Wie sauber ist unser Trinkwasser?

In gewissen Gebieten müssen Wasserentnahme­stellen ausser Betrieb gesetzt werden – wegen Verunreinigungen.

Eine Million Bakterien in einem Glas Hahnenwasser: Normalerweise sind keine Krankheitserreger dabei. Foto: Keystone

Eine Million Bakterien in einem Glas Hahnenwasser: Normalerweise sind keine Krankheitserreger dabei. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt nichts Erfrischenderes, als den Durst direkt am Hahnen zu löschen. In der Region Liestal war das letzte Woche nicht möglich. Das Trinkwasser war mit Kolibakterien – vermutlich fäkalen Ursprungs – verunreinigt. Ein Ausnahmezustand. Die Anwohner mussten das Wasser abkochen, um mögliche Krankheitskeime abzutöten. Derartige Ereignisse sind hierzulande äusserst selten. «Bei rund 2500 Trinkwasserversorgern in der Schweiz tritt eine ­bakterielle Verunreinigung wie in Liestal nur alle paar Jahre auf», sagt Paul Sicher vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches.

«Generell gilt unser Trinkwasser als sicher und als eines der saubersten Lebensmittel überhaupt», sagt Sicher. Das Trinkwasser wird umfassend überwacht. Beispielsweise nimmt allein die Wasserversorgung Zürich jährlich knapp 20'000 Proben und führt über 120'000 Analysen durch. In einer 200-Seelen-Gemeinde werde hingegen nicht so viel Aufwand betrieben, sagt Sicher. «Da reicht vielleicht eine Probe pro Jahr.» Unabhängig davon werde das Trinkwasser auch von den kantonalen Lebensmittelämtern kontrolliert.

Das Wasser, das aus unseren Hahnen fliesst, stammt zu 80 Prozent aus unterirdischem Quell- und Grundwasser, das zum grössten Teil nicht aufbereitet wird. Die restlichen 20 Prozent kommen beispielsweise aus den Seen. Dieses Oberflächenwasser durchläuft einen mehrstufigen Aufbereitungsprozess, bevor es dem Trinkwasser zugemischt wird.

Eine Million Bakterien in einem Glas Leitungswasser

Das ist etwa in Zürich der Fall, denn hier kommen 70 Prozent des Trinkwassers aus dem Zürichsee. «Eines der Verfahren, um Seewasser aufzubereiten, ist eine Filtrierung durch Quarzsand», sagt Urs von Gunten von der ETH Lausanne und dem Wasserforschungsinstitut Eawag. Hinzu kommt eine Behandlung mit Ozon, einem starken Oxidationsmittel, das einerseits Bakterien und Viren abtötet, aber auch organische Stoffe abbaut, die dann zusätzlich in einem Filter aus Aktivkohle hängen bleiben. Das neueste Verfahren, das in der Trinkwasseraufbereitung eingesetzt wird, ist eine Filtration mit speziellen Membranen. Sie haben so feine Poren, dass keine Mikroorganismen durchpassen – nicht einmal Viren.

Ein Tropfen Wasser braucht acht Stunden für die Reinigung: Seewasserwerk Lengg in Zürich. Foto: Keystone

Dennoch schlucken wir mit jedem Glas Hahnenwasser etwa eine Million Bakterien. «Das macht aber nichts, da normalerweise keine Krankheitserreger dabei sind», sagt Paul Sicher, «Wasser ist ein natürliches Lebensmittel.» Deshalb wollen wir auch keine Chemikalien im Trinkwasser haben. So fordert eine Volksinitiative, die im nächsten Jahr zur Abstimmung kommt, «sauberes Trinkwasser und dessen Schutz vor Belastungen mit Pestiziden, Nitrat und Antibiotika».

Für die menschliche Gesundheit sei in der Regel eine mikro­bielle Verschmutzung problematischer als die Chemikalien, die hierzulande in sehr tiefen Konzentrationen im Trinkwasser zu finden seien, sagt von Gunten. «Sie sollten dennoch nicht drin sein», fügt der Umweltwissenschaftler an.

Der Nachweis hat sich verbessert, nicht die Qualität verschlechtert

Es werde aber tatsächlich immer schwieriger, genügend sauberes Trinkwasser in der Schweiz zu finden, sagt Paul Sicher. Vor allem im Mittelland, wo intensiv Landwirtschaft betrieben werde, träten vermehrt Nitrate oder Pestizidrückstände im Grundwasser auf. «Manch eine Wasserentnahme­stelle wird dann ausser Betrieb gesetzt oder das Wasser verdünnt», sagt der Wasserfachmann.

Intensive Landwirtschaft belastet das Grundwasser: Ein Bauer besprüht ein Feld im Kanton Waadt. Foto: Keystone

Toxikologen wie Lothar Aicher vom Schweizerischen Zentrum für Angewandte Humantoxikologie (Scaht) in Basel versuchen abzuschätzen, inwieweit Rück­stände von Pestiziden oder Medikamenten im Trinkwasser gesundheitsschädlich sein können. «Viele Stoffe können heute im Wasser in extrem kleinen Mengen nachgewiesen werden, weil sich die Analytik in den letzten Jahren massiv verbessert hat», sagt Aicher. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass sich die Trinkwasserqualität verschlechtert habe. Der Nachweis einer Substanz sei aber nicht zwangsläufig mit einem Gesundheitsrisiko verbunden. Der Biochemiker räumt jedoch ein, dass weiter erforscht werden müsse, ob das Gesundheitsrisiko durch die Kombination vieler verschiedener Chemikalien höher sei als das Risiko der einzelnen Stoffe.

Nur wenig hormonaktive Substanzen im Mineralwasser

Hinzu kommt, dass es schwierig nachzuweisen ist, ob eine einzelne Substanz aus einer bestimmten Quelle für eine Krankheit verantwortlich ist. Beispielsweise steht Nitrat im Verdacht, Darmkrebs auszulösen. Sind also Nitrate aus Düngemittelrückständen im Trinkwasser ländlicher Gebiete entscheidend oder Nitratverbindungen, die beim Grillieren entstehen, oder andere Risikofaktoren? «Dazu brauchen wir mehr Studien», sagt der Toxikologe. So könne man künftig bei der Prävention von Krankheiten am «grössten Hebel» ansetzen, also beim Auslöser, der am meisten zu einer Krankheit beiträgt.

Und was ist mit dem Mineralwasser? Der Vorteil: Es wird in Flaschen abgefüllt und hat damit eine gleichbleibende Qualität, etwa was den Gehalt an Mineralien betrifft. Frei von Chemikalienspuren ist aber auch Flaschenwasser nicht. Vor einigen Jahren ging die Furcht vor hormonaktiven Substanzen um, die aus dem Plastik von Pet-Flaschen oder den Dichtungen der Deckel von Glasflaschen ins Wasser übergehen könnten.

Die Werte sind so gering, dass keine Gesundheitsgefahr bestehe, beschied 2011 eine Studie zu Schweizer Mineralwassern. Die gefundenen Konzentrationen waren 3000-mal geringer als die der natürlich in Milch vorkommenden hormonaktiven Substanzen.

Also Mineralwasser oder Hahnenwasser? Für die Umwelt ist es klar besser, Wasser aus dem Hahnen zu trinken – die Transport- und Recyclingkosten der Flaschen fallen weg. Zudem ist Hahnenwasser mit 0,2 Rappen pro Liter unschlagbar günstig. Letztlich kommt es aber wohl auf den Geschmack an – wenn man denn einen Unterschied wahrnimmt.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 15.07.2019, 17:40 Uhr

Wasser und Wir

1.65 Trilliarden Liter Wasser gibt es auf der Erde insgesamt; ca. 3 Prozent sind Süsswasser.

2.1 Milliarden Menschen weltweit haben gemäss Unicef keinen Zugang zu sauberem Wasser.

1-2 Liter sollte man pro Tag trinken. Pro Stunde Sport 4 bis 8 Deziliter zusätzlich.

60% des menschlichen Körpers bestehen aus Wasser, bei einem Neugeborenen sogar bis zu 75 %.

72 Stunden dauert es, bis das Trinkwasser von der Entnahmestelle zu unserem Wasserhahn kommt.

1-5% Wasserverlust des Körpergewichts kann zu Symptomen wie Übelkeit oder erhöhtem Puls führen.

Artikel zum Thema

Jeder dritte Mensch hat kein sicheres Trinkwasser

Gemäss einem UNO-Bericht hat die Hälfte aller Menschen keine hygienische Toilette zur Verfügung. Mehr...

«Morgen ist es vielleicht zu spät»

Porträt Barbara Müller will sauberes Trinkwasser für Nepal. Dafür klettert die Geologin regelmässig durchs Hochgebirge – trotz schwindendem Sehvermögen. Mehr...

Die Klima-Angst macht ihn zum radikalen Aussteiger

Informatiker Ben Green bereitet sich auf die drohende Katastrophe vor. Ist er durchgeknallt, oder verstehen wir den Ernst der Lage nicht? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...