Packeis zu verkaufen

Kolumnist Markus Somm über Trumps jüngstes Immobilienprojekt.

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In Amerika sprechen die Freunde des Präsidenten von einem sogenannten Trump Derangement Syndrome, einem Trump–Störungs–Syndrom, das all jene Menschen gelegentlich ergreift, die Donald Trump, den irrsinnigen Präsidenten, so sehr hassen, dass sie selber dem Irrsinn verfallen. Was immer Trump tut oder sagt: Es muss in die Katastrophe führen, es wird den Untergang des Planeten nach sich ziehen, es kann nur dumm, unanständig, rassistisch oder noch Schlimmeres sein – oder eben «absurd», wie sich die neue dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ausdrückte, als sie davon vernahm, dass Trump, der grösste Immobilienhändler aller Zeiten den grössten Immobilien–Deal der Weltgeschichte einzufädeln versucht hatte. Trump möchte Grönland kaufen, die weitläufige Insel, wo so wenig Leute leben oder frieren wie nirgendwo sonst. Grönland gehört formell zu Dänemark. Unisono verwarfen die Dänen die Offerte, manch ein Politiker mit Entrüstung.

Inzwischen haben sich die Amerikaner etwas verschnupft abgewendet, der Handel dürfte kaum zustande kommen, und Trump hat einen Staatsbesuch nach Dänemark abgesagt. Er gibt sich beleidigt: Wenn die Dänen an einem solchen Geschäft nicht interessiert seien, dann hätten sie ihm das freundschaftlich mitteilen können, dass man ihn aber als Idioten hinstelle, wie Frederiksen das offensichtlich getan hat, akzeptierten die USA nicht mehr, solange er das Land führe. Von einem, der bislang nicht als überaus feinfühliger Zeitgenosse aufgefallen ist, mag diese neue Empfindsamkeit überraschen, doch in der Sache hat Trump vollkommen recht.

Die USA hatten früher schon Interesse angemeldet

Absurd ist der Gedanke keinesfalls. Grönland gehört geographisch ohnehin zur westlichen Hemisphäre, und strategisch ist das Gebiet von allerhöchster Bedeutung. In Zeiten, da China und Russland immer aggressiver die Hegemonie des Westens untergraben – des Westens insgesamt, nicht bloss der USA – würde es durchaus Sinn machen, wenn ein starkes Land Grönland besässe – im Gegensatz zu Dänemark, das nie und nimmer in der Lage wäre, die Insel zu verteidigen, zumal die Dänen zu jenen gehören, die ihren finanziellen Beitrag an die Nato nie in dem Masse leisten, wie sie es versprochen hatten. Wie die meisten Europäer lassen sich die Dänen gerne seit Jahrzehnten von den Amerikanern schützen – ohne es mit der Dankbarkeit allzu sehr zu übertreiben.

Hinzu kommt, und hier offenbart sich das Trump Derangement Syndrome, dass sich nicht Trump diese Idee ausgedacht hatte, sondern der republikanische Senator Tom Cotton aus Arkansas, kein Leichtgewicht, ebenso wenig ein Dummkopf. Ausserdem, und das hätten die Dänen wissen müssen, die sich nun so theatralisch aufregen, ist es nicht das erste Mal, dass die Amerikaner sich um Grönland bemühen. Schon bei zwei Gelegenheiten wollten sie es kaufen, zuerst 1867, und dann nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946, als sich der militärische Wert der Insel gerade wieder gezeigt hatte. Die Nazis hatten Grönland besetzt. Deshalb bot der damalige amerikanische Präsident Harry Truman, einer der ganz Grossen, den Dänen 100 Millionen Dollar für Grönland – auch zu jener Zeit lehnten die stolzen Dänen ab, wenn auch ungleich höflicher. Man wusste, wem man die Freiheit verdankte. Auch in Dänemark hatten die Nazis gewütet.

Aus der EU längst ausgetreten

Die stolzen, aber auch etwas selbstgerechten Dänen. Wenn sie nun darauf hinweisen, Grönland sei eine autonome Region mit selbständigen Einheimischen, die sie bloss an der langen Leine führten, – was wohl unterstreichen sollte, wie unsensibel Trump vorgegangen war: Dann trifft das zwar zu, aber erst seit wenigen Jahren. Tatsächlich hat Dänemark Grönland Jahrhunderte lang als Kolonie behandelt, ohne die dortigen Eingeborenen – meist Inuit – je zu fragen, ob sie denn dem Königreich angehören wollten oder nicht. Ebenso war die Herrschaft zwar skandinavisch mild, aber genauso unbeliebt. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Grönländer Schritt für Schritt mehr Freiheit erkämpft, geschenkt wurde ihnen nichts. Schliesslich haben die Dänen kaum Anlass, sich auf ihre Leistungsbilanz in Grönland viel einzubilden. Ihre einstigen Untertanen hinterliessen sie als unglückliche Menschen. Die Grönländer weisen eine der höchsten Suizid–Raten der Welt auf, und der Alkoholismus nimmt russische Ausmasse an. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Das Land ist mausarm.

Ob eine amerikanische Herrschaft daran viel ändern würde, darf bezweifelt werden. Als Schweizer empfehle ich die Unabhängigkeit. Aus der EU ist Grönland übrigens längst ausgetreten, als erstes Land überhaupt.



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Erstellt: 24.08.2019, 19:35 Uhr

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