«Operation Bluter» gegen
Schweizer IS-Führer

Der Aargauer Thomas C. wurde einer der ranghöchsten Nicht-Araber bei der Terrororganisation.

Am Scharia­gericht von ­Manbij, Syrien, soll der Schweizer IS-Terrorist Thomas C. für Folterungen und Exekutionen verantwortlich gewesen sein. Foto: Reuters

Am Scharia­gericht von ­Manbij, Syrien, soll der Schweizer IS-Terrorist Thomas C. für Folterungen und Exekutionen verantwortlich gewesen sein. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Genf Nach wie vor wirft der Fall des Schweizer IS-Terroristen Thomas C. mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Nach längeren Berichten in den deutschen Zeitungen «Bild» und «Die Zeit» ist aber eines klar: Der 1987 geborene und in der Region Baden im Kanton Aargau aufgewachsene C. hat es von allen Jihadisten aus der Schweiz im Islamischen Staat (IS) am weitesten gebracht. Glaubt man «Bild», dann ist der Aargauer sogar zu Europas ranghöchstem Terroristen innerhalb des IS aufgestiegen.

Er soll einer der Drahtzieher der Anschläge in Paris 2015 und in Brüssel 2016 gewesen sein. Insbesondere soll C. die an diesenAttentaten beteiligten Terroristen militärisch trainiert haben. Ab Ende 2016 war Thomas C. gemäss «Bild» in die Planung von Anschlägen in Deutschland involviert. Diese fanden aber nie statt.

Doch wie wurde Thomas C., der zeitweise auch in Zürich lebte, zu einem IS-Anführer? Für seinen Werdegang interessiert sich spätestens seit 2016 auch das Bundesamt für Justiz (Fedpol). Weil Thomas C. unter einer Erbkrankheit leidet, bei der die Blutgerinnung gestört ist, gab Fedpol seinen Ermittlungen gegen den Terroristen den Namen «Operation Bluter».

Ein Jahr nach seiner Ankunft war er schon Geheimdienstchef

Seine Eltern liessen sich scheiden, nachdem mehrere von ihnen gegründete Firmen in finanzielle Schieflage geraten waren. Am Schluss verliess die Mutter die Schweiz und nahm Thomas C. mit nach Frankfurt am Main. Dort ­geriet der junge Mann mit der Zeit in die salafistische Szene und ­konvertierte zum Islam. Bereits im März 2013 reiste der zu diesem Zeitpunkt 25-Jährige nach Syrien, als einer der ersten Schweizer ­Jihadisten.

Weil er intelligent und sprachgewandt ist – Thomas C. spricht angeblich sehr gut Arabisch –, wurde er gemäss «Bild» schon 2014 Geheimdienstchef in Manbij in Nordsyrien, knapp 30 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Manbij war das Einfallstor für Jihadisten aus aller Welt, die via Türkei nach Syrien fuhren.

Als Geheimdienstchef wäre Thomas C. auch für Folterungen und Exekutionen verantwortlich gewesen. Ausgesprochen wurden die drakonischen Strafen von einem Schariagericht im Westen von Manbij, das in einer umfunktionierten Schule untergebracht war.

Auf dem Mittelstreifen der breiten Ausfallstrasse wurde ein Stahlkäfig aufgestellt, in den Menschen wegen kleiner Vergehen wie Zigarettenrauchen eingesperrt wurden. Schwerere Verbrechen wurden durch Enthaupten mit anschliessendem Zurschaustellen der Leichen an Holzgestellen auf dem Grünstreifen geahndet. Es war genau an dieser Stelle, wo der Winterthurer Jihadist Christian I. einen der herumliegenden Menschenköpfe aufhob und sich so ablichten liess. Das Foto schickte er dem Schreibenden.

Gruppenbild mit weiteren Schweizer Jihadisten beim IS

Obwohl sich Thomas C. beim IS kaum fotografieren liess, ist die SonntagsZeitung in den Besitz eines Bildes gelangt, das mutmasslich den Aargauer ganz in Schwarz und mit ausgestrecktem Zeigefinger zeigt, dem Symbol für den muslimischen Ein-Gott-Glauben. Um ihre Quellen nicht zu gefährden, verzichtet die SonntagsZeitung aber auf die Publikation der Aufnahme. Interessant sind auch die vier weiteren Jihadisten, die sich um den hochrangigen Terroristen gruppiert haben: Direkt neben ihm sitzt der Genfer Ramzy B., er hat Thomas C. einen Arm über die Schulter gelegt, während er mit der anderen Hand den Lauf einer Kalaschnikow hält. Links von ihm sitzt der Genfer Jihadist Daniel D. Wie Thomas C. hat er kaum Bartwuchs. Er befindet sich heute in Gefangenschaft kurdischer Milizen in Nordostsyrien.

Ganz links zu sehen ist ein weiterer Mann mit einem mächtigen Bart an einem Kaffeetisch. Bei ihm könnte es sich möglicherweise um einen Jihadisten aus dem Kanton Luzern handeln, der später desertiert und wieder nach Europa zurückgekehrt sein soll.

Ganz rechts sitzt Ajdin B. aus Lausanne auf einem Plastikstuhl. In seinem Schulterholster steckt eine Pistole. Auch er ist heute ein Gefangener der Kurden. Seine Frau, die ebenfalls interniert ist, hat ihn auf dem Foto sofort erkannt, doch Ajdin B. gibt im Verhör an, dass es sich um eine Verwechslung handle und er «mit solchen Leuten» wie auf dem Foto nichts zu tun gehabt habe. Allerdings ist er von allen fünf Jihadisten am besten zu erkennen.

Das Bild der fünf Jihadisten ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens war Thomas C. äusserst fotoscheu. Wenn es sich bei dem Schwarzgekleideten auf dem Bild tatsächlich um den Aargauer Topterroristen handelt, dann muss es wohl einen besonderen Grund für die Aufnahme gegeben haben. Vermutlich handelt es sich bei der Zusammenkunft um ein Treffen von Schweizer Jihadisten beim IS.

Drei von ihnen, nämlich Thomas C., Daniel D. und Ramzy B., sollen in Einheiten gedient haben, die sich mit der Planung von Terroranschlägen im Ausland beschäftigten. Dies könnte ein Indiz sein, dass Jihadisten aus der Schweiz eine weitaus wichtigere und gefährlichere Rolle gespielt haben als bisher angenommen. Es würde auch die Aussagen von Schweizer Jihad-Reisenden relativieren, die heute im Gefängnis sitzen. Der Tenor dieser Aussagen lautet: Wir haben nichts Böses getan und kaum etwas gesehen oder gehört.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 16.11.2019, 22:44 Uhr

Artikel zum Thema

IS-Anhänger planten Anschlag in Frankfurt

In Hessen wurden drei mutmassliche Terroristen festgenommen. Die Polizei stellte sprengstoffrelevante Substanzen sicher. Mehr...

Hat der «Emir von Winterthur» die jungen Geschwister rekrutiert?

Sandro V. und ein Bekannter pflegten laut Ermittlern engen Kontakt zu einem Schweizer Mädchen und ihrem Bruder, die nach Syrien reisten. Mehr...

Anklage gegen «Emir von Winterthur» zurückgewiesen

Das Bundesstrafgericht lehnt die Anklageschrift gegen mutmassliche IS-Rekrutierer ab. Die Ermittler müssen über die Bücher – in einem zentralen Punkt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Gespenstische Stimmung: Ein Vogel fliegt während des letzten Vollmondes des Jahres über den Statuen der Katholischen Hofkirche in Dresden. (12. Dezember 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...