Niemand ist schuld

Markus Somm über den Terror in Sri Lanka.

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Am vergangenen Ostersonntag, einem der heiligsten christlichen Feiertage, haben islamistische Terroristen in Sri Lanka mehr als zweihundert Menschen umgebracht. Die Mehrheit davon dürften Christen gewesen sein, denn die Attentäter sprengten sich in drei Kirchen in die Luft, zu einem Zeitpunkt, da diese voll von Gläubigen waren, die den Ostergottesdienst feierten. Einem Täter war der Eintritt in die Kirche verwehrt worden mit dem Hinweis, es finde ein Gottesdienst statt. Er hatte beteuert, Filmaufnahmen machen zu wollen. Also wandte er sich unverrichteter Dinge in den Kirchhof und zündete seine Bombe, womit er mehrere Kinder in den Tod riss, die hier spielten. Sie machten Pause, nachdem sie an der Sonntagsschule teilgenommen hatten. Darüber hinaus detonierten Bomben in drei Hotels, die bei westlichen Gästen beliebt sind. Insgesamt hinter­liessen die Terroristen nicht bloss Hunderte von Toten, sondern auch rund 500 Verwundete. Oft überleben solche Menschen zwar, doch ihr Leben ist nie mehr wie zuvor.

Noch scheint unklar, ob die neun Selbstmordattentäter von einer grösseren islamistischen Organisation, wie etwa dem Islamischen Staat (IS), unterstützt worden waren, was dieser behauptet, die Täter selber gehörten einer lokalen islamistischen Gruppe an – klar ist aber: Es war ein grauenhafter Anschlag. Mit eindeutigen Tätern (Islamisten) und eindeutigen Opfern (Christen) – genauso wie es sich um einen grauenhaften Anschlag gehandelt hatte, als vor gut einem Monat ein weisser, rechtsextremer Australier in Christchurch, Neuseeland, zwei Moscheen angriff und dabei fünfzig betende Muslime tötete und fünfzig weitere verletzte, zum Teil schwer. Es starben ein dreijähriges Kind und ein 71 Jahre alter Mann. Auch hier waren Opfer zu beklagen (Muslime) und es gab einen Täter (Rechtsextremist), ein Mann, der an rassistische, weisse Überlegenheitsideologien glaubt und all jene hasst, die anders aussehen als er selbst. Beide Verbrechen wiegen schwer, beide sind zu verurteilen, niemand, der bei Verstand ist, würde einen Unterschied machen.

Weisse Überlegenheitsfanatiker müssen von allen Politikern verurteilt werden.

Umso mehr fiel auf, wie verschieden manche im Westen auf diese beiden Terrorakte reagierten. Als es um Christchurch ging, wurde sofort das Richtige gesagt, während über Sri Lanka gesprochen wurde, wie unsere Grosseltern über Sex redeten: verlegen, hüstelnd, betreten. Niemand drückte diese Nuance vielleicht deutlicher aus als Hillary Clinton, die einstige Präsidentschaftskandidatin der amerikanischen Demokraten: «Mein Herz bricht für Neuseeland und die muslimische Gemeinschaft», twitterte sie nach Christchurch: «Wir müssen unseren Kampf gegen die Fortdauer und Normalisierung von Islamophobie und Rassismus in all ihren Formen aufrechterhalten. Weisse Überlegenheitsfanatiker müssen von allen Politikern verurteilt werden. Ihren mörderischen Hass gilt es zu stoppen.» Dem ist nichts hinzuzufügen. Clinton hat recht. Doch wie anders klang ihr Tweet nach Sri Lanka: «An diesem heiligen Wochenende für viele Glaubensrichtungen müssen wir uns geeint gegen Hass und Gewalt stellen. Ich bete für alle, die betroffen sind von den heutigen Anschlägen auf Easter worshippers – auf Ostern-Feiernde – und Reisende in Sri Lanka.»

Es lohnt sich diesen holprigen Satz zu analysieren, weil er das politisch korrekte Elend aufzeigt, in dem diese weisse, westliche Frau steckt. Ein «heiliges Wochenende für viele Glaubensrichtungen»? Ostern ist den Christen heilig und den Juden als Pessach, sonst niemandem, so dass man sich fragt, warum Clinton sich so kurios ausdrückt. Die Frage stellen heisst, sie beantworten: Wie der Teufel das Weihwasser scheut sich Clinton, das Wort «Christ» in den Mund zu nehmen, obschon man kaum die Opfer dieser Attacke beklagen kann, ohne deren Religion zu nennen. Denn deswegen sind sie gestorben. Dieser Anschlag richtete sich gegen Christen – so wie der Angriff von Christchurch den Muslimen galt. Aus dem gleichen Grund benutzt Clinton die absonderliche Wendung «Easter worshipper», warum nicht einfach «Christen»? Weil Christen in der Hierarchie des Opferkultes ganz unten stehen. Sie sind nie Opfer, sondern allenfalls Täter, deshalb werden sie auch nie als Opfer bezeichnet, selbst wenn sie für ihren Glauben gestorben sind.

Und die Täter? Wer Clintons Tweet liest, erfährt nicht, wer in Sri Lanka wen umgebracht hat. Von Islamisten ist nie die Rede. Nach Christchurch nannte Clinton Ross und Reiter, nach Sri Lanka verlieren die Opfer ihren Namen, und die Täter waren nicht vorhanden. Niemand ist schuld.



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Erstellt: 27.04.2019, 22:49 Uhr

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