Neue Daten: Hier drohen Felsstürze und Erdrutsche

Eine Umfrage zeigt, wo im Gebirge Gefahr droht. Allein in Graubünden werden 42 Risikostellen überwacht.

Ein Bild des Steinschlags am Gelmersee nahe des Grimselpasses aufgenommen von einem unbeteiligten Unbekannten am Sonntag, 20. August 2017, in Guttannen im Kanton Bern. Bild: Kapo Bern/Keystone

Ein Bild des Steinschlags am Gelmersee nahe des Grimselpasses aufgenommen von einem unbeteiligten Unbekannten am Sonntag, 20. August 2017, in Guttannen im Kanton Bern. Bild: Kapo Bern/Keystone

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Gesperrte Strassen und Zuglinien in Graubünden, Alarmzustand in 35 Walliser Gemeinden und Rekordniederschläge im Tessin. Der Orkan Vaia brachte Anfang Woche Dauerregen und Schnee in die Schweiz. Teile des Landes verfielen in den Katastrophenmodus. Im Gefahrenbulletin warnte der Bund vor Schlammlawinen und Steinschlägen.

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Der Alpenraum ist ein fragiles Gebilde – gerade während Unwettern. Und es wird immer gefährlicher: Experten warnen vor zunehmenden Extremereignissen wie Starkniederschlägen und Gletscherschmelze. Dadurch werden Felsen und Böden instabiler, donnern oder rutschen ins Tal – und richten Schaden an.

Heftiger Regen beschleunigt die Prozesse

Neue Zahlen zeigen jetzt erstmals, wie umfangreich und systematisch gefährliche Standorte überwacht werden. Mindestens 336 Felswände und Hänge haben die Kantone unter ständiger oder periodischer Beobachtung, weil sie eine Gefahr für Menschen und Tiere darstellen können. Oder weil Schäden an Strassen, Schienen und Gebäuden drohen.

Die Zahl geht aus einer Umfrage der SonntagsZeitung bei den Kantonen hervor. Erfasst sind alle Überwachungen im Zusammenhang mit gravitativen Prozessen – das sind im Wesentlichen Steinschläge, Berg- und Felsstürze, aber auch Rutschungen des Bodens und Schlammlawinen – sogenannte Murgänge. Heftiger Regen wie diese Woche kann solche Prozesse beschleunigen.

Kanton Bern überwacht am meisten gefährliche Standorte

Die Art und Weise, wie die 336 Standorte überwacht werden, ist sehr unterschiedlich. So sind einige Felswände rund um die Uhr unter Beobachtung – mit Radarsystemen, GPS-Geräten, Kameras oder Lasern. Andere Gebiete wiederum vermessen Geologen bloss periodisch. Sie installieren technische Geräte, die zum Beispiel aufzeichnen, wie schnell ein Spalt im Fels grösser wird.

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Mancherorts sind sogar automatische Alarmsysteme aufgebaut. Wenn eine Schlammlawine ins Tal donnert, löst sich eine Reissleine, und es wird eine darunterliegende Strasse gesperrt.

Am meisten überwachte Standorte gibt es im Kanton Bern – es sind insgesamt 131. Überwacht werden etwa Felswände und Hänge in Skigebieten, am Schilthorn oder in Adelboden. Im Fokus stehen aber auch Gebiete oberhalb exponierter Strassen – wie entlang des Brienzersees.

42 gefährdete Standorte in Graubünden

Viele überwachte Standorte gibt es auch im Wallis; insgesamt sind es dort 63. Kantonsgeologen erfassen zum Beispiel Rutschungen an der La Roussette oder am Breithorn und Schlammlawinen am Ritigraben oder Jegihorn.

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Auch Graubünden verzeichnet 42 gefährdete Standorte – wobei das Gebiet bei Bondo am Pizzo Cengalo das bekannteste ist. Seit der Katastrophe vom August 2017 mit einem Felssturz und Schlammlawinen wird das Gebiet noch intensiver überwacht.

Schweizweit gibt es 128 Standorte, die wegen Steinschlags, Berg- und Felsstürzen überwacht werden, fast gleich viele wegen Rutschungen. Seltener sind Überwachungen wegen Schlammlawinen.

Eine Spezialistin für Messsysteme ist das Unternehmen Geopraevent. CEO Lorenz Meier sagt, dass gerade für Tourismusorte in den Alpen solche Überwachungen «sehr wichtig sind». Auf den Schultern der Sicherheitsverantwortlichen laste ein grosser Druck, die Zufahrten offenzuhalten – «ansonsten bleiben die Touristen oder Arbeitskräfte aus, und Einnahmen gehen verloren». Dank Mess- und Alarmsystemen könnten die Sperrungen reduziert werden.

Für Meier ist aber auch klar, dass heute «im Gebirge mehr überwacht wird». Das hänge zum einen damit zusammen, «dass die Messsysteme günstiger und effizienter geworden sind. Zum anderen ist aber auch das Sicherheitsbedürfnis gestiegen.»

Der Bund verlangt bessere Daten aus den Kantonen

Trotzdem waren die überwachten Standorte lange Zeit ein gut gehütetes Geheimnis. So wehrten sich einige Kantone mit dem Argument, die Gefahr des Vandalismus nehme zu, wenn die Standorte öffentlich gemacht würden. So könnten zum Beispiel Messstationen durch Wanderer zerstört werden. Und es besteht offenbar die Angst, dass die Bevölkerung verschreckt wird, wenn das Ausmass bekannt wird. In einem Fall gelangte die SonntagsZeitung erst über ein Einsichtsgesuch an die Liste.

Mit dem Versteckspiel ist nun aber so oder so Schluss. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu), das die Überwachungen mitfinanziert, verlangt jetzt, dass die Kantone ihre Daten zu den Standorten und Messsystemen einheitlich erfassen und zusammenstellen – und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Bafu-Direktion will dieses sogenannte Datenmodell in den nächsten Monaten lancieren. Dann haben die Kantone fünf Jahre Zeit, um die Vorgaben umzusetzen.

Eigentlich sollte es in der Schweiz bald auch ein Warnsystem für Massenbewegungen wie Felsstürze und Rutschungen geben – analog demjenigen für Lawinen oder Hochwasser. Zumindest bewilligte der Bundesrat im Frühling ein solches Projekt. Doch als es im Sommer um die nötigen Stellen dafür ging, bremste der Bund.

Die nationalrätliche Umweltkommission hat Ende Oktober eine Motion eingereicht, in der sie den Bundesrat dazu auffordert, das nötige Personal für den Aufbau des Warnsystems zu bewilligen.

Die Überwachung gefährlicher Felsen und Hänge ist allerdings nur eine Möglichkeit im Umgang mit Naturgefahren, wenn auch meist die kostengünstigste. Wird die Gefahr eines Felssturzes oder eines Erdrutsches akut, sind oft auch andere Mittel nötig. Dann braucht es Schutzbauten wie Galerien, Steinschlagnetze, Felsverankerungen oder Dämme. Manchmal braucht es sogar Sprengungen. Eine Schutzfunktion übernehmen darüber hinaus Wälder.

In der Schweiz gibt es Tausende solcher Schutzbauten, allein entlang des SBB-Netzes sind es fast 5000. Hinzu kommen Schutzwälder, die auf einer Länge von 340 Kilometern des Schienennetzes diese Funktion übernehmen.

169 Todesopfer wegen Massenbewegungen

Sowohl die SBB als auch das Bundesamt für Strassen (Astra) betreiben eigene Überwachungen, um ihre Infrastrukturen zu schützen: das Astra am Walensee, an der Axenstrasse, am Brünig und am Simplon; die SBB primär an der Gotthard-Zubringerstrecke und -Bergstrecke.

Die Dauerüberwachung hat ihren Preis. Gemäss Auswertung der Plattform Naturgefahren kostet der Naturgefahrenschutz jährlich fast 3 Milliarden Franken, allein 300 Millionen entfallen auf Schutz und Überwachung im Zusammenhang mit Massenbewegungen wie Felsstürzen.

Selbst die beste Überwachung kann keine Todesopfer verhindern. Seit 1946 gab es in der Schweiz wegen Steinschlägen, Fels- und Bergstürzen sowie Schlammlawinen und Rutschungen 169 Tote.

Und die nächste Katastrophe wird kommen. Dieser Tage ist wieder Regen angesagt – zumindest im Süden der Schweiz.

* Dieser Artikel erschien am 4. November 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.11.2018, 15:58 Uhr

Uneinheitliche Datenlage

Um den Schutz vor Naturgefahren kümmern sich in der Schweiz Bund, Kantone und Gemeinden. Dieser Umstand macht es schwierig, Daten zu den überwachten Felswänden und Hängen zu erhalten. Auf der Liste des Kantons Bern sind auch Standorte verzeichnet, die nicht mehr überwacht werden. Die Liste aus dem Wallis ist zwar sehr umfangreich – verzeichnet sind aber auch Daten beispielsweise zu Wetterstationen.

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