Neue Beweismittel gegen Vincenz – und seine Frau

In der Affäre Raiffeisen ist in einem Jahr mit einer Anklage zu rechnen. Die Beweislage ist gut, es laufen letzte Einvernahmen.

Pierin Vincenz und seine getrennt von ihm lebende Frau Nadja Ceregato. Foto: Dukas

Pierin Vincenz und seine getrennt von ihm lebende Frau Nadja Ceregato. Foto: Dukas

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Eines muss man Pierin Vincenz lassen. Er bleibt stets gut gelaunt, auch wenn er im Raiffeisen-­Strafverfahren mit harten Vorwürfen konfrontiert wird. Er reist viel, hat eine neue Freundin und ist stets braun gebrannt. So beschreiben ihn Leute, die am Verfahren beteiligt sind.

Doch im Strafverfahren, das die Zürcher Staatsanwaltschaft führt, sind offenbar neue Beweismittel aufgetaucht – gegen ­Vincenz, ­seine getrennt von ihm lebende Frau Nadja Ceregato und weitere Beschuldigte. Erich Wenzinger, Sprecher der Staatsanwaltschaft, sagt auf Anfrage lediglich: «In dem von Ihnen angesprochenen ­Fallkomplex sind Verfahren gegen insgesamt sieben beschuldigte Personen am Laufen. Zusätzlich gibt es ein Verfahren gegen Nadja Ceregato-­Vincenz betreffend ­Verletzung des Geschäftsgeheimnisses. Wie immer gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung.»

Der SonntagsZeitung ist es gelungen, einen ziemlich genauen Überblick über das grösste Wirtschaftsstrafverfahren zu erhalten, das gegenwärtig in der Schweiz geführt wird.

Das Verfahren Ceregato

Als Vincenz im Herbst 2015 Raiffeisen verliess, hatte er vorgesorgt. Einerseits mit einer lukrativen ­Beteiligung am KMU-Finanzierer Investnet, anderseits wurde seine Frau Nadja Ceregato als Chefin der Rechtsabteilung Mitglied der Raiffeisen-Geschäftsleitung und hatte dadurch Zugang zu vielen Informationen.

Das sollte sich auszahlen. Auf Druck der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) bestellte Vincenz’ Nachfolger Patrik Gisel bei der Anwaltskanzlei Prager Dreifuss ein Gutachten zur Corporate ­Governance. In diesem wurde festgestellt, dass es bei den Investnet-Verhandlungen und beim Umgang mit den Ausstandsregeln zu Verstössen gegen die Richtlinien der Finma gekommen war.

Deshalb leitete die Finma im Mai 2017 ein Enforcement-Ver­fahren unter der Leitung der Revisionsgesellschaft Deloitte ein. Am 1. November 2017 erfuhr Vincenz, dass gegen ihn ein Verfahren eröffnet wurde. Dann soll es zur Verletzung des ­Geschäftsgeheimnisses durch Ceregato gekommen sein. Inzwischen konnte die Staatsanwaltschaft die Handydaten der Beteiligten auswerten. Sie ist zuversichtlich, dass sie die Geheimnisverletzung beweisen kann.

Der Fall Investnet

Diese Firma sollte mit Geldern von Raiffeisen vielversprechenden KMU Kredite geben und sie so fit für einen Börsengang machen. 2011 verhandelte Raiffeisen mit den Gründern von Investnet, ­Peter Wüst und Andreas Etter, über eine Übernahme. Die Verhandlungen führte Vincenz’ Berater und Freund Beat Stocker, der sich auch privat an Investnet beteiligen wollte – letztlich mit Erfolg: Er erhielt 13,3 Prozent des Aktienkapitals. Doch zwischendurch stockten die Verhandlungen, und Gisel wurde anstelle von Stocker als Verhandlungsführer eingesetzt. Vincenz war offiziell im Ausstand, weil er befangen war. Gegenüber Gisel soll er aber gesagt haben, dass er ­keine Beteiligung an Investnet habe.

Raiffeisen kaufte Investnet zu 60 Prozent und zahlte dafür Wüst und Etter je 20 Millionen Franken. Anschliessend überwies das Duo Stocker 5,8 Millionen Franken. Dazu gab es einen ­Treuhandvertrag. Kurz darauf zahlte Stocker Vincenz 2,9 Millionen Franken. Davon wusste bei Raiffeisen ausser Vincenz niemand etwas. Die alten Eigentümer erhielten daraufhin nochmals Geld, und Raiffeisen gewährte der KMU Capital einen Kredit von 100 Millionen Franken.

Als sich Vincenz im Herbst 2015 von Raiffeisen ­verabschiedete, beteiligte er sich mit 1,5 Millionen Franken an der neu gegründeten Investnet-Holding und erhielt 15 Prozent der Aktien. Finanziert wurde das mit einem Kredit von Raiffeisen, der ihm unter Umgehung der Richtlinien gewährt wurde. Gemäss Recherchen taxiert die Staatsanwaltschaft das «Darlehen» als «Bestechung». Beschuldigt sind Stocker, Vincenz, Wüst und Etter.

Daneben führt Raiffeisen ein privatrechtliches Verfahren, in dem sie von Wüst und Etter alles Geld zurückfordert, weil die Verträge nichtig seien. Umgekehrt wollen Vincenz, Wüst und Etter von Raiffeisen 100 Millionen Franken. «Andreas Etter und Peter Wüst sind überzeugt, dass sie sich in jedem Moment korrekt und gesetzeskonform verhalten haben», so ihr Sprecher Jörg Denzler. «Sie sind ebenso überzeugt, dass sie dies in einem allfälligen Gerichtsverfahren belegen können. Abschliessend bleibt die Feststellung, dass Raiffeisen Schweiz die Investnet ohne Not in Schieflage gebracht und damit erhebliche Werte für die Raiffeisen-Genossenschafter zerstört hat. Die Ansprüche der Raiffeisen Schweiz werden entsprechend in aller Form zurückgewiesen.»

Der Fall Commtrain

Die Kreditkartenfirma Aduno kaufte 2007 Commtrain Card Solutions (CSS). Vincenz war als Raiffeisen-Chef von Amtes wegen Präsident des Aduno-Verwaltungsrats. Zur fraglichen Zeit war Beat Stocker der Geschäftsführer von Aduno. Laut ­Strafanzeige besteht darum der Verdacht der un­getreuen Geschäftsbesorgung. Hierzu gibt es ein Gutachten, das im Nachhinein vom bekannten Aktien­rechtler Peter Forstmoser erstellt wurde. Darin beschreibt er die Vorgänge beim Kauf von Commtrain: Am 9. Mai 2005 gibt Vincenz seinem Rechtsanwalt Beat Barthold eine Vollmacht, treuhänderisch tätig zu werden, damit er sich an Commtrain beteiligen kann. Am 30. Juni wird die Firma i-Finance Management gegründet, ­«offenbar zum Zwecke der Beteiligung an der CSS». Vincenz beteiligt sich mit 50 Prozent am Beteiligungsvehikel. Die andere Hälfte hält Stocker.

Am 11. August wird eine Zusammenarbeitsvereinbarung mit Aduno abgeschlossen. Am 6. Februar 2006 beauftragt der Aduno-Verwaltungsrat mit Vincenz an der Spitze eine dreiköpfige Taskforce unter der Leitung von Stocker, die Möglichkeit einer Übernahme von Commtrain zu prüfen. Aduno gibt am 27. März ein Kaufangebot für 6 Millionen Franken ab. Am 8. August einigt man sich auf einen Preis von 7 Millionen Franken. Davon gehen 4,2 Millionen an i-Finance Management, «wovon Herr Vincenz 1,7 Millionen Franken erhielt». Vollzogen wird der Kauf am 4. April 2007. Das Datum könnte wichtig sein, wenn es um die Verjährung geht, die nach 15 Jahren eintritt. Beschuldigte in diesem Fall sind Barthold, Stocker und ­Vincenz.

Der Fall Eurokaution

2014 kaufte Aduno das faktisch konkursite Unternehmen zum Preis von 5,6 Millionen Franken und fütterte es im Nachgang nochmals mit 4 Millionen Franken. Heikel ist, wie es zu diesem Kauf kam.

Die Aduno-Geschäftsleitung war dagegen. Der damalige Firmen­chef Martin Huldi wollte die Übernahme nicht, Beat Stocker war inzwischen zurückgetreten, sass aber im Verwaltungsrat. Da trat Pierin Vincenz auf den Plan. Er befahl, der Kauf müsse vorangetrieben werden.

Stocker hatte Geld in der Eurokaution, angeblich 1 Million als Kredit und Optionen. Stocker legte dem Aduno-Verwaltungsrat offen, dass er ein Verkaufsmandat für Eurokaution habe und somit von einem Verkauf profitieren würde. Trotz dem Interessenkonflikt konnte er beim Kauf mitstimmen, genauso wie Vincenz. Alle Verwaltungsräte stimmten für den Kauf. Eurokaution hinterliess einenMillionenverlust, Stocker hingegen garnierte eine Millionensumme. Die Frage ist, ob und wie viel davon an Vincenz ging. Beschuldigt sind Stocker, Vincenz und der frühere Eurokaution-Hauptaktionär Ferdinand Locher.

Der Fall GC&L

Die Genève Credit & Leasing SA (GC&L) vergibt Privatkre­dite und Leasingverträge. 2012 kam es zu einer Partnerschaft mit Aduno. Daraus wurde ein Kauf, offenbar unter Mitwirkung von Raiffeisen. Angeb­lich seien Stocker und Vincenz vorab verdeckt beteiligt gewesen. Die Staatsanwaltschaft ist auch auf die Zahlung einer tiefen sechsstelligen Summe an Beat Stocker gestossen. Beschuldigt wird hier neben Vincenz und Stocker Stéphane Barbier-Mueller, Präsident der GC&L und Leiter der Immobilienfirma ­Pilet-Renaud. Es geht um ungetreue Geschäftsführung und um die Gehilfenschaft dazu.

Die Spesen und Bezüge

Vincenz’ Spesenbezüge sind legendär. In mindestens einem Fall wurden gut 10 000 Franken Spesen ausbezahlt – allein aufgrund eines A4-Blatts, auf dem der Hinweis «Spesen» vermerkt war. Abgerechnet wurden unter anderem ­Besuche im Striplokal Red Lips in Zürich. Offenbar musste auch Köbi Nett, der Koch des St. Galler Restaurants Schützengarten, aussagen. Dort war Vincenz Stammgast – und meist nicht allein. Daneben gibt es weitere umstrittene Bezüge von Stocker und Vincenz bei Raiffeisen und Aduno.

Kann nachgewiesen werden, dass die Spesen und Bezüge keinem Geschäftszweck dienten, sondern Vincenz’ persönlichen Bedürf­nissen, erfüllt dies den Tatbestand der ungetreuen ­Geschäftsbesorgung. Vor Jahresfrist betonten Stockers Anwälte noch, dass in Bezug auf Spesen kein Strafverfahren gegen ihn eröffnet wurde. Jetzt sagen sie zu allen Vorwürfen, sie könnten konkrete Fragen über Gegenstand und Umfang der Untersuchung nicht beantworten.

Ebenfalls keine Stellung ­nehmen wollten Vincenz’ Anwalt Lorenz Erni und die übrigen Involvierten. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Diesen Sommer wurden erneut Tausende von Seiten Beweismaterial freigegeben. Gemäss einem Dispositiv der Staatsanwaltschaft werden derzeit die letzten Einvernahmen im Fall Investnet durchgeführt. Die Befragungen zu den Firmenkäufen durch Aduno ­ziehen sich bis in den Januar. Wenn diese abgeschlossen sind, können die Verteidiger zusätzliche Beweisaufnahmen und Befragungen beantragen. Man geht davon aus, dass in einem Jahr die Anklage steht.



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Erstellt: 20.10.2019, 07:12 Uhr

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