Nashorn aus dem Reagenzglas

Tiermedizinern ist es erstmals gelungen, Rhinozeros-Embryonen im Labor zu zeugen. Das könnte die vom Aussterben bedrohten Tiere retten.

Das letzte männliche Exemplar des Nördlichen Breitmaulnashorns: Sudan starb im März. Foto: Tony Karumba/AFP

Das letzte männliche Exemplar des Nördlichen Breitmaulnashorns: Sudan starb im März. Foto: Tony Karumba/AFP

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Es gibt Dinge, über die lacht man nur so lange, bis es sie nicht mehr gibt. Kopulierende Nashörner gehören wahrscheinlich dazu. Der Anblick zweier tonnenschwerer, kantiger Giganten, die sich über mehr als eine Stunde aneinander bemühen, hat seine skurrilen Momente. Allerdings ist er bei einigen Nashornarten zur traurigen Seltenheit verkommen. Einfach, weil es kaum noch Exemplare gibt.

Umso grösser ist die Aufmerksamkeit für eine Arbeit, die ein Forscherteam diese Woche im Wissenschaftsjournal «Nature Communications» vorgestellt hat. Erstmals ist es Tiermedizinern gelungen, Nashorn-Embryonen im Reagenzglas zu zeugen. Sieben lebensfähige Embryonen könnten einer zur Mutter auser­korenen Nashornkuh eingesetzt werden. Das ist im Rahmen des aktuellen Versuchs zwar noch nicht geschehen. Trotzdem dürfte die Nachricht von der Möglichkeit den Artenschutz euphorisieren.

Wie die Wissenschaftler berichten, handelt es sich bei den Em­bryonen um Mischlinge des Nördlichen und des Südlichen Breitmaulnashorns. Die nördliche Variante dieses zweitgrössten Landtieres auf Erden gilt «funktionell» als bereits ausgerottet. Der letzte Bulle, Sudan gerufen, starb im März in Kenia. Im Reservat leben jetzt nur noch die zwei letzten Kühe der Unterart, Fatu und Najin. Zwei Frauen und kein Mann – im Tierreich ist an dieser Stelle eigentlich Schluss.

In den Labors lagern Spermaproben

Es gab aber noch eine theoreti­sche Option, von der bloss niemand wusste, ob man sie nutzen kann: In den Labors lagern nämlich 300 Mil­liliter Sperma, zu Lebzeiten eingesammelt von vier männlichen Tieren – die finale Waffe im Kampf um das Überleben des Nördlichen Breitmaulnashorns. Eine schlichte Besamung schied jedoch aus. Die Eierstöcke der verbliebenen Nashornweibchen produzieren zwar noch reife Eizellen. Fatu und Najin können aufgrund verschiedener Erkrankungen selbst aber keine Jungen mehr austragen. Der einzige Weg, ihre Eizellen für die Fortpflanzung zu retten, sind Retortennashörner: Die Embryos müssen von Leihmüttern ausgetragen werden.

Das klingt viel einfacher, als es ist. Nicht jedes Tier lässt sich durch künstliche Befruchtung reproduzieren. Bei Pferden etwa klappt die In-vitro-Fertilisation (IVF) bis heute nicht richtig. Und vom Breitmaulnashorn wusste man nur, dass die beiden Unterarten sich mit­einander mischen lassen. 1977 war in der Tschechoslowakei Nasi geboren worden, das bis heute einzige bekannte Mischlingskalb der beiden Subspezies. Eine IVF dagegen hatten Forscher lediglich einmal versucht – es waren keine überlebensfähigen Embryonen herausgekommen. Die Chancen für ein Rhinozeros aus der Retorte standen eher schlecht.

Stammzellen als unschätzbare Ressource

«Es gab den Punkt, an dem wir gedacht haben: Es ist vorbei», sagt Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, ein Experte für die Fortpflanzungsbiologie des Nashorns und Erstautor der Studie. Trotz der schlechten Chancen entwickelte er jedoch mit Kollegen aus Japan, Tschechien, Australien und Italien einen Plan, um das Nördliche Breitmaulnashorn mittels künstlicher Befruchtung und einer Leihmutter zu retten.

Inspiriert durch die grossen Fortschritte in der Biomedizin, wollte das Team zudem Stammzellen aus den IVF-Embryonen gewinnen. Bei Mäusen lassen sich solche Alleskönner bereits zu Eizellen und Spermien entwickeln. Für die Nashörner könnten Stammzellen daher zur unschätzbaren Ressource werden.

Zunächst jedoch mussten die Forscher zeigen, dass die IVF beim Nashorn möglich ist. Um genügend Eizellen für die Versuche zu erhalten, nutzten sie Südliche Breitmaulnashornkühe als Spenderinnen. Um Spermien zu sparen, injizierten sie die Samenzellen der nördlichen Subspezies direkt in die Eizellen.

Ein Tier allein rettet noch keine Art

Von zweiunddreissig befruchteten Eizellen begannen sich zwölf zu teilen, sieben entwickelten sich zu einer sogenannten Blastozyste – jenem Stadium eines Embryos, das sich in eine Gebärmutter einnisten kann. «Wir haben gezeigt, dass es funktioniert», sagt Hildebrandt. Zudem gelang es den Forschern, auch Stammzellen zu gewinnen. Ein Erfolg, der ohne den Einsatz und die Ausdauer seiner Kollegen nie möglich gewesen wäre, wie Hildebrandt mehrfach sagt. Im nächsten Schritt wollen die Forscher die Mischlings-Embryonen in Nashorn-Leihmütter einsetzen.

Das wichtigste Ziel ist aber, die Prozedur bei den zwei Nashornkühen in Kenia anzuwenden – ihnen Eizellen zu entnehmen, die mit dem verbliebenen Sperma der Bullen befruchtet werden können. Eine heikle Sache, weil die Tiere dafür narkotisiert werden müssen und Narkosen bei solch gigantischen Patienten etliche Risiken bergen. «Wenn da was passiert, haben wir die zwei letzten Exemplare des Nördlichen Breitmaulnashorns auf dem Gewissen», sagt Hildebrandt. Seine Kollegen hätten jedoch ein ausgefeiltes Betäubungssystem entwickelt. Zudem würde jede Körperfunktion der zwei Tonnen schweren Tiere während des Eingriffs penibel überwacht, «das sieht dann aus wie auf einer Intensivstation».

Hildebrandt ist zuversichtlich. Drei Jahre soll es dauern, bis das erste im Reagenzglas gezeugte Nördliche Breitmaulnashorn das Licht der Welt erblicken könnte. Kein Mischling, sondern jene Unterart, die fast verschwunden ist. Zwar rettet ein Tier allein noch keine Spezies. Doch immerhin ist es ein Anfang, wo zuvor schon fast das Ende erreicht war. Womöglich gibt es dann irgendwann auch wieder etwas zu lachen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.07.2018, 20:19 Uhr

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