Nur das Minimum erreicht

Die G-20-Staaten einigten sich in Buenos Aires auf eine Abschlusserklärung, die die Differenzen aber kaum versteckt.

Gespräch über multilaterale Fragen: Bundeskanzlerin Merkel traf in Buenos Aires US-Präsident Trump. Foto: AFP

Gespräch über multilaterale Fragen: Bundeskanzlerin Merkel traf in Buenos Aires US-Präsident Trump. Foto: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Freitagabend, um 19.06 Uhr, mehr als neun Stunden nach dem offiziellen Beginn des G-20-Gipfels, ist die Gruppe endlich vollzählig. Angela Merkel gesellt sich dazu. Sie huscht mit ihrem Handtäschchen ins ehrwürdige Teatro Colón hinein, den 110 Jahre alten Prachtbau von Buenos Aires. So unauffällig wie möglich. Gut eine Stunde zuvor war sie mit einer Linienmaschine der spanischen Iberia auf dem Flughafen Ezeiza gelandet. Vielleicht hat sie sich dort kurz umgezogen und etwas frisch gemacht – im Hotel kann sie kaum gewesen sein. Als sie das Foyer im Colón betritt, stehen drei Menschen vor ihr – ein Mann, zwei Frauen –, und es hat den Anschein, als würde sie auf Anhieb nur die Dame im weissen Ballkleid erkennen: Es ist Juliana Awada, die Ehefrau des argentinischen Präsidenten Mauricio Macri. Wo der gerade steckt, eben war er doch noch da? «Womöglich auf der Toilette», vermutet ein argentinischer Reporter. Es ist und bleibt der Wurm drin bei dieser Dienstfahrt nach Argentinien.

Merkel umarmt also Awada. Und Awada umarmt Merkel. Einen mitleidigen Blick wirft sie der Bundeskanzlerin zu, aber sie verkneift sich, soweit man das aus der Ferne beurteilen kann, jeden Kommentar. Die Witze über die bedingte Einsatzbereitschaft der deutschen Fluggesellschaft sind ja alle schon im Netz gemacht worden. Gerade will Merkel auch den Rest des Empfangskomitees begrüssen, es handelt sich um Horacio Larreta, den Bürgermeister von Buenos Aires, und seine Frau, da biegt Macri um die Ecke. Ein Lippenleser möchte man jetzt sein. Wenn nicht alles täuscht, sagt er: «Pero Aaaangela, que pasó?» (Mensch, Angela, was ist denn passiert?).

USA schert bei Klimapolitik aus

Ausführlich aufgeklärt werden kann das in diesem Moment aber nicht – der Beginn der Gala ist schon überfällig. Es gibt noch ein schnelles Gruppenfoto auf der Marmortreppe, diesmal mit allen Staats- und Regierungschefs, dann gehen im Theatersaal die Lichter aus. Nach ihrem Höllenritt von Berlin über den niederländischen Luftraum, der Kehrtwende nach Köln und der kurzen Nacht in Bonn über Madrid nach Buenos Aires, beginnt Merkels Gipfelteilnahme also mit einer 45-minütigen Tanzvorführung. Mit einem musikalischen Streifzug durch alle argentinischen Provinzen. Dabei wird auch «Rock Argentino» gespielt – das mindert die Einschlafgefahr.

Merkel musste wohl in kürzester Zeit sehr viel von ihrer berühmten ausgleichenden Art aufbringen, um die Runde der Alphatiere doch noch zu einer gemeinsamen Abschlusserklärung zu bewegen. Vor allem bei den bekannten Streitthemen – Klimaschutz, Strafzölle, Migration – gab es offenbar einen breiten Dissens, der hinter Kompromissformeln versteckt werden musste. Während sich die G-20-Staaten darauf einigten, eine Reform der Welthandelsorganisation (WTO) voranzutreiben, um eine bessere Einhaltung von gemeinsamen Spielregeln zu ermöglichen, verzichteten sie auf die sonst bei Gipfeln übliche Verurteilung des Handelsprotektionismus. Und bei der Klimapolitik scherten die USA aus: In der Abschlusserklärung des Gipfels tragen sie das Bekenntnis der 19 übrigen Mitglieder zu den Pariser Klimaschutzzielen von 2015 nicht mit

Argentinien braucht China und die USA als Freunde

Für zusätzliche Aufregung, vor allem unter den Gastgebern, sorgte ein Statement von Trumps Sprecherin Sarah Huckabee Sanders. Nach dem Treffen des US-Präsidenten mit Macri wurde sie von mehreren Medien mit dem Satz zitiert: «Die beiden Leader bekräftigten ihre gemeinsame Absicht, den regionalen Herausforderungen wie Venezuela etwas entgegenzusetzen sowie der räuberischen Wirtschaftstätigkeit Chinas.» Im Fall des komplett heruntergewirtschafteten Venezuela ist man sich tatsächlich einig. Der Halbsatz zu China entwickelte sich allerdings zum Aufreger des Tages in Argentinien. Das Land ist in seiner tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise auf Gedeih und Verderb auf chinesische Investitionen angewiesen. Wohl auch deshalb wurde Chinas Staatchef Xi Jinping als einziger G-20-Besucher von Macri als offizieller Staatsgast eingeladen und mit militärischen Ehren empfangen. Am Sonntag, im Anschluss an den Gipfel, wollen die beiden einen strategischen Deal schliessen und 37 bilaterale Verträge unterzeichnen. Das Letzte, was Macri in dieser Situation einfiele, wäre, Xi als Räuber zu bezeichnen.

Allerdings ist Argentinien auch von US-Krediten abhängig. Bei dem mit grösster Spannung erwarteten Abendessen zwischen Trump und Xi am Samstagabend in Buenos Aires zitterte wohl nicht zuletzt Mauricio Macri mit. Spitzt sich der Handelskrieg zwischen den USA und China zu, dann könnte er früher oder später zu einer Entscheidung zwischen Freund und Feind gezwungen sein, obwohl er beide als Freunde braucht.

Der saudische Kronprinz gab sich gut gelaunt

Vieles von dem, was bei diesem Gipfel herauskam, lag wie so oft an der Tagesform des US-Präsidenten. Am Freitags schon gab es bei ihm jedenfalls eine klare Tendenz zu schlechter Laune, bestens symbolisiert durch jenen Kopfhörer, den er offenbar wegen einer unverständlichen Simultanübersetzung auf den roten Teppich knallte. Die Europäer werten es aber als Erfolg, dass sich die G-20 noch einmal klar zur internationalen Kooperation verpflichtete. «Wir können alle froh sein und uns beglückwünschen, dass wir wichtige Vereinbarungen erzielt haben», sagte Macri am Samstagabend.

Demonstrativ gut gelaunt präsentierte sich der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman. Trotz der gegen ihn in Argentinien eingereichten Anzeige wegen des Vorwurfs von Menschenrechtsverbrechen im Jemenkrieg und seiner mutmasslichen Verstrickung in den Mord am Journalisten Jamal Khashoggi wurde er in der Runde des Mächtigen der Welt keineswegs als Aussätziger behandelt. Ganz im Gegenteil. Die meisten Staats- und Regierungschefs begrüssten den Prinzen höflich, Putin klatschte mit ihm sogar wie mit einem alten Kumpel ab.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.12.2018, 21:47 Uhr

Artikel zum Thema

G20-Gipfel: Einigung erzielt, Trump stellt sich bei Klimaschutz quer

Video Erst kurz vor Abschluss des Treffens in Buenos Aires liegt eine Abschlusserklärung vor. Bei einem Thema scheren die USA aus. Mehr...

Putin erklärt Macron die Ukraine-Krise mit einer Zeichnung

Der russische Staatschef hat sich Zeit genommen und den Vorfall im Asowschen Meer dargestellt. Derweil kam es in Buenos Aires zu Demonstrationen. Mehr...

Der Westen hofft auf Merkel

Die deutsche Kanzlerin soll in der Ukraine-Krise vermitteln, bitten Kiew und Washington. Sie wissen: Merkel kennt den Konflikt im Detail – und Putins Motive. Mehr...

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home 15 weihnächtliche Dekorationsideen

Tingler Auf dem Index

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...