Notfall bei Arzneimitteln

In der Schweiz fehlen derzeit Hunderte Medikamente. Einige davon sind lebenswichtig.

Apotheke in Bern: Im November waren 645 Präparate nicht lieferbar, 140 davon hält die Weltgesundheitsorganisation für unverzichtbar. Foto: Gaetan Bally/Keystone

Apotheke in Bern: Im November waren 645 Präparate nicht lieferbar, 140 davon hält die Weltgesundheitsorganisation für unverzichtbar. Foto: Gaetan Bally/Keystone

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Im November kam es in der Schweiz zu einem neuen Rekord. Ein Rekord, der Apothekern und Ärzten den Puls hochjagt. Ein Rekord, der die Krankenversicherungen Millionen kostet. Vor allem aber ein Rekord, der Kranke in Gefahr bringen kann. Und wenn es so weitergeht, wird dieser Rekord bald schon gebrochen.

Die Rede ist von rund 651 fehlenden Medikamenten – 140 davon hält die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für unverzichtbar. 388 sind gemäss der Website Drug­shortage.ch seit über sechs Wochen nicht erhältlich, die «Rekordhalter» gar seit über zwei Jahren. Generika sind überdurchschnittlich oft von solchen Lieferengpässen betroffen, teilweise sind bis zu 15 Prozent nicht lieferbar. Die SonntagsZeitung hat sechs beun­ruhigen­de Beispiele aus den letzten zwölf Monaten genauer angeschaut.

Vitamin K

Vitamin K hebt die Wirkung des sehr gebräuchlichen Blutverdünners Marcoumar auf. Im Notfall, wenn ein betroffener Patient zum Beispiel dringend operiert werden muss, oder bei Blutungsgefahr, braucht es das sehr preiswerte Vitamin K. Im August aber gab es das Vitamin nicht mehr. «Die ­Firma hat ohne Vorankündigung einfach nicht geliefert», sagt Enea Martinelli, Chefapotheker der ­Spitäler Frutigen, Meiringen und Interlaken.

Die – nicht praktikable – Alternative sei gewesen, den Patienten ­kiloweise Broccoli zu geben, weil dieses Gemüse viel Vitamin K enthält. Oder aber auf ein anderes, aber viel teureres Präparat auszuweichen. «Das hat dann anstelle von 2 Franken 1200 Franken pro Patient gekostet.»

Syntocinon

Dieses Medikament ist aus keinem Kreisssaal wegzudenken. Es bewahrt Frauen nach einer Geburt oder einem Kaiserschnitt vor lebensgefährlichen Blutungen. Ende letzten Jahres war Syntocinon plötzlich nicht mehr erhältlich. Da die ungeborenen Kinder nicht alle warten konnten, bis es wieder verfügbar war, erhielten laut Martinelli im Kanton Waadt einige Frauen ersatzweise ein Medikament für Kühe. Einer von Martinellis Kollegen setzte sich ins Auto und besorgte in Frankreich Packungen, damit der Betrieb aufrechterhalten werden konnte.

Zumindest in Deutschland hätte eine andere Pharmafirma Ersatz für Syntocinon liefern können – aber sie durfte nicht, weil auf den Packungen ein vorgeschriebener Aufdruck fehlte, der Medikamentenfälschungen verhindern soll.

Vincristin

Kinder mit Krebserkrankungen sind auf dieses preiswerte Medikament angewiesen; ihm verdanken viele ihre Heilung. Im Juli stellte Teva, einer der beiden Hersteller, die Produktion für die USA ein, und Konkurrent Pfizer konnte die Lücke nicht sofort füllen. Das führte dazu, dass US-Ärzte entscheiden mussten, welches Kind Vincristin bekommt und welches nicht – «ein Albtraum», sagte jüngst ein Kinderarzt gegenüber der britischen Ärztezeitung BMJ.

In den USA kostet eine ­Ampulle Vincristin umgerechnet zwischen 8 und 14 Franken, hierzulande wird sie für rund 26 bis 40 Franken verkauft. Weniger als ein Prozent aller Krebserkrankungen betreffen Kinder, sowohl der Markt als auch die Gewinnmarge sind also klein. «In der Schweiz hatten wir bisher keinen Lieferengpass», sagt ­Felix Niggli, Abteilungsleiter ­Onkologie am Kinderspital ­Zürich.

In der Kinderheilkunde, insbesondere bei Krebstherapien, bestünden aber immer wieder Lieferengpässe, so Niggli. Bis jetzt habe man jeweils auf andere Generika ausweichen können. «Es gibt gelegentlich aber auch die ­Situation, dass Chemotherapeu­tika plötzlich nicht mehr hergestellt werden. Da muss man irgendwelche Alternativen finden, was bei manchen Medikamenten nicht so einfach ist.»

Lamotrigin

Patienten mit Epilepsie, die mit einem Medikament bisher gut gefahren sind, sollten nicht wechseln, selbst dann nicht, wenn ein anderes Medikament denselben, gleich dosierten Wirkstoff enthält. Das raten Ärzte und Apotheker, aber auch Axel Müller, Geschäftsführer des Verbands der Schweizer Generikahersteller Intergenerika. ­Patienten mit Epilepsie, die wechselten, hatten in einer Studie doppelt so oft epileptische Anfälle wie diejenigen, die nicht wechselten. Ob dies an kleinen Unterschieden zwischen den Arzneimitteln lag oder eher daran, dass sie das neue, ungewohnte Präparat weniger zuverlässig nahmen, ist offen.

Ein epileptischer Anfall kann für den Betroffenen jedenfalls erhebliche Folgen haben, wenn er sich verletzt oder daher nicht mehr Autofahren darf. Die Epilepsie-­Liga empfiehlt den Patienten deshalb, sicherheitshalber einen Medikamentenvorrat für einen Monat zu horten, für den Fall eines Lieferunterbruchs – nur nützt dieser Rat nichts, wenn der Mangel voraussichtlich bis März andauert wie aktuell bei Lamotrigin eines Schweizer Generikaherstellers.

Penicillin

In Brasilien steigt derzeit die Rate an Syphilis-Infektionen. Einer der Gründe dafür ist laut einem Behördenvertreter der Mangel an Penicillin zur Behandlung. Infi­zierte Neugeborene kommen deshalb mit Missbildungen zur Welt oder sterben. Ein anderes Beispiel ist Rifampicin. Dieses wichtige Antibiotikum zur Behandlung der Tuberkulose wird weltweit nur noch von einer Firma hergestellt, die die Produktion einstellen wollte. Auf Drängen der WHO stellt sie das Medikament nun doch weiter her.

Auch der Westen war früher schon betroffen: So kam es etwa zum Lieferengpass bei Piperacillin/Tazobactam, einem wichtigen Antibiotikum zum Beispiel bei schweren Bauchinfektionen. All diese Engpässe führen dazu, dass Ärzte zum Beispiel auf andere Antibiotika ausweichen, die ein grösseres Risiko bergen für Nebenwirkungen oder eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, dass sich resistente Bakterien bilden.

Propofol

«Ein Anästhesist ohne Propofol ist wie ein Chirurg ohne Messer», schrieb jüngst ein Narkosearzt ano­nym in einem deutschen Blog. Der Grund für seine Wut: Das «wahrscheinlich wichtigste Narkose­medikament» überhaupt war in Deutschland gerade Mangelware. Propofol wird für Kurznarkosen benützt, für Operationen und bei Patienten auf der Intensivstation. «Es ist uns sehr vertraut, kein Medikament spritzen wir häufiger. Es macht ein schönes Einschlafen, ist sicher steuerbar, hat nur wenige und dabei sehr gut beherrschbare Nebenwirkungen. Wir können mit Alternativen umgehen, und Narkose kann man auch relativ problemlos ohne Propofol machen. Die Alternativen haben aber teils erhebliche Nebenwirkungen, die wir nur ungern in Kauf nehmen.»



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Erstellt: 01.12.2019, 15:10 Uhr

Warum es zu Lieferengpässen kommt

Der Preisdruck auf die Hersteller ist ein Grund für die Notsituationen, deren Gewinnstreben der andere. Beides führte dazu, dass die Produktion von Wirkstoffen in günstigere Länder verlegt und auf wenige Firmen konzentriert wurde. Die Wirkstoffe für Arzneimittel in Europa werden inzwischen an über 4000 Orten in Indien hergestellt, an rund 2800 in China, ca. 1900 in Europa und etwa 600 in den USA.

Diese Zulieferer – die nicht immer nach Schweizer Standard arbeiten – versorgen weltweit die Pharmafirmen. Dazu kommt ein «Korsett» aus Vorschriften, welche die Hersteller einhalten müssen. Kommt es zu einem Produktionsstillstand oder einem Problem in der Verteilungskette, sind Patienten in vielen Ländern betroffen.

«Viele Engpässe sind das Resultat eines globalisierten Marktes, der weitestgehend unreguliert den Gesetzen von Angebot und Nachfrage folgt. Dabei sind Interessen und Belange von Patienten eher nachrangig», schreibt ein anonymer Narkosearzt in seinem Blog.

Die Arzneimittellieferanten versuchen zwar jeweils, auf Umwegen aus anderen Ländern noch Vorräte zu beschaffen. Aber auch das gelingt schon jetzt nicht immer. Belgien beispielsweise hat bereits ein Exportverbot eingeführt, Österreich will nachziehen, und auch in anderen Ländern werden solche Stimmen laut. Enea Martinelli, Chefapotheker der Spitäler Frutigen, Meiringen und Interlaken, spricht von einem «Verteilkampf», in dem die Schweiz nur deshalb so gute Karten habe, weil hier die Preise für Generika deutlich höher seien als in anderen Ländern – noch.

Geht es nach dem Bundesrat, soll dieser «Pluspunkt» wegfallen. Er plant Referenzpreise für Generika, die sich am Ausland orientieren, unter anderem an Deutschland. Dort kosten Generika etwa halb so viel wie in der Schweiz.

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