O du fröhliche Idylle

Sie stammt aus einer Patchworkfamilie und feierte als Kind mitunter sechsmal hintereinander Weihnachten. Marah Rikli weiss, wie man Festtage mit einer zusammengewürfelten Familie übersteht.

Ist nichts für Softies: Weihnachten mit einer Patchwork-Familie. Foto: Getty Images

Ist nichts für Softies: Weihnachten mit einer Patchwork-Familie. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Uhr tickt, noch sieben Tage bis Heiligabend. Eigentlich mag ich Weihnachten. Die Märkte, das ­Backen, den Glühwein. Seit ich Mutter in einer Patchworkfamilie bin, sind die Feiertage jedoch zu harter Arbeit geworden. Entspannen, schlemmen und besinnen? Das ist was für Softies. Für uns heisst es vor allem: planen, durchhalten, überleben.

Dabei bin ich in Sachen unkonventionelle Weihnachten eigentlich ein alter Hase. Ich wuchs selbst in einer Patchworkfamilie auf und feierte im Durchschnitt sechsmal Weihnachten pro Jahr, da nicht nur meine Eltern, sondern auch meine Grosseltern getrennt lebten.

«Früher war ich die Ausnahme, heute ist die Patchworkfamilie die Norm.»

«Die armen Kinder, die traumatisierte Frau!», könnte man nun denken – doch keine Sorge, es geht uns gut. Zudem ist unsere Situation zur gesellschaftlichen Normalität geworden. War ich vor dreissig Jahren noch das einzige Patchwork-Kind in der Klasse, sind heute jegliche Patchwork-Konstellationen verbreitet und akzeptiert. Richtig verzwickt wird es jedoch für fast alle Patchworkfamilien an Weihnachten. Damit es bei uns möglichst friedlich zu und her geht, habe ich meinen ganz ­persönlichen Survival-Guide entwickelt.

1. Datum frühzeitig festlegen
Feiert der Sohnemann dieses Jahr Heiligabend bei der Mutter oder beim Vater? Und wo ist er an ­Silvester? Spätestens wenn beide Elternteile neue Partner haben, wird die Organisation schwierig. Haben diese auch noch Kinder und Eltern, ist das Chaos vorprogrammiert. Dem Augenrollen meiner Familie zum Trotz bespreche ich deshalb die Weihnachtsdaten gleich nach den Herbstferien. Da bin ich mit Leidenschaft Kontrollfreak. Im Zweifelsfall halte ich mich an «die Klügere gibt nach» und meditiere, anstatt hässliche Streitereien zu riskieren.

2. Kein Heile-Welt-Trauerspiel
Patchworkfamilie bedeutet auch: Menschen haben miteinander zu tun, die sich freiwillig nie kennen gelernt hätten. Ex-Mann und ­neuer Partner zum Beispiel. Zusammen an einem Tisch Weihnachtslieder zu singen, sorgt dann auch mehr für eine explosive als eine festliche Stimmung. Ich habe dieses Heile-Welt-Trauerspiel ­abgeschafft. Mein Sohn feiert bei Mami und Papi getrennt, es kommt nur zusammen, wer es ­zusammen aushält. Das heisst aber auch, sich von idealistischen Vorstellungen zu lösen und nichts durchzuboxen. Selbst wenn mich manchmal das schlechte Gewissen plagt, bin ich überzeugt: Was mich als Mutter stresst, stresst auch meine Kinder.

«Ich bin eine Verfechterin von Ruhigstellmethoden geworden: Kindern das Smartphone in die Hand ­drücken, Teenies an eine Party ­schicken.»

3. Sich nicht zu viel Arbeit machen
Ein glitzriges Tässli für die neue Frau des Ex-Mannes bemalen? Herzige Zwerge basteln für die Ex-Oma und den Stiefopa? Und was, wenn der Sohn findet, «also Mami, das Gotti vom Mami vom Stief­papi muss auch ein selbst genähtes Handtuch bekommen»? Nicht mit mir, sorry. Patchwork ist mir Gebastel genug. Und irgendwo muss man ja Abstriche machen, sonst nimmt das in einer grossen Familie kein Ende. Ich lasse deshalb ­lieber den Stiefvater Geschenke kleben. Oder die Ex-Schwiegermutter. Das ist der Vorteil einer grossen zusammengewürfelten Familie: Es findet sich immer jemand, der einem unangenehme Pflichten abnimmt.

4. Pragmatische Ansprüche und geräumige Location
Meine Patchworkfamilie (mal nur väterlicherseits) zählt mittlerweile gut dreissig Personen. Wo feiert man solch grosse Feste? Bis jetzt fanden wir immer ein riesiges Wohnzimmer. Doch je mehr Nachwuchs jedes Jahr hinzukommt, desto prekärer werden die Platzverhältnisse. Was auch geht: Waldhütten, Quartierhäuser oder ganze Turnhallen mieten. Das Wichtigste ist jedoch, die Ansprüche runterzuschrauben. Alle zusammen Weihnachtslieder singen und jeder macht jedem ein Geschenk? No way. Bei uns gleicht Weihnachten deshalb eher einem lockeren Vereins-Chlaushöck oder der GV eines Quartiervereins.

5. Wer ist denn das schon wieder?
Ich: «Heute kommt Helena vorbei.»
Sohn: «Helena? Wer ist Helena?»
Ich: «Meine Stiefschwester, deine Stieftante.»
Sohn: «Ahhh, ich komme nicht mehr draus, ehrlich!»
Ich: «Helena kennst du doch! Sie hat dir letzte Weihnachten 50 Franken ans Velo geschenkt.»
Sohn: «Ach ja?»
oder
Sohn: «Mami, ich gehe heute mit Papi zu Peter.»
Ich: «Wer bitte ist Peter?»
Sohn: «Der Bruder von Papis Freundin.»
Ich: «Ich wusste gar nicht mehr, dass Papis Freundin einen Bruder hat.»
Sohn: «Mami, du kannst dir auch echt nichts merken.»

Unser Patchworkfamilienstammbaum gleicht dem Organigramm eines KMU. Uns hat geholfen: tatsächlich einen Stammbaum aufzuzeichnen und aufzuhängen. Ist ­übrigens auch gleich ein prima Weihnachtsgeschenk für die vielen Grosseltern.

6. Sonderwünsche nur im Notfall
Menüplanung in einer Patchworkfamilie ist so eine Sache. Wer isst vegan? Wer vegetarisch und wer nur Fleisch? Wer hat eine Glutenunverträglichkeit, und wer verzichtet auf Zusatzstoffe? Unterschiedliche Gene, unterschiedliche Allergien, unterschiedliche Geschmäcker. Bei meinen vielen Stief-, Ex- und Blutsverwandten habe ich schon längst den Überblick verloren, wer was gern isst und überhaupt essen darf. Deshalb mache ich es mir auch hier einfach: Findet das Essen bei uns statt, koche ich so etwas wie Würstli im Teig. Für die Vegetarier gibt es dann halt nur Teig. Und für die vegan ernährten Kleinkinder mit Glutenunverträglichkeit habe ich meistens noch ein Mandarinli parat. Bio natürlich. Ansonsten frage ich auch hier alle eingeladenen Gäste frühzeitig an, damit es keine Allergieschocks und Notfallarzteinsätze gibt.

7. Die Kinder ruhigstellen
Als Kind glich Weihnachten mitsamt all meinen Geschwistern (Ganz-, Halb- und ­Stiefgeschwister) dem Abschlussabend einer schwererziehbaren Kleinklasse. Es lief ein unausgesprochener Wettkampf, es ging um Eifersucht, Aufmerksamkeit und Konkurrenz. Jeder wollte den Papi oder das Mami für sich, und trotzdem hatte man sich ja irgendwie gern. Heute erlebe ich als Mutter Ähnliches und bin eine Verfechterin von Ruhigstellmethoden unter dem Tannenbaum geworden: Smartphone in die Hand drücken. Alle Geschenke bereits am Anfang auspacken lassen. ­Extra schwierige Lego-Technics zum Aufbauen schenken. Teenies an die Christmas-Party schicken. ­Erziehen und mit meinen Kindern über ihre Gefühle reden, kann ich auch noch an 364 anderen Tagen im Jahr.

8. 1001 Geschenke brauchen wir nicht
Mein Sohn hat sechs Omas und eine Uroma. Das heisst an Weihnachten: sieben Oma-Geschenke erhalten. Da er auch noch im Dezember Geburtstag hat, ist sein Sparkonto Anfang Jahr jeweils voller als meines. Was nach einem Paradies für Kinder klingt, sorgt bei uns Eltern für rote Köpfe, schliesslich will man das Kind zu bewusstem Konsum und Kaufverhalten erziehen. «Das Kind hats ja sonst schon so schwer» oder «Ich sehe es ja so wenig» sind für mich denn auch keine Gründe, eine ­Materialschlacht zu veranstalten. Wunschlisten frühzeitig zu verteilen und Schenkgemeinschaften zu bilden, ist unsere Lösung für dieses Problem.

Meine grosse, laute und zusammengewürfelte Familie hat mich nicht nur an Weihnachten geprägt. Manchmal wars anstrengend. Und trotzdem: Ich will nicht tauschen. All das Chaos, das so eine Familie mit sich bringt, macht uns nämlich im besten Fall toleranter, offener und anpassungsfähiger.

Ich besorge jetzt die letzten Geschenke. Online natürlich, ich tu mir den Stress in den Läden doch nicht an!

Erstellt: 17.12.2017, 15:16 Uhr

Artikel zum Thema

Zoff an Weihnacht? Aber richtig!

SonntagsZeitung Während der Festtage werden Sie manche Spitze von der geliebten Verwandtschaft erfahren, auf die es richtig zu reagieren gilt. Eine Anleitung zum Streiten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...