Newton, der Petfluencer

Instagram fördert Minderwertigkeitskomplexe? Nicht, wenn man auf Tiere setzt wie unser Autor.

Die Fotos seines Herrchens zogen nicht, seine schon. Instagram: beagle_called_newton

Die Fotos seines Herrchens zogen nicht, seine schon. Instagram: beagle_called_newton

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Oft beschrieben wurden die Untiefen des mittleren Alters, aber wer sie selbst durchwatet, fragt sich trotzdem: Was dagegen tun? Gym-Abo lösen? Gitarre anschaffen? Die Krise als Chance! Ich schlug einen anderen Weg ein und eröffnete einen Instagram-Account. Das ist jenes soziale Netzwerk, wo Menschen Fotos online stellen, die andere Menschen mit einem Herz-Symbol liken oder kommentieren.

Zwar bin ich schon lange bei Facebook und Twitter, aber Ersteres zeigt vor allem, wie langweilig jeder ist, und Twitter legt nahe, dass die Menschheit aus einem ­aggressiven Haufen Rechthaber besteht. Im Vergleich dazu ist Insta­gram eine digitale Kuschel­zone, wo sich eine Milliarde User liebhaben. Kein schlechter Ort für darbende Mittvierziger.

Also stellte ich fleissig Bilder online. Von mir selbst, von Landschaften, die ich toll fand, von Konzert-Flyern und Partys, von denen ich mir erhoffte, sie würden meinen Coolness-Faktor steigern. Falsch gehofft. Nach einem Monat stagnierte meine Anzahl Follower bei 80, Likes heimste ich im einstelligen Bereich ein. Niemand ­interessierte sich für mein Leben. Die Midlifecrisis drohte sich zur Depression auszuweiten.

Betrübt ging ich mit meinem Hund Newton in der Stadt spazieren, wo er wieder mal mit ein paar «Jööhs» eingedeckt wurde. Der hats gut, dachte ich fast ein bisschen neidisch, und dann hatte ich eine Idee: Der Hund muss auf Instagram, wo er für mich Likes generieren soll. Jeden zweiten Tag postete ich in Newtons Namen einen Beitrag.

Nach zwei Wochen hatte ich 250 Follower, die meisten aus Amerika, aber auch solche aus Japan oder Russland. Eine kanadische Firma für Hundeleinen wollte Newton als Model buchen. Ich war stolz, und wie erhofft steigerten seine Likes auch mein eigenes Selbstwertgefühl. Ich fasste ein Ziel: 1000 Follower in einem Jahr.

Ein Beagle aus Genf hat über 35'000 Follower

Doch etwas hatte ich in der Euphorie unterschätzt: Es gibt auf Insta­gram Zehntausende von Hunde-Konten, darunter Tausende von Beagles. Oscar the Beagle, Maya­thesmilingbeagle oder Beagle_Hugo2219. Jeder, der einen Beagle besitzt, scheint einen Insta-­Account für ihn eingerichtet zu haben. Wie also sich abheben? Ich versuchte es mit witzigen Bild­legenden, die aus der Sicht ­Newtons verfasst sind.

Einer von Newtons grossen Konkurrenten ist Tosha the Beagle, ­zumal er auch aus der Schweiz ist. Über 35'000 Follower hat der Genfer Vierbeiner. Allerdings macht er es sich ein bisschen einfach: Er posiert meistens vor Bergen oder Seen, was im Ausland natürlich gut ankommt. Bei Tosha ist auch das Wetter Insta-optimiert. Immer scheint die Sonne, der Himmel ist stahlblau. Newton hingegen sieht man auch mal bei schlechtem Wetter, was weniger Likes generiert: Nieselregen kommt in der Schönwetterwelt von Instagram nicht gut an.

Zuerst war mir das egal. Doch dann wurde das Bedürfnis nach Lob immer stärker. Fotos mit wenig Likes hinterfragte ich. Manchmal löschte ich solche gar, weil sie mir plötzlich als nicht gelungen erschienen. Und wenn ich ein paar Tage nichts gepostet hatte, meldete sich das schlechte Gewissen. Influencer-Stress. Aber wenigstens wieder etwas Ehrgeiz im Leben. Einmal setzte ich im Like-Rausch gar auf eine zweifelhafte Methode: Ich warf Newton in den frisch gefallenen Tiefschnee, ­während mein Kollege knipste. «Fly like a Beagle», lautete die Bildlegende dazu.

Das Foto ist das bisher am ­meisten gelikte, auch die Anzahl Follower nahm sprunghaft zu: 650 waren es nach zwei Monaten, 1000 nach vier. Im Vergleich zu Pet-Influencern wie dem Zwergspitz Jiffpom (neun Millionen Follower) ist das nicht viel, aber im Vergleich zu ­anderen Beagle-­Accounts, die meistens bei wenigen Hundert Followern rumdümpeln, gar nicht so schlecht.

Das Insta-Profil von Newton mit stolzen 1240 Followern.

Auch Waschbären haben Instagram-Accounts

Die Problematik von Insta­gram, liest man immer wieder, sei die ­verzerrte Abbildung der Realität, die dazu führe, dass User ein ungesundes Körperbild entwickeln oder ob eines Feeds mit tollen Autos deprimiert werden, weil sie sich diese nicht leisten können. Das mag sein, aber wer nicht auf Instagram verzichten mag, mache es wie ich: mehr Tieren folgen als Menschen.

Es gibt auch Wellen­sittiche, Otter und Eichhörnchen mit eigenen Accounts. Die Chance, da einen Minderwertigkeitskomplex einzufangen, ist minim – im Gegenteil: Es gibt mit Pumpkin the Raccoon einen zahmen Waschbären auf ­Instagram, der glaubt, ein Hund zu sein. Der Hammer. Da hast dus, Midlifecrisis!



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Erstellt: 07.09.2019, 18:24 Uhr

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