NDB-Agenten verhören Schweizer Jihadisten

Vertreter des Nachrichtendienstes sind nach Syrien gereist, um drei Jihadisten zu verhören. Beweise für eine Verurteilung sollen gesammelt werden.

Wenig Platz: Mutmassliche Jihadisten in einer Zelle in Syrien. Foto: AFP

Wenig Platz: Mutmassliche Jihadisten in einer Zelle in Syrien. Foto: AFP

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Vom Irak her kommend landete der Bundesratsjet am Dienstag um 22.34 Uhr auf dem Flughafen Belp. An Bord waren drei Agenten des Nachrichtendienstes und ein Mitglied eines militärischen Sonderkommandos. Die vier Regierungsangestellten kehrten von einer Operation in Syrien zurück. Dort hatten sie drei Schweizer Jihadisten mehrmals verhört, die von kurdischen Milizen in improvisierten Gefängnissen festgehalten werden: Daniel D. aus Genf, der als der Gefährlichste des Trios gilt, und die Waadtländer Damien G. und Ajdin B.

«Diese drei Personen wurden von unseren Mitarbeitern an ihrem Haftort befragt», bestätigt ­Isabelle Graber, Kommunikationschefin im Nachrichtendienst des Bundes (NDB). Das Hauptziel der ­Verhöre sei gewesen, «die Gefahr zu beurteilen, die von den befragten Personen ausgeht, und den Straf­verfolgungsbehörden von Bund und Kantonen entscheidende ­Hilfe zu leisten». Im Klartext: Es sollten Beweise gesammelt werden, die allenfalls für eine Verurteilung in der Schweiz verwendet werden ­können.

Jihadisten wollen wieder ein «normales Leben» führen

Der NDB weigert sich jedoch, die operativen Einzelheiten der Reise preiszugeben. Gemäss Recherchen waren die vier Agenten gut zwei Wochen lang in der von kurdischen Milizen kontrollierten Zone von Nordostsyrien. Wegen einer administrativen Panne mussten für die Hinreise Linienflüge gebucht werden, während die Rückreise mit der Cessna Citation des Lufttransportdienstes des Bundes erfolgte, die sonst vom Bundesrat ­genutzt wird.

Der Regierungsjet wurde eingesetzt, um die für gewöhnliche Passagiere obligatorischen Grenzkontrollen zu vermeiden. Der Delegation gehörten zwei auf Terrorismusbekämpfung spezialisierte Vernehmungsbeamte an – eine Frau und ein Mann – sowie ein Logistiker und ein Mitglied des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Armee zur Gewährleistung der Sicherheit. Nach ihrer Ankunft in der kurdischen Hauptstadt Arbil im Nordirak wurde die kleine Truppe von einem Partnernachrichtendienst übernommen.

Heute sagen beide Befragten, dass sie in die Schweiz zurückkehren wollen, um wieder ein «normales Leben» zu führen.

Die drei befragten Schweizer waren bereits von den französischen, amerikanischen, britischen und deutschen Geheimdiensten angehört worden. Nach der Verhaftung von Daniel D. durch die kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) und einem Kommando des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 am 18. Juni 2019 hatte der NDB offenbar lange gezögert, eigene Agenten zu entsenden. Man war in ­Bundesbern zu sehr um deren ­Sicherheit besorgt. Die Operation erweckt deshalb den Eindruck, als käme sie viel zu spät. Aber das kann auch von Vorteil sein: Bei den verschiedenen, zum Teil mehrstündigen Verhören konnten sich die NDB-Agenten auf die bisherigen Aussagen der Schweizer Jihadisten sowie auf das von Partnerdiensten gesammelte Foto- und Videomaterial stützen, um die welschen Islamisten mit ihren Lügen zu konfrontieren.

So hat Daniel D. aus Genf stets bestritten, an der Front gekämpft zu haben. Damien G., der in Orbe aufgewachsen ist, wo er eine Mechanikerlehre abgebrochen hat, ­behauptet, er habe nur als Physiotherapeut gearbeitet. Beide ­Männer stehen im Verdacht, terroristische Operationen in Europa geplant zu haben. Daniel D. wurde sogar auf eine Fahndungsliste von Interpol gesetzt. Heute sagen beide, dass sie in die Schweiz zurückkehren wollen, um wieder ein «normales Leben» zu führen.

Die Schweiz plant derzeit keine Repatriierungen

Seit ihrer Verhaftung haben sie 20 bzw. 30 Kilogramm abgenommen und sind jetzt in sechs mal ­sieben Meter grossen Zellen zusam­men mit etwa 60 Mitgefangenen eingesperrt, und zwar im Gefängnis­zentrum der Provinzhauptstadt Hasakah, wo fast 5000 Gefangene untergebracht sind. «Die Haft­bedingungen sind sehr hart, aber sie werden nicht geschlagen», sagt ein Schweizer Beamter, der mit den Verhältnissen vertraut ist.

Der dritte Westschweizer, der bosnischstämmige Ajdin B. aus Lausanne, befindet sich in einer ­anderen Lage. Er hat sich vor zwei Jahren den SDF ergeben und ­wollte dem IS deshalb schon viel ­früher entkommen. Er befindet sich in einem Lager weiter nördlich und wurde zum Verhör eigens in die Nähe von Hasakah gebracht.

Laut dem NDB, der sich auf einen Entscheid des Bundesrats vom März 2019 stützt, «plant die Schweiz derzeit nicht, die in der ­Region befindlichen Schweizer ­Jihadisten zu repatriieren». Und auch nicht die dort von den ­Kurden internierten erwachsenen Schweizerinnen. Diese werden fast alle im Lager Roj, etwas weiter nördlich, festgehalten. Einer dort internierten Genferin, die sich mit ihren ­beiden minderjährigen Töchtern dem IS angeschlossen hatte, ­wurde soeben die Schweizer Staatsbürgerschaft entzogen.



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Erstellt: 09.02.2020, 16:42 Uhr

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Bis dahin hatten die kurdischen Behörden gefordert, dass ausländische Nationen ihre Staatsangehörigen zurück nehmen und zu Hause vor Gericht stellen. Darum bedeuten Prozesse in Nordsyrien einen Wendepunkt. Die Kurden bitten nun um logistische und finanzielle Unterstützung, um die Ausländer weiter inhaftieren und aburteilen zu können. Im Gegensatz zum benachbarten Irak kennen die syrischen Kurden keine Todesstrafe. Die Höchststrafe beträgt 20 Jahre Gefängnis.

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