Neue Erkenntnisse rücken Gisel ins Zentrum der Untersuchungen

Ein Untersuchungsbericht deckt gravierende Missstände bei Firmenkäufen von Raiffeisen auf – ob es zu strafrechtlich relevanten Verfehlungen kam, ist noch nicht klar.

Ex-CEO Patrik Gisel und sein Vorgänger Pierin Vincenz (r.). Bilder: Keystone/Esther Michel

Ex-CEO Patrik Gisel und sein Vorgänger Pierin Vincenz (r.). Bilder: Keystone/Esther Michel

Kurz vor der Raiffeisen-Delegiertenversammlung (DV) kam es zum Knall. CEO Patrik Gisel musste nach 18 Jahren die Bank per sofort verlassen, angeblich wegen seiner Affäre mit der ehemaligen Verwaltungsrätin Laurence de la Serna. An der DV informierte der Wirtschaftsprofessor Bruno Gehrig über den Stand der unabhängigen Untersuchung – und dabei traten gravierende Missstände bei Firmenkäufen zutage, die es fraglich erscheinen lassen, ob Gisel überhaupt noch zu halten war.

Im Fokus stehen die Jahre 2012 bis 2015. Das war gleichzeitig der Höhepunkt der Expansionstätigkeit von Raiffeisen, die Schlussphase der Ära von Pierin Vincenz und der Aufstieg Gisels zum CEO.

Offenbar gelang es Vincenz, die Kontrolle durch den Verwaltungsrat auszuhebeln, indem er die Käufe nicht direkt über Raiffeisen Schweiz durchführte, sondern über Tochtergesellschaften, namentlich Investnet und Bank Notenstein. In deren Verwaltungsrat war Vincenz entweder Mitglied oder Präsident. Aber eben auch Patrik Gisel: bei Investnet als Präsident, bei Notenstein als Vizepräsident.

Anklicken zum Vergrössern. Quelle: Raiffeisen-Geschäftsbericht 2013

In der fraglichen Zeit hat Raiffeisen mindestens drei grosse Akquisitionen getätigt, die umstritten sind. Nämlich Investnet, Dynapartners und die Leonteq-Beteiligung. Den Kauf der Investnet untersuchten die Finanzmarktaufsicht Finma und die Staatsanwaltschaft. Dabei wurde festgestellt, dass Vincenz und sein Geschäftspartner Beat Stocker erhebliche private Gewinne gemacht haben. Gehrig wiederum hat die Geschäftstätigkeit von Investnet unter die Lupe genommen. Die Firma agiert als Private-Equity-Gesellschaft, sie beteiligt sich an kleinen, aussichtsreichen Firmen. Welchen Preis man für die Beteiligungen zahlt, ist objektiv schwer zu bestimmen. Interessenkonflikte sind deshalb besonders heikel.

Kauf von Beteiligungen ohne unabhängige Gutachten

Ein grosser Verlust entstand beim Einstieg in die Asset-Management-Gesellschaft Dynapartners von Beat Wittmann, einem Freund von Vincenz. Ursprünglich ­investierte Raiffeisen in die 12-Mann-Gesellschaft 1,2 Millionen Franken. Das war zehnmal so viel, wie die Gründer zwei Jahre zuvor gezahlt hatten. Dann wurde die Beteiligung zu Raiffeisen Schweiz verschoben, und die restlichen Aktionäre wurden ausbezahlt – obwohl die Firma grosse Verluste schrieb. Inzwischen wurde Dynapartners verkauft. Wie viel Verlust resultierte, wurde nie ganz klar, laut «Tages-Anzeiger» waren es allein 2015 und 2016 84 Millionen.

Der dritte grosse Komplex ist die Leonteq-Beteiligung. Die Aktie dümpelte vor sich hin, bis am 12. März 2013 Raiffeisen über ihre Tochtergesellschaft Notenstein eine Beteiligung von 20 Prozent kaufte. Kurz danach erhielt Leonteq-Gründer Jan Schoch eine günstige Raiffeisen-Hypothek für seine Millionenvilla. Vincenz kam zu Leonteq-Aktien, die im Sommer 2015 5,8 Millionen Franken wert waren. Schoch erhielt von Raiffeisen unter Umgehung des Verwaltungsrats einen Hypothekarkredit von 50 Millionen Franken. Kurz darauf wurde Gisel Verwaltungsrat bei Leonteq.

Gemäss Gehrig wurden Beteiligungen nach den Preisvorstellungen der Verkäufer gekauft, ohne unabhängige Gutachten einzuholen. Es wurde zu viel bezahlt, was zu erheblichen Abschreibern oder Wertberichtigungen führte. In verschiedenen Fällen wurden Interessenkonflikte nicht gebührend beachtet. Die Kontrollen und das Risikomanagement bei der Vergabe von Krediten an nahestehende Personen und Gesellschaften war ungenügend. Widerstand innerhalb von Raiffeisen wurde nicht gehört. Vincenz und Gisel dominierten die entscheidenden Gremien und setzten sich durch. Laut Gehrig ist nicht klar, ob es zu strafrechtlich relevanten Verfehlungen kam, aber er hat die Akten der Staatsanwaltschaft weitergereicht. Raiffeisen müsste eigentlich auf Schadenersatz klagen.

Erstellt: 11.11.2018, 00:11 Uhr

Wer Gisel beerben könnte

Nach dem sofortigen Rücktritt von Patrik Gisel als Raiffeisen-Chef stellt sich nun die Frage, wer seine Nachfolge antritt. Laut Quellen gibt es bereits eine Shortlist mit drei bis fünf Kandidaten. Der neue Chef oder die neue Chefin könnte in den nächsten zwei Wochen bekannt gegeben werden. Der neue Verwaltungsratspräsident Guy Lachappelle spricht von einer Ernennung «noch vor Ende des Jahres».
Wer auf der Shortlist steht, ist nicht bekannt. Einige Namen wurden aber in diesem Zusammenhang schon ins Spiel gebracht. Etwa jener von Dagmar Kamber-Borens. Sie sass bis vor kurzem in der Geschäftsleitung der Credit Suisse. Laut der Finanzplattform Finews ist sie am Raiffeisen-Chefposten allerdings nicht interessiert.
Auch Postfinance-Chef Hansruedi Köng wurde als möglicher Kandidat genannt. Infrage kämen ausserdem Roland Ledergerber, Chef der St. Galler Kantonalbank, oder Stefan Loacker, ehemaliger Chef des Versicherers Helvetia. Denn beide haben Erfahrung mit genossenschaftlichen Strukturen – ein Pluspunkt in den Augen der Raiffeisen-Genossenschafter. Dass ein Kandidat oder eine Kandidatin aus dem Raiffeisen-Inneren das Rennen macht, ist hingegen eher unwahrscheinlich. (SZ)

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