Nicht ohne meinen Gummibaum

Ist die Monstera immer noch hip? Was Sie zur nicht abreissenden grünen Welle wissen müssen.

Gummibaum: In London, Berlin, New York finden sogar Plant-Swap-Partys stattFoto: Till Melchior/plainpicture

Gummibaum: In London, Berlin, New York finden sogar Plant-Swap-Partys stattFoto: Till Melchior/plainpicture

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Seit geraumer Zeit verbringt der moderne Stadtbewohner seine Abende gern in dunkel möblierten «Chnellen» mit Geweih an der Wand und streift sich das Karohemd über, wenn er sonntags ans Schwingfest geht. So gesehen verwundert es ­wenig, dass er sich auch wieder Zimmerpflanzen in die betongraue Neubauwohnung stellt. Grünzeug boomt. Davon zeugt nicht nur die Präsenz floraler Motive in Mode, Design, Literatur und auf Social Media (#house­plants). In Berlin, London oder New York finden Plant-Swap-Partys statt, also Tauschbörsen für etwa Zierpfeffer und Bogenhanf, und es eröffnen Pflanzenläden, die an Schmuckboutiquen erinnern. Der Zürcher Gartenshop Veg and the City hat eben den ersten Zimmerpflanzen-Workshop gestartet, Szenebars setzen auf grünes Interieur. Was hat es mit der grünen Welle auf sich? Wir haben sechs Menschen gefragt, die es wissen müssen.

Tine Fleischer, Interior- und Modebloggerin («Inattendu»)
Ist Plantporn der neue Foodporn?
Die Bilderflut von Zimmerpflanzen in den sozialen Netzwerken ist derzeit tatsächlich ähn­lich intensiv wie die Foodporn-Welle. Erstaunlich finde ich, wie radikal sich das Image von Zimmerpflanzen gewandelt hat. Was lange als spiessig-verstaubtes ­Relikt der Sieb­ziger galt, ist auf einmal hochbegehrtes Wohnac­cessoire.

Welchen Zimmerpflanzen-­Account müssen wir kennen?
Jenen der Pflanzenliebhaberin und Lifestyle-Journalistin Magali Elali aus Antwerpen (magali_coffee­klatch). Darin gewährt sie Einblick in die Wohnungen von «Plant-­loving Creatives». Über diese verfasste sie auch ihr Buch «Green­terior».

Yvo Goette, Co-Gründer des Schweizer Zimmerpflanzen-Onlineshops und Designlabels Cosmos
Weshalb dauert das Revival der Zimmerpflanzen an?
Die Menschen suchen den Bezug zur Natur. Und da die Verstädterung unserer Gesellschaft anhält, wird dieser Trend nicht so rasch aufhören. Dazu kommt der Trend zum Lokalen: Unsere Hängepflanzen stammen aus der Schweiz und sind handgefertigt. Damit treffen wir den Zeitgeist.

Zu einem feudalen Preis. In Ihrem Onlineshop kostet der Efeu zum Aufhängen rund 80 Franken.
Unsere Pflanzen sind ein Statement. Wir sprechen Menschen an, die sie hegen und pflegen.

Besonders die Monstera mit ihren prägnanten Blättern ist beliebt. Der Monstera-Boom ist nicht nur eine Referenz an die Siebziger, als die Pflanze in jedem Büro stand, sondern auch beliebtes grafisches Element. Derzeit sind Sukkulenten im Kommen. Sie sehen eigen aus und sind erst noch pflegeleicht.

Scott Cain, Betreiber des Instagram-Accounts «Boys with Plants»
Gerade noch hatten Männer Vollbart und Tattoos, nun kuscheln sie auf Instagram mit Farnen. Erklären Sie!
Bei genauem Hinschauen werden Sie auch bei uns viele Tattoos und Bärte entdecken, dazu Pflanzen – was wollen Sie mehr? Die Pflanzen zeigen die fürsorgliche, hingebungsvolle Seite eines Mannes.

Welche Zimmerpflanze hat den grössten Sexappeal?
Die fabelhafte Monstera deliciosa! Aber aufgepasst, falls Sie je von ihrer Frucht kosten: Sie schmeckt ziemlich gewöhnungsbedürftig.

Wanda Keller Gartenkolumnistin «Tages-Anzeiger»
Welches ist die meistüber- schätzte Zimmerpflanze?
Die Zamioculcas zamiifolia, also die Glücksfeder. Die steht in jedem Wohnzimmer und ist nicht einmal schön. Aber lassen Sie mich ehrlich sein: Ich bin kein Freund von Zimmerpflanzen.

Weshalb nicht?
Ihr natürlicher Habitus ist meist in tropischen Wäldern. Und dann stehen sie in einer Wohnung, wo sie oft nicht genügend Licht bekommen. Sie werden importiert aus aller Herren Länder und meist auch chemisch behandelt. Aber klar: Pflanzen können sehr wertvoll sein, besonders für sozial isolierte Menschen, die sie umsorgen. Sie werden beinahe zum Haustier.

Was soll ich als Städterin denn tun, wenn ich keinen Balkon habe? Rausgehen!

Was ist der grösste Fehler im Umgang mit Zimmerpflanzen?
Zu viel Wasser und zu wenig Licht. Suchen Sie einen Standort am Fenster, sorgen Sie für genügend Luftfeuchtigkeit, etwa indem Sie die Pflanzen manchmal besprühen. Sobald der Wurzelballen den Topf komplett ausgefüllt hat, muss sie umgetopft werden. Darf ich noch etwas zu Orchideen sagen?

Bitte.
Nehmen Sie diese Klämmerchen weg! Orchideen sind baumwüchsige Pflanzen. Werden sie nicht künstlich festgezurrt, haben sie ihren natürlichen Wuchs und hängen wunderbar runter. Diese Klämmerchen betrüben mich ungemein.

Hanspeter Schöb, Molekularbiologe am Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie der Uni Zürich
Haben Pflanzen eine Seele?
Darüber ist sich die Wissenschaft nicht einig, zumal nur spekuliert werden kann, was Seele überhaupt ist. Erwiesen ist, dass Pflanzen untereinander kommunizieren. Ein Beispiel ist die Reifung von Bananen: Reife Bananen verströmen das Pflanzenhormon Ethylen – die anderen Bananen nehmen dies wahr und reifen ebenfalls. In der afrikanischen Savanne wurden Akazien beobachtet, die verdauungshemmende Substanzen produzieren, wenn sie von Gazellen angefressen werden. Die Nachbarbäume werden durch das Pflanzenhormon Methylsalicylat gewarnt und schützen sich mit denselben Verdauungshemmern, bevor die Gazellen sie erreichen.

Würden Zimmerpflanzen gern zurück in den Urwald? Merken sie, dass sie neben einem TV statt einem Wasserfall stehen?
Zimmerpflanzen nehmen ihre Umgebung sehr gut wahr, nur können sie nichts gegen ungünstige Bedingungen tun. Menschen und Tiere wählen ihre Umgebung nach ihren Bedürfnissen, und wenns nicht passt, ziehen sie weiter. Pflanzen haben ein anderes Lebenskonzept. Sie sind festgewachsen. Entweder passen sie sich an, oder sie gehen unter. Friss oder stirb. Deshalb sind Pflanzen so anpassungsfähig.

Manuel Rotzinger Sprecher von Ikea Schweiz
Welche Zimmerpflanze verkauft Ikea Schweiz am häufigsten?
Die Orchidee ist am beliebtesten.

Ikea-Pflanzen sehen, wenn wir ehrlich sind, ein wenig künstlich aus. Sind sie aus dem Labor?
Die Mehrheit der Pflanzen stammt aus Gewächshäusern in den Niederlanden, nicht aus einem Labor.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.01.2019, 17:17 Uhr

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