Nicht schon wieder Ferien!

Koreanischkurs, Girls-Dance-Lager, Schwingercamp – Erholung kommt während der Sommerferien oft zu kurz.

Die meisten Kinder haben nichts gegen die Dauerbespassung: Nachwuchstalente üben unter Anleitung von Ex-Spitzenschwinger Stefan Fausch im «Königscamp» in Wildhaus SG den Hosenlupf. Foto: Benjamin Manser/Keystone

Die meisten Kinder haben nichts gegen die Dauerbespassung: Nachwuchstalente üben unter Anleitung von Ex-Spitzenschwinger Stefan Fausch im «Königscamp» in Wildhaus SG den Hosenlupf. Foto: Benjamin Manser/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Freitagabend, 28. Juni 2019: Für die Schülerinnen und Schüler in Basel-Stadt und sieben weiteren Kantonen beginnen die Sommerferien. Montagmorgen, 1. Juli 2019: In der Klubschule Migros Basel startet der neue zweiwöchige Sommerkurs «Koreanisch für Teenager». 20 Lektionen, Montag bis Freitag, jeweils von 10 bis 11.50 Uhr. Gleicher Ort, anderer Raum: «Französisch für Kinder (8 bis 11 Jahre)».

Ebenfalls im Sommerkurs-Angebot: «Englisch für Teenager». Es gebe weder Druck noch Noten, heisst es im Beschrieb, sondern «etwas Sinnvolles» und die Aussicht, «mit grossartigen Perspektiven» ins neue Schuljahr zu starten. Und das gerade mal knapp 60 Stunden, nachdem das alte Schuljahr ausgeläutet wurde. Das tönt fast schon fies. Nach übermotivierten Eltern. Und genötigten Kindern.

Offenbar nicht bei den sechs 13- bis 17-Jährigen, die im Koreanischkurs sitzen. «Ich konnte es kaum erwarten, bis es losgeht. Für mich war es auch kein Problem, gleich am ersten Ferientag wieder früh aufzustehen», versichert Andrea*. Auch Sandra* ist freiwillig hier. «Ich wollte schon länger Koreanisch lernen; meine Eltern fanden die Ferien perfekt dafür, weil ich mich so ganz auf die Sprache konzentrieren kann.»

Freiwillig in den Franzkurs? «Nie im Leben!»

Vor so viel Eifer reibt man sich erst einmal die Augen. Wir haben es hier aber nicht mit Streberinnen zu tun, sondern mit grossen K-Pop-Fans. Die südkoreanische Popmusik und Bands wie BTS, Got7 oder Exo sind für heutige Teenager so etwas wie Take That und The Beatles für deren Eltern und Grosseltern. «Meine Mutter hat den Koreanischkurs gefunden und mich gefragt, ob ich hinwill», erzählt Kaya*. Sie habe sofort Ja gesagt.

Aber freiwillig zwei von fünf Ferienwochen dafür opfern? Für Sandra kein Problem: «Am Nachmittag bleibt noch genügend Freizeit.» Und wenn die Eltern stattdessen einen Französisch- oder Mathekurs vorgeschlagen hätten? «Nie im Leben!», sagt Kaya. Und Andrea: «Da hätte ich eher Nein statt Ja gesagt.

Entsprechende Nachhilfe- beziehungsweise Vorhilfekurse gibt es aber überall in der Schweiz – angeboten von der Privatwirtschaft und nicht etwa von kantonalen Erziehungsbehörden. Denn offiziell sollten sich die Kinder und Jugendlichen in den Ferien ja erholen, um frisch ins neue Schuljahr starten zu können. Besonders heutzutage gilt der Nachwuchs doch als geforderter und weniger belastbar als früher.

In den Sommerferien schmilzt das Wissen wie Eis in der Sonne

Weil man sich laut Ferienforschung bei Tätigkeiten am besten erholt, die sich vom Alltagstrott möglichst unterscheiden und sich nicht nach Zwang anfühlen, scheinen Nachhilfekurse das genaue Gegenteil von Erholung zu sein. Komplett aufs Lernen zu verzichten, soll aber auch nicht schlau sein. Untersuchungen zeigen, dass Schulkinder nach den langen Ferien kognitive Einbussen haben, vor allem im Rechnen und in der Rechtschreibung. «Ferieneffekt» oder «Sommervergessen» nennen Bildungsforscher dieses Phänomen.

Da ist es nachvollziehbar, dass Eltern ihren Nachwuchs in den Sprachkurs schicken oder daheim zum Lesen oder Rechnen überreden, damit das mühsam erlernte Wissen bis August nicht geschmolzen ist wie ein Gelato in der Sommersonne. Zahlen, wie viele dies hierzulande tun, gibt es nicht, aber das Forschungsinstitut Forsa hat voriges Jahr rund 1000 Eltern in Deutschland gefragt, ob ihr Kind während der Sommerferien lernt. 59 Prozent antworteten mit Ja. Und wenn die Mehrheit der Gspänli gefördert wird, muss man selber ja auch fast mitziehen.

Der deutsche Intelligenzforscher Detlef Rost hält wenig von der grassierenden «Förderungshysterie», genau wie von den populärwissenschaftlichen Studien zum «Sommervergessen». Vor einigen Jahren hat er ausgerechnet, dass der IQ während eines Schuljahres um 0,3 bis 0,5 Punkte pro Monat steigt. Umgekehrt würde das bedeuten, dass Schülerinnen und Schüler über die fünf bis elf Ferienwochen zwischen 0,4 und 1,4 Intelligenzpunkte verlieren. Alles halb so wild, sagte Rost damals zum Nachrichtenmagazin «Fokus». Damit der Effekt so richtig spürbar sei, müssten die Kinder schon wie eine Leiche im Sarg in einem abgedunkelten Raum ohne jede Anregung liegen.

Eltern sind lieber Entertainer als Spielverderber

Diese Gefahr besteht bei Schweizer Schulkindern ganz und gar nicht. Pünktlich zum Ferienbeginn zünden Eltern landauf und landab das Sommerbespassungsfeuerwerk rund um die traditionelle Strandferien- oder Grosselternwoche. «Englisch für Teenager» ist da erst der Anfang. Fechten, Klettern, Reiten, Schach. Blauring-, Pfadi- und Sonntagsschullager. Jungschwingercamp, Alpamare, Verkehrshaus und Europapark. In vielen Gemeinden gibt es den Ferienpass, Städte wie Zürich bieten eigene Freestyle-, Windsurfing- oder Girls-Dance-Lager. Firmen wie Google oder Axpo mischen ebenfalls mit im Sommerferienbusiness und bieten Programmier-Workshops oder Fussballcamps.

Nach mehreren Wochen im Kinder-fördern-und-bei-Laune-halten-Hamsterrad erinnern sich manche Eltern erschöpft und wehmütig an die eigene Kindheit und Jugend, als ein Saisonabo für die Badi oder wochenlanges Herumstreunen mit den Freunden im Quartier vollkommen reichten fürs Sommerglück. Für ihre eigenen Lieblinge wollen heutige Eltern aber oftmals trotzdem mehr. In einer Zeit, in der selbst Kindergeburtstage regelrechte Events sind, muss man dem Nachwuchs schliesslich etwas bieten. Auf das wochenlange «Mir ist langweilig»-Geklöne kann man ebenfalls gut verzichten. Drum: Möglichst viel Programm. Da können Pädagogen noch so lange predigen, wie wichtig die Langeweile für die kindliche Entwicklung sei. Im Zweifelsfall sind Eltern lieber Entertainer als Spielverderber.

Das beobachtet auch Heinz Anderwert, Leiter im Sport- und Erlebnispark Milandia in Greifensee ZH. Hier werden seit 1987 polysportive Feriencamps angeboten. Nicht die Kinder hätten übersteigerte Ansprüche, sondern eher die Eltern. «Es gibt immer mal wieder Mütter oder Väter, die für ihr Geld etwas Spezielles geboten bekommen wollen.» Die Kinder hingegen seien oft mit ganz banalen Aktivitäten zufrieden. «Natürlich finden sie spezielle Beschäftigungen wie Bogenschiessen super, aber die meisten haben an einfachen Dingen wie Fangis, Völkerball oder Klettern mindestens so viel Spass.»

Morgen startet das erste von fünf einwöchigen Feriencamps, und mit Ausnahme der 1.-August-Woche sind alle bereits seit Monaten ausgebucht. Mit einer «Riesenwarteliste», präzisiert Anderwert. ­Alleine für kommende Woche hoffen 46 Kinder darauf, vielleicht doch noch einen Platz ergattern zu können. Die Fülle von Sommerbetreuungsangeboten ist gross, und sie steigt Jahr für Jahr. Auch das Milandia spürt eine wachsende Nachfrage. Anderwert hat die Feriencamps deswegen vor drei Jahren noch einmal ausgebaut, aber die Infrastruktur reicht für maximal 220 Kinder pro Tag, da auch bei Schlechtwetter alle Platz haben müssen.

Die Eltern dürfen ihren Nachwuchs höchstens in zwei Camps hintereinander ins Milandia schicken, auch wenn viele ihre Kinder am liebsten drei oder vier Wochen am Stück versorgt hätten. Anderwert kann das zwar verstehen. Es bleibe einem ja auch wenig anderes übrig, wenn man berufstätig sei und vielleicht sogar alleinerziehend. Den Nachwuchs fünf oder – wie im Tessin – sogar elf Wochen sinnvoll zu beschäftigen und bestenfalls zu fördern, ist unmöglich. Aber, betont Anderwert: «Wir sind kein reiner Hütedienst für Eltern, die ihre Kinder möglichst lange aus dem Haus haben wollen.»

Ein volles Programm macht die Kinder unselbstständig

Während die meisten Kinder nichts gegen Dauerbespassung haben und am liebsten noch länger frei hätten, gibt es regelmässig Bestrebungen, die Feriendauer zu reduzieren. Im Kanton Solothurn verlangte 2014 ein politischer Vorstoss, sie von total 14 auf 12 Wochen zu verkürzen. In diversen Gemeinden von Bern bis Genf forderten Eltern, die Tagesschulen auch während der unterrichtsfreien Zeit offen zu halten.

Hier geht es weniger um die Angst vor dem Sommervergessen als vielmehr ums Betreuungs­dilemma und ums Geld. Nicht alle können ihre Kinder in Sommercamps schicken, die pro Woche schnell ein paar Hundert Franken kosten. Tina Hascher, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Bern, betont, dass die unterrichtsfreie Zeit primär zur Erholung der Schülerinnen und Schüler und der Lehrpersonen ­gedacht sei. «Allerdings basieren Ferienzeiten nicht auf Lerntheorien, sondern auf gesellschaftlichen Ritualen wie zum Beispiel Weihnachten.»

Wie viele Wochen wären denn ideal, um sich zu erholen und nicht Gefahr zu laufen, alles wieder zu vergessen? Das sei schwierig zu beantworten, sagt Hascher, es gebe keine entsprechenden Studien. «Aus den Forschungsarbeiten zur Arbeitswelt weiss man aber, dass drei Wochen ein guter Zeitraum für Erholung sind und man zugleich den Anschluss wieder relativ einfach findet.»

Sie empfiehlt, Kinder und Jugendliche die Hälfte der Freizeit selber bestimmen zu lassen. «Sie sollen ja auch lernen, eigene Interessen zu entwickeln und ihre Zeit zu gestalten. Wenn immer Programm ist, bleiben sie unselbstständig, weil alles für sie organisiert ist und sie stets auf externe Anreize reagieren.» Die Eltern können sich den Stress mit der Dauerbespassung also sparen. Und es ist laut Hascher auch kein Schulstoff nötig, um sich in den Ferien gut zu entwickeln, kognitiv anregende Aufgaben reichen.

Das geht auch in der Badi zwischen dem 17. Köpfler und der Riesenrutsche: Wie viele Süssigkeiten kannst du von deinem Sackgeld am Kiosk kaufen? Wie viele Liter Wasser sind im 50-Meter-Becken? Und wie sagt man Schwimmbad auf Französisch?

* Name geändert



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 14.07.2019, 10:37 Uhr

Artikel zum Thema

Diese Familie verbringt die Ferien lieber bei Nomaden als am Strand

Porträt Hühnerköpfe und Gebirge statt Pizza und Meer – die Bündner Familie Zwahlen reist regelmässig in ihre zweite Heimat: das Himalaja-Gebiet. Mehr...

In den Ferien hätte sie ihren Cousin heiraten sollen

Ela Solak war 16, als ihre Eltern sie gegen ihren Willen in der Türkei verheiraten wollten. Sie sagte Nein. Doch das zählte nichts. Mehr...

Als wir damals Ferien machten

Mal eben in die Karibik jetten? Das gabs nicht, als wir jung waren. Stattdessen: Schwimmbadglück, Anfahrtselend, Ruinenmarathon. Kulturredaktoren und -redaktorinnen blicken zurück in die Sommer ihrer Kindheit. Mehr...

Ferienspass à gogo

Eine kleine Auswahl:


  • Zauberlager: Für 8- bis 11-Jährige, 28.7.–3.8. in Schwanden GL, 320 Franken

  • Kids Surfing School: Workshop für 8- bis 14-Jährige, 7.8. in Ebikon LU, 45 Franken

  • Horrorfilm drehen: Für 10- bis 16-Jährige, 15./16.7. in Zürich,135 Franken

  • Game Design: Für 10- bis 14-­Jährige, 15.–19.7. in Zürich, 375 Franken

  • Schnitzeljagd hoch zu Pony: Für 6- bis 11-Jährige, 17.7. in Bern, 60 Franken

  • Clownerie: Für 7- bis 10-Jährige, 22.–16.7. in Verscio TI, 290 Franken

  • Cheerdance: Für 11- bis 15-Jährige, 12.–16.8. in Zürich, 85 Franken

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...