der eine oder ­andere sogar, dass er abends manchmal ­absichtlich länger im Büro bleibt oder sonntags Stress bei der Arbeit vortäuscht, um nochmals für ein paar ruhige Stunden verschwinden zu können. Die politische Gesinnung spielt dabei keine grosse Rolle. Zwar arbeiten meine linken Freunde eher Teilzeit, aber weniger als 80 Prozent käme auch für sie nicht infrage. Einer, der es versucht hat, begann auf dem Spielplatz vor lauter Langeweile schon vormittags Bier zu trinken – bis ihn seine entsetzte Frau wieder Vollzeit zur Arbeit geschickt hat.

Ausser in anonymen Umfragen dürfen Väter heute kaum mehr zugeben, dass sie in diesem Familiending vielleicht nicht ganz so aufgehen wie Mütter. Zumindest die meisten von ihnen. So bleibt auch mir nichts anderes übrig, als mein Männerasyl weiterhin offen zu halten, als eine Art Nanny für gesellschaftlich überforderte Väter.

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